| Das
Jahrbuch «Qualität der Medien» untersucht die Berichterstattung
über Minderheiten, indem der «Problematisierung des Fremden»
anhand von konkreten Beispielen nachgegangen wird.
Die Bürger der Schweiz bilden wie in anderen Ländern
auch eine Gesellschaft von Minderheiten, nicht nur der Sprachen
und Kulturen, sondern ebenso der Religionen und Lebensweisen. Zu
den ersten Ausschlusshandlungen gehört es, Angehörige
von Minderheiten als «Fremde» zu bezeichnen. Auch die
drei Wissenschaftler der Universität Zürich, Linards Udris,
Kurt Imhof und Patrik Ettinger, greifen bei ihrer Studie über
die Schweizer Mediendarstellung von «Ausländern und ethnischen
Minderheiten»* auf diesen Begriff zurück. Sie thematisieren
die «Problematisierung des Fremden» und sie stellen
fest, dass «mittlerweile» die Mehrheit der Parteien,
die Abstimmenden und die Medien «die Grundannahme eines problematischen
Verhältnisses zum Fremden» teilen würden.
Diese These überrascht nicht: Erstens wird seit über 100
Jahren der Überfremdungsdiskurs von fast allen Parteien gestützt
und politisch umgesetzt. Oder wie der Berner Politologe Adrian Vatter
nach der erfolgreichen Minarett-Initative festhielt: «Die
Volksentscheide zu religiösen Minoritäten der letzten
160 Jahre sind kurz zusammengefasst eine Kaskade von Verzögerungs-,
Ablehnungs- und Verschärfungsbeschlüssen.» Zweitens
haben sich bürgerliche Parteien und die Wirtschaftsverbände
seit den sechziger Jahren nur dann ?gegen Ausländer diskriminierende
Vorlagen eingesetzt, wenn diese im direkten Widerspruch zu Unternehmerinteressen
standen.
Krise ist immer
Die «erfolgreiche Problematisierung des Fremden» sehen
die Zürcher Autoren in einem Zusammenspiel von sechs Faktoren,
nämlich erstens der direkten Demokratie mit zweitens dem kulturellen
Selbstverständnis der Schweiz, drittens dem ?erstarkten Rechtspopulismus,
viertens der Ökonomisierung des Medienwesen, fünftens
dem Strukturwandel der Migration weg von der Unterschichts- hin
zu einer «Durchmischungsmigration» und sechstens in
einer Periode der Orientierungsunsicherheit. Nur: Krise ist immer.
Und weiter: Auch in Ländern ohne direkte Demokratie konnten
nationalistisch-konservative sowie rechtsextremistische Parteien
in den vergangenen Jahren rassistische und fremdenfeindliche Kampagnen
erfolgreich durchsetzen.
Harsche Kritik
Mehr öffentliche Widerrede ernten werden die Autoren mit einem
anderen Befund. Wie im vergangenen Jahr monieren sie «Defizite
in der Qualität der Berichterstattung», in erster Linie
bei den Gratiszeitungen, teilweise bei den Boulevardzeitungen, vor
allem aber bei der «Weltwoche». Bei den Auseinandersetzungen
um die Ausschaffungs- und die Minarett-Initiative sei dieses Blatt
«selbst Bestandteil der Kampagne» gewesen, insgesamt
betreibe die «Weltwoche» einen «ideologisch geprägten
Thesenjournalismus».
Hans Stutz
* Linards Udris, Kurt Imhof, Patrik Ettinger: ?Problematisierung
des Fremden in der direkten Demokratie, Jahrbuch «Qualität
der Me-?dien», Schwabe Verlag, Basel 2011.
Tachles, 7. Oktober 2011
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