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Die
Weltwoche zeichnet die Berner Pfarrerin Christine Dietrich
als unbescholtene junge Frau. Dabei sind ihre islamophoben Aktivitäten
seit Jahren dokumentiert, ihre Blogeinträge hat sie löschen
lassen.
Die Erleichterung bei den Evangelikalen ist deutlich hörbar:
Hexenjagd: Magazin verteidigt Berner Pfarrerin, so titelt
Livenet, das selbst ernannte Webportal der Schweizer Christen.
Vergangene Woche versuchte Philipp Gut, Redaktor der Weltwoche,
die Reinwaschung von Christine Dietrich, Pfarrerin von Siselen-Finsterhennen
im Berner Seeland. Dabei blendete er viele gesicherte Fakten ganz
einfach aus.
Eine bis dahin unbekannte, unbescholtene junge Frau aus dem
Kanton Bern, so klagt Gut im Artikel, sei ins Visier
deutscher und Schweizer Medien geraten, diese würden Dietrich
vorwerfen, Volksverhetzung zu betreiben, sie sei eine
der Zentralfiguren im Netz der Islamfeinde.
Dietrich - bis anhin unbekannt? Bereits Anfang Dezember 2007 hatte
die Neue Urner Zeitung berichtet. Dietrich, damals noch
evangelisch-reformierte Pfarrerin in Altdorf, veröffentliche
regelmässig Beträge auf Politically Incorrect
(PI), einem zurückhaltend ausgedrückt
Blog mit anti-islamischen Beiträgen. Bei der
Evangelisch-Reformierten Landeskirche Uri sei man darüber
nicht glücklich. Die Gratiszeitung 20 Minuten
doppelte nach, was beiden Medien umgehend grobschlächtige Beschimpfungen
auf PI eintrug.
Bald darauf meldete PI, Dietrich habe ihre Mitarbeit
eingestellt. Weitere Aufmerksamkeit erreichte Dietrich im Mai 2009,
als sie in Köln die TeilnehmerInnen einer Antimoscheekundgebung
der Rechtsaussenpartei Pro Köln segnete. Ein befremdlicher
Auftritt sei dies gewesen, befand die SonntagsZeitung.
Wochen später trat Dietrich in Berlin auch an einer Veranstaltung
der islamophoben Bürgerbewegung Pax Europa als
Übersetzerin auf und erklärte am Rand der Veranstaltung
gegenüber einem PI-Videoteam, sie sei sehr
engagiert bei PI. Einmal hütt, einmal hott
also.
Kein Wort darüber bei Gut. Dagegen behauptet er: Erstaunlich
an den Anschuldigungen gegen Dietrich ist, dass sie beinahe vollständig
ohne Texte und Belege auskommen. In keinem Artikel werden Zitate
beigebracht, die Dietrichs Islamhass untermauern
würden. Ähnlich argumentieren auch der Kirchgemeinderat
Siselen-Finsterhennen und Dietrich in einer gemeinsamen Stellungnahme,
beide reden von ominösen Quellen. Unerwähnt
lassen alle, dass Dietrich - nach den ersten Kritiken alle
ihre Beiträge, die sie unter Pseudonymen publizierte, hat löschen
lassen.
Doch damit konfrontiert Gut die Pfarrerin nicht.
Beim idyllischen Blick auf Mais- und Getreidefelder
aus dem schlossähnlichen Pfarrhaus sind ihm die Fragen ausgegangen.
Auch die journalistisch naheliegendsten, aktuellsten. Kurz vor Guts
Besuch bei der Pfarrerin bewies Der Spiegel nämlich
Dietrichs andauernde redaktionelle Mitarbeit bei Politically
Incorrect. In den Tagen, nachdem Anders Breivik Tod und Leid
über viele norwegische Familien gebracht hatte, gehörte
sie zu den wenigen PI-Vertrauten, die über den
einzuschlagenden Kurs von Politically Incorrect diskutierten.
Das Nachrichtenmagazin stützt sich auf interne Skype-Chat-Protokolle.
So ganz nebenbei enthüllte Dietrich eine weitere Verflechtung
in der islamophoben Internationalen, nämlich zum norwegischen
Blogger Fjordman, der von Breivik gerne und häufig und ausführlich
zitiert wurde. Fjordman sei, so Dietrich, bei ihr zu Gast
gewesen. Wann dies gewesen sei, erwähnt sie nicht.
Zu den Grundpositionen der Islamophoben gehört die uneingeschränkte
Unterstützung des Staates Israel, da dieser gegen Muslime kämpft.
In einem Videoclip erklärt Dietrich denn auch, der Staat Israel
sei ein Vorposten gegen den weltweiten Dschihad. Ihr
Engagement für Israel motiviert sie allerdings geschichtsklitternd:
Alle Bewegungen, die sich gegen Juden gerichtet hätten, hätten
sich in einem zweiten Schritt auch gegen Christen gerichtet.
Hat Frau Pfarrerin noch nie von der christlichen - insbesondere
der römisch-katholischen Tradition der Judenfeindschaft
gehört?
Die Spiegel-Informationen bewogen Christine Dietrich
wieder einmal zur Ankündigung eines Rückzugs bei Politically
Incorrect. Vielleicht zu spät, inzwischen hat der Synodalrat
der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn beschlossen, gegen
Dietrich eine Untersuch einzuleiten.
Hans Stutz.
Die Wochenzeitung WOZ. 6. Oktober 2011
Alle Rechte beim Verfasser.
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