Rechtsextremistische
Jugend-Subkulturen
In der Schweiz besteht seit 1985 eine marginale, jedoch wellenförmig
wachsende rechtsextremistische Subkultur, der vorwiegend junge männliche
Erwachsene, konkret aus Naziskinheads und Patrioten, angehören,
aber auch wenige Holocaust-Leugner sowie Aktivisten in politischen
Projekten/Parteien und Militante in kulturell-politischen Organisationen
und Einzelprojekten, die durch ideologische Arbeiten die rechtsextremistische
Szene vorantreiben wollen.
Der zahlenmässig grösste Teil der Schweizer Rechtsextremen
trifft sich in subkulturellen Strukturen, vorwiegend als Naziskins,
selten als NS-Heavy-Metal oder bei Gothic-Darkwave. Daneben existieren
organisatorisch schwach strukturierte Gruppen oder Cliquen von Patrioten.
Diese vertreten einen militanten Nationalismus, betonen die aggressive
Ablehnung von missliebigen Ausländergruppen (zum Beispiel Männer
aus den verschiedenen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens,
Menschen aus Afrika und Asien) wie auch von linken Schweizern. Die
Übergänge dieses Milieus zu den rassistischen Naziskins
einerseits, andererseits auch zu nationalkonservativen Gruppen und
Parteien, sind fliessend.
Hammerskinheads und Blood and Honour
Sektionen der beiden weltweit tätigen Netzwerke Hammerskinheads
und Blood and Honour dominierten lange Zeit auch die Naziskin-Subkultur
in der Schweiz, von 1991 bis 1998 waren zuerst nur die Hammerskinheads
in der Schweiz aktiv, ab 1998 auch Blood and Honour. In den letzten
Jahren waren sich die Mitglieder beider Organisationen in einem
dauernden und aggressiven Zerwürfnis zugetan, einige Szene-Mitglieder
sprachen gar von Bruderkrieg. Im Jahr 2010 lassen sich
nur noch (sehr) wenige Aktivitäten beider Netzwerke nachweisen.
Sie verfügen beide noch über einen Internet-Auftritt bzw.
ein Forum
Hammerskinheads. Bereits Anfang der 90er Jahre gründeten Innerschweizer
Naziskins eine Schweizer Sektion, heute die älteste noch bestehende
europäische Sektion der Hammerskin-Nation. Die
Schweizer Hammerskinheads (SHS) gelten als erfolgreiche Konzertorganisatoren.
In den vergangenen Jahren richteten sie immer wieder grosse Konzerte
aus; am besucherstärksten war das Sommerfest 2002,
an dem rund 1200 Besucher aus mehreren europäischen Ländern
anwesend waren. Zum Hammerskin-Umfeld gehört auch die Kameradschaft
Morgenstern aus der Region Sempach.
Blood and Honour. Eine Schweizer Sektion entstand erst 1998, zuerst
in der Deutsch-, dann in der Westschweiz. Wie in den vorangegangen
Jahren lassen sich kaum noch Aktivitäten von Blood and Honour
in der Schweiz nachweisen. Zwar besteht weiterhin im Internet ein
B+H-Schweizer Forum, doch die Zahl der Einträge
blieb 2010 gering.
Musikgruppen, Buch- und Musikversände
Musik spielt in allen Jugend-Subkulturen eine identitäts-
und wertestiftende Rolle, einerseits als Vermittlerin eines Lebensgefühls,
andererseits als Medium zur Verbreitung politischer Botschaften.
Konzerte dienen dem Szenenzusammenhalt, aber auch der Verbreitung
der politischen Botschaft insbesondere bei Naziskin-Konzerten, da
an diesen Veranstaltungen meist an entsprechenden Ständen sowohl
Tonträger und Bücher/Broschüren wie weitere szenetypische
Artikel angeboten werden. Bis zum Grundsatzurteil des Bundesgerichtes
zu Rassismus-Strafnorm und Öffentlichkeit erachteten Polizei
und Untersuchungsrichter Naziskin-Konzerte als private Veranstaltungen,
auch wenn über tausend Personen anwesend und die Konzertankündigungen
ebenfalls Medienschaffenden zugänglich waren.
