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Nationalkonservative Dominanz

Dem Informationsjournalismus gehen die finanziellen Mittel verloren, hält das neue Jahrbuch «Qualität der Medien» fest.

«Der hundertfache Flüchtlingstod und die Negation des Asylrechts mitsamt den Menschenrechten sind keine Leichtfertigkeiten», schrieb der Mediensoziologe Kurt Imhof kurz vor seinem Tod Anfang März 2015. Es handle sich dabei, um «einen Angriff auf die zivilisatorischen Errungenschaften guten Lebens». Dass dies möglich werde, hänge mit der Qualität der öffentlichen Kommunikation zusammen, sie sei der «Seismograph für den Stand der politischen Kultur». Das von Kurt Imhof geschaffene Jahrbuch «Qualität der Medien» soll dieses Messwerkzeug sein. Es erschien diese Woche zum sechsten Mal.

Seit der ersten Publikation 2010 beklagen die Autoren die Verflachung der politischen Auseinandersetzung in den Medien, sei es bei den Abonnenten- wie den Gratiszeitungen, den Boulevardmedien und bei Fernsehen und Radio. In diesem Jahr betonten die Forscher des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich (Fög), dass den abonnierten Zeitungen die Kunden verloren gingen: Nur noch wenige Jugendliche und junge Erwachsene würden abonnierte Medien konsumieren, sie würden sich vermehrt Softnews (Unterhaltungs- und Personality-Geschichten) zuwenden.

«Der Informationsjournalismus», so der Fög-Präsident Mark Eisenegger, «verliert die jungen Erwachsenen». Und dies auf allen Medienkanälen, ausser den Online-Medien. Aber auch hier ist der Zuwachs (zwei Prozent) gering. Bescheiden ist auch die Bereitschaft, für Online-Informationen zu bezahlen. Die Medienverlage verlieren folglich Ressourcen für journalistische Eigenleistungen. Neue Geschäftsmodelle sind nicht in Sicht: «Die Finanzierungsschwierigkeiten des Informationsjournalismus werden sich weiter vergrössern», bilanziert Linards Udris, Stellvertretender Fög-Leiter.

«Repolitisierung der Presse»
Besonders beachtenswert sind die weiteren Befunde über die Schweizer Medien. Die Forscher beobachten erstens eine «Repolitisierung der Presse» und zweitens eine Fundamentalopposition wider das Angebot des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens, der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Beide Entwicklungen werden von nationalkonservativen oder rechtsbürgerlichen Exponenten vorangetrieben. Tito Tettamanti und Christoph Blocher kauften die «Weltwoche» und die «Basler Zeitung». Sie positionierten die Blätter politisch neu, auch mit der Berufung der Chefredaktoren Roger Köppel und Markus Somm. Bei der Bestellung des neuen Chefredaktors der «Neuen Zürcher Zeitung» blieb den Nationalkonservativen der Erfolg versagt. Unerwähnt lassen die Fög-Forscher, dass auch andere Medientitel – wie die «Neue Luzerner Zeitung» – zu SVP-Megafonen geworden sind. Unklar ist, wie weit die eifrige Medienarbeit der finanzstarken SVP das Themensetting von Forumszeitungen bestimmen kann. Die Fög-Forscher weisen nach, dass die SVP-Masseneinwanderungsinitiative zu den wichtigsten Kommunikationsereignissen des Jahres 2014 gehört – das Ökologie-Thema «Ausstieg aus der Atomkraft/Energiewende» hingegen nicht.

Auch bei den SRG erhalten ausländer- und europapolitische Themen starke Resonanz, dies in allen drei Sprachregionen. Der öffentlich-rechtliche Sender trage deshalb, so das Fazit der Fög-Forscher, «zur Integration der verschiedenen Landesteile» bei, betone damit aber auch «Themen, die im Wesentlichen von der SVP gesetzt» würden.

Kampf gegen den Service public
Schweizer Medienverlage schreiben meist schwarze Zahlen, wenn auch bei sinkenden Einnahmen. Der harte Konkurrenzkampf verschärfte im vergangenen Jahr auch den Ton medienpolitischer Diskussionen über den Service public und die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft. Die SRG sah sich im Abstimmungskampf über die Rundfunkgebühren plötzlich grundsätzlicher Kritik ausgesetzt, vorgetragen von privaten Medienorganisationen wie auch rechtsbürgerlichen Parteien, die wirtschaftsliberal und staatslibertär gegen den Staat und die «classe politique» argumentieren. Treiber dieser SRG-Kritik seien, so der Befund des Jahrbuchs, «auch die Medien selbst». Sie hätten ihre eigene Interessengebundenheit nicht transparent gemacht. Und sie hätten Studien ausgeblendet, die nachweisen, dass das Vorhandensein eines öffentlichen Rundfunks mit besser informierten Bürgern und geringeren Wissensunterschieden in einer Gesellschaft einhergeht.

Das Jahrbuch attestiert den SRG-Medien – bei geringen Einbussen – eine hohe Qualität der Einordnung von Informationen. Die privaten Sender bieten in diesem Bereich wenig. Die gesetzlichen Vorgaben erschweren die wirtschaftliche Konzentration, doch die AZ-Medien des Aargauer Verlegers Peter Wanner spielen «eine zunehmend dominante Rolle». Der Verlag betreibt die konzessionierten Sender Radio 24 und Radio Argovia sowie Tele M1 und Tele Bärn wie auch den (nicht konzessionierten) Sender TV 24. Damit steige, so das Jahrbuch, «ausgerechnet derjenige Akteur» auf, dessen Fernsehnachrichten «eine messbar unterdurchschnittliche Qualität» aufwiesen.

Hans Stutz
Tachles, 31. Oktober 2015
Alle Rechte beim Verfasser.