Im Jahre 2010 waren in der Schweiz vor allem zwei Bands aktiv,
nämlich Indiziert und Amok.
Indiziert
Die Band Indiziert besteht aus den Brüdern Alex
und Cédric Rohrbach, Dominic Lüthard und Benjamin Lingg.
Lüthard amtet weiterhin im PNOS-Landesvorstand wie auch im
Vorstand der PNOS-Ortsgruppe Langenthal. Lingg sitzt auch im Vorstand
der PNOS-Ortsgruppe Willisau.
Amok
Anfang Juni 2010 verurteilt das Amtsstatthalteramt Luzern die vier
Musiker der Band "Amok" wegen Drohung, öffentlicher
Aufforderung zu Verbrechen/Gewalttätigkeit und Rassendiskriminierung
zu unbedingten Geldstrafen von 120 bzw. 125 Tagessätzen, einmal
à 10 Franken, einmal à 30, einmal à 80 und
einmal à 90. Zwei der Neonazis verstiessen zusätzlich
gegen das Waffengesetz. Die vier Musiker aus dem Umfeld des Naziskinnetzwerkes
Blood&Honour hatten im Herbst 2007 ihren ersten Tonträger
veröffentlicht, in dem sie den Verfasser der Chronologie beschimpften
und ihm einen vorzeitigen und gewaltsamen Tod in Aussicht stellten.
Zusätzlich leugneten sie den Holocaust und riefen zur Ermordung
von Männern schwarzer Hautfarbe auf.
In der zweiten Jahreshälfte veröffentlichen die Amok-Musiker
ihren zweiten Tonträger, mit dem Titel Kraft aus dem
Herzen. Die Musiker bemühen sich, diesmal keine Widerhandlung
gegen die Rassismus-Strafnorm zu begehen. Die Amok-Mitglieder stehen
dem Blood and Honour-Netzwerk zumindest nahe.
Holy War Records
Anfang 2010 verkündete der Nationale Beobachter Berner Oberland/Nationale
Sozialisten Berner Oberland, die Bewegung würde ihre Aktivitäten
einstellen und sich auf die Versandtätigkeit von Holy War Records
konzentrieren. Holy War Records verbreitet gemäss eigenen Angaben
nebst Tonträgern ein auserwähltes Sortiment an Kleidungsstücken,
Accessoires, Büchern, Zines, Fahnen und DVDs. Geführt
wird der Versand von einem Verein Meinungs- und Redefreiheit in
Kunst und Medien, als Kontakt agiert Marcel Gafner, auch stellvertretender
Vorsitzender der PNOS-Sektion Berner Oberland.
Das Musikangebot umfasst ein grosse Auswahl von Rechtsrock-Tonträgern,
sowohl in deutscher wie in englischer Sprache, dazu auch einige
Titel aus dem Bereich NS-Hardcore und NS-Black Metal (NS steht hier
für Nationalsozialismus). Holy War Records verbreitet auch
drei Eigenproduktionen. Die neueste Produktion: einige Lieder der
deutschen Band Kraftschlag, zusammen mit Beiträgen
anderer Bands, darunter auch von Indiziert ein Stück,
überschrieben Weisse Musik und dem Refrain: Wir
sind eine weisse Rockband und spielen weisse Musik. Ein Lied
der Gruppe Kraftschlag beschwört ein islamisches
Europa und den Refrain Dieser Kampf wird hart.
Holy War Records behauptet denn auch ausdrücklich: Mehrere
Rechtsgutachten für die Schweiz vorhanden!
Streetnoise
Auch der Versand Streetnoise, erreichbar über eine Postfachadresse
im aargauischen Erlinsbach, bietet neben Tonträgern auch Kleider
und Accessoires und weiteres für den subkulturellen Gebrauch.
Viele der angebotenen Tonträger stammen von bekannten Bands
der Neonazi-Szene, im Angebot ist aber auch eine DVD mit dem Film
von Leni Riefenstahl Triumph des Willens über den
NSDAP-Reichsparteitag 1934. Streetnoise produziert auch selber Tonträger.
Eingetragen ist die Homepage auf einen Martin Probst,
möglicherweise ein Pseudonym. Selbstverständlich behauptet
der Betreiber: Alle Artikel sind anwaltlich oder polizeilich
geprüft und halten dem schweizerischen Gesetz, insbesondere
dem §261bis stand. (sic!).
Buchversand Neue Zeitwende
Im Buchversand Neue Zeitwende werden so die Eigenschätzung
der Betreiber - Bücher angeboten, die zwar auf dem freien
Markt erhältlich sind und nicht indiziert wurden, dennoch von
den meisten Buchläden als politisch unkorrekt gelten und daher
auch nicht auf Kundenwunsch bestellt werden. In Realität
verbreitet der Versand verschwörungsfantastische Bücher
über Geheimbünde, verherrlichende Literatur über
die Waffen-SS und apologetische Bücher zum Nationalsozialismus,
dazu Bücher von einschlägigen Autoren wie Jürgen
Schwab. Eine ganze Reihe der angebotenen Bücher stammt aus
einschlägig bekannten deutschen Rechtsextremisten-Verlagen,
wie beispielsweise dem Hohenrain-Verlag oder dem Grabert-Verlag.
Das Angebot verändert sich mit den Jahren nur wenig und umfasst
auch DVDs, Hörbücher und Tonträger.
Der Buchversand ist über ein Postfach in Aefligen (bei Kirchberg
BE) erreichbar. Inhaber ist Adrian Segessenmann, Mitarbeiter Michael
Vonäsch. Segessenmann ist auch noch bei der Avalon-Gemeinschaft
tätig, Vonäsch auch Vorsitzender der PNOS-Ortsgruppe Willisau.
PNOS Weltnetzladen
Der PNOS Weltnetzladen, postalisch erreichbar über eine Postfach-Adresse
in Interlaken, bietet ähnlich wie der Verlag Neue Zeitwende
Bücher und Tonträger an, die von rechtsextremen
deutschen Verlagen und Vertrieben verlegt werden. Der Laden vertreibt
ebenso ein T-Hemd PNOS und T-Shirts mit der Aufschrift
Kein Geld für USrael, aber auch ein Edelweisshemd
(hellblau) ohne Kragen, langarm.
Genève Non Conforme GNC
Genève Non Conforme GNC, dessen Emblem den Zusatz frei
national sozial trägt, versteht sich als
kulturelle Vereinigung von jungen Erwachsenen. GNC wendet sich gegen
die Konsumgesellschaft (la société marchande) und
die Globalisierung. Sie vertritt die Ansicht, dass von der Migration
nur die Arbeitgeber profitieren würden. Die Gruppe verbindet
Nationalismus und die Ablehnung der kapitalistischen Ordnung: Um
die Arbeiter aller Länder zu schützen, muss die nationale
Bevorzugung eingeführt werden. Die Gruppe orientiert
sich an der italienischen Bewegung um das besetzte Haus CasaPound,
ein neofaschistisches Kulturzentrum in Rom. Ihre Aktivisten bemühen
sich um eine Jugendrevolte von rechts und den Aufbau
einer Subkultur.
Im vergangenen Jahr 2010 traten Mitglieder von Genève Non
Conforme GNC mehrmals in der Öffentlichkeit auf. Mitte April
organisierten sie eine Standaktion für das Volk der Karen.
Anfang August demonstrierten wenige Männer vor dem Genfer UNO-Gebäude
gegen die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Sie
trugen ein Transparent Hiroshima Gerechtigkeit?.
GNC kritisiert insbesondere, dass die internationalen Strafgerichte
und die UNO nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegern geschaffen
worden seien. Und weiter: Von Hiroshima bis zum Golfkrieg,
über Dresden, die lateinamerikanischen Diktaturen und den Vietnamkrieg,
die verschiedenen US-Regierungen haben viele Kriegsverbrechen und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, ohne je dafür
verurteilt worden zu sein. Weiter führte GNC eine Standaktion
in Lausanne durch und verteilte in Genf gegnerische Flugblätter
bei der Juso-Demonstration gegen Arbeitslosigkeit. Die Gruppe unterhält
eine Internet-Site und ein GNC-Aktivist einen sehr aktiven Blog
(Cercle Futur). Der Blog ist seit Mitte September 2009 aktiv. Unbekannt
ist, wie viele Anhänger und Sympathisanten GNC mobilisieren
kann.
Union Nationaliste & Identitaire
Suisse (UNIS)
Mitte Dezember 2010 gründeten wenige Teilnehmer in Neuenburg
oder Umgebung die Union Nationaliste & Identitaire Suisse (UNIS).
Die Neugründung ist Teil der französischen Kleinorganisation
Union Nationaliste & Identitaire Française. Ein Foto,
entstanden im Januar 2011, zeigt junge Skinheads. Die UNIS versteht
sich als Sammelbecken von Aktivisten, insbesondere von Nationalisten
und Identitaires. Die UNIS beklagt das allmähliche Verschwinden
einheimischer Völker durch die massive Zuwanderung, besonders
aus Afrika. Alle hätten das Recht stolz zu sein, ausser
jene Weissen, die sich ihrer Kultur bewusst seien. Sie beklagt,
dass die Unabhängigkeit der Nationen durch die Globalisierung
bedroht sei. Sie lamentiert gegen den Sittenzerfall, die Zerstörung
der Familie und die Verharmlosung der Homosexualität.
Sie kritisiert die Beherrschung der Schweiz durch eine Handvoll
von Personen, unterstützt und ermuntert durch ausländische
und finanzkräftige Lobbies, im antinationalen Kampf für
eine Neue Weltordnung (uvrant dans un cadre anti-national
pour un Nouvel Ordre Mondial).
Als erste Aktivität beteiligte sich die UNIS an einer Wintersonnenwendfeier.
Auch kündigte sie die Durchführung von Wanderungen, Kampftrainings
und Teilnahme an politischen Veranstaltungen an. Die Neuenburger
Gruppe unterhält eine Internet-Site.
Kameradschaften im Umfeld der PNOS
Im PNOS-Umfeld agieren mehrere Kameradschaften, deren
Exponenten vielfach auch bei der PNOS tätig sind. Sie dienen
vorwiegen der Kameradschaft. Dazu zählen die Helvetische
Jugend mit Sektionen im Oberaargau und im Berner Oberland und der
Waldstätterbund, aktiv in den Kantonen Uri, Schwyz und Unterwalden.
Helvetische Jugend
Anfang Sommer reichte eine Privatperson eine Anzeige gegen die Betreiber
der Homepage der Helvetischen Jugend ein; im Gästebuch hatte
ein Schreiber heftige antisemitische und rassistische Beiträge
veröffentlicht. Das Gästebuch verschwand umgehend vom
Netz. Ansonsten ist von HJ-Tätigkeiten im Jahr 2010 wenig bekannt,
ausser dass Anfang September rund ein Dutzend Aktivisten der
Helvetischen Jugend den gefallenen Berner Oberländer Soldaten
des Ersten Weltkrieges gedachten. In früheren Jahren
waren HJ-Mitglieder immer wieder als Ordner bei rechtsextremen Demonstrationen
aufgetreten.
Die Helvetische Jugend wurde Anfang Juli 2004 in der Region Oberaargau
(Langenthal und weitere Umgebung) gegründet. Zu ihren Zielen
zähle, so die Helvetische Jugend auf ihrer Homepage, dass der
Multikultur ein Ende gesetzt werde. Dies will sie unter anderem
erreichen durch Rückführung von gewalttätigen
Ausländern. Ausländeranteil muss gesenkt werden.
Weiter durch Internierungslager für Asylbewerber
und besserer und neutralerer Bildung von Schweizerschulen
(nicht weiter linke Stalin und Lenin Propaganda. Trennung von deutschsprechenden
Schülern zu nicht deutschsprechenden Schülern. Und
es solle Schluss sein mit dem linken, desinformierten Medienterror,
wir brauchen neutrale Auskunftsgeber.
Waldstätterbund
Selbstverständlich behauptet auch der Waldstätterbund,
die Kameradschaft sei ein Zusammenschluss von Patrioten und Eidgenossen.
Das mag ja auch sein, doch die Kameraden verherrlichen
auch die nationalsozialistische Vergangenheit. So beklagt ein Artikel
auf der Homepage die Bombardierung Dresdens und unterstellt höhere
Opferzahlen und zieht den Schluss: Aus Sicht der Siegermächte
und ihrer Vasallen in der deutschen Bundesregierung darf es nicht
sein, dass das Volk die Lehrmeinung Deutsch-National ist unmoralisch
oder den Schuldkult hinterfragt.
Zusammen mit der PNOS organisierte der Waldstätterbund die
rechtsextreme Rütlifeier vom 3. August. Wird es wieder
ein Anlass sein, bei dem die Multikulti-Ideologie zelebriert wird
und der Sinn des Rütli ins Perverse verkehrt? Wird dort wieder
das volkszerstörerische Gedankengut hochgelobt werden? Werden
die Organisatoren dieser unwürdigen Feier dann so tun können,
als rege sich kein Widerstand im Volke gegen den von ihnen befürworteten
Volks-Tod?. Der Waldstätterbund gedachte auch 2010 des
Franzosenüberfalls.
Der Waldstätterbund wurde Anfang Mai 2008 gegründet.
Ihm gehören die bereits seit längerem bestehende Kameradschaft
Uri sowie die Mitte Oktober 2008 gegründete Kameradschaft Schwyz
an, weiter eine Sektion Unterwalden. Der WB versteht sich als Sammelstelle
für all jene Jugendlichen, die nicht länger bereit sind,
mit den Missständen in ihrer Stadt, ihrem Gebiet, unserem Land
zu leben ohne etwas dagegen tun zu können. Zu den WB-Zielen
zählen: Raumorientierte Volkswirtschaft statt globale
Kapitaldiktatur! Schluss mit dem US-Amerikanischen Wirtschaftsimperialismus,
Schluss mit dem oneworld Wahn. Oder auch: Masseneinwanderung
ist keine Bereicherung, sondern führt zur unwiderruflichen
Zerstörung der Vielfalt an Kulturen und Völkern.
Der einzige namentlich bekannte Waldstätterbund-Exponent ist
bis anhin Dani Herger, er ist zwischenzeitlich auch Vorsitzender
der PNOS-Sektion Schwyz.
Weitere Kameradschaft
Heimatbewegung
Die Heimatbewegung besteht seit mehreren
Jahren, doch über ihre Aktivitäten trat kaum etwas an
die Öffentlichkeit, abgesehen von ihrem Internet-Auftritt und
einigen Personen, die sich mit einem Heimatbewegung-Abzeichen am
Rechtsextremistenaufmarsch bei der Sempacher Schlachtfeier beteiligten.
Ende 2009 teilte die Heimatbewegung mit, ihre Sympathisanten
und Aktivisten würden sich monatlich treffen, um
einerseits konkrete Aktivitäten wie beispielsweise Flugblattaktionen
oder Veranstaltungen zu planen, anderseits das gesellige Beisammensein
zu pflegen. Das erste Treffen 2010 solle Mitte Januar im Grossraum
Zürich stattfinden. Gemäss einem Gästebuch-Eintrag
hat man sich auch am 26. November 2009 zu einer Versammlung
mit Ansprache getroffen und dort auch eine Julfeier
(Wintersonnenwendfeier) geplant.
Ansonsten trat die Heimatbewegung, die 2004 oder 2005 gegründet
wurde und über ein Postfach in Dübendorf erreichbar ist,
nicht weiter in der Öffentlichkeit auf. Unklar ist, wie viele
Mitglieder sie hat. Sie strebt die Auflösung der viersprachigen
Schweiz an, sie will die Überlebensinteressen der Alemannischen
Volksgruppe wahren und kämpft für einen Eidg.
Volksstaat in den Grenzen der heutigen Deutschschweiz. Ansonsten
vertritt sie Programmpunkte, wie sie bei rechtsextremistischen Gruppierungen
üblich sind: Förderung des Bauernstandes, Wiedereinführung
der Todesstrafe, Abschaffung des jetzigen Asylrechtes, einen totalen
Einwanderungsstopp, Verbot jeder Form von Ausländerintegration
und einen vollständigen Stopp von Einbürgerungen.
Politisch-kulturelle Aktivitäten
Verschiedene Aktivisten und Organisationen stützen sich auf
ein rechtsextremistisches Gedankengut, sie beteiligen sich jedoch
nicht an der institutionalisierten Politik, insbesondere nicht an
Wahlen. Durch Bildungs- und Vernetzungsarbeit wollen sie ihre politisch-kulturelle
Ideologie verbreiten, so die Avalon-Gemeinschaft, so Gaston-Armand
Amaudruz mit seiner Zeitschrift Courrier du Continent,
so auch das Waadtländer Ehepaar Paschoud mit ihrer Zeitschrift
Le pamphlet. Der Genfer Anwalt Pascal Junod engagiert
sich in zwei Vereinigungen, nämlich im Cercle Proudhon und
in der Association des Amis de Robert Brasillach.
Avalon-Gemeinschaft
Zu Winterbeginn feierte die Avalon-Gemeinschaft ihr 20-jähriges
Bestehen. In einem Erlebnisbericht schreibt Adrian Segessenmann,
seit mehreren Jahren Anführer der Gemeinschaft, rund 40 Anwesende
hätten irgendwo in der Schweiz an der Feier teilgenommen,
offenbar im Inneren (eines) Schlosses. Wie üblich
scheute man die Öffentlichkeit, und so waren nur bekannte
und gute Freunde der Gemeinschaft eingeladen. In seinem Bericht
listet Segessenmann auch auf, dass die Gemeinschaft in den vergangenen
20 Jahren 207 Anlässe durchgeführt habe, soweit
aus dem Avalon Archiv zu recherchieren gewesen sei. Die aufgezählten
Referenten bestätigen die Kontinuität dieser neonazistischen
Gemeinschaft, sie reichen von ehemaligen, inzwischen verstorbenen
Mitgliedern der Waffen-SS bis zu Exponenten der Nationaldemokratischen
Partei Deutschland NPD. Besonders hervorgehoben wird der Auftritt
des Berner FDP-Nationalrates François Loeb, der 1997
in einem kleinen Kreis von Avalon-Mitgliedern über den Streit
zwischen der Schweiz und den USA um die nachrichtenlosen Vermögen
sprach.
Die Notizen des Max Wahl
Max Wahl, inzwischen 87-jährig, verbreitete 2010 sechs Nummern
seiner Notizen, deren Kosten Wahl mit Bücherverkauf
und Zuwendungen deckt. Wahl verkündet weiterhin nazi-apologetische
Positionen, beispielsweise von der monumentalen Verleumdungslüge,
deren Zweck es sei, immer und ewig von der polnischen Rache-
und Hassjustiz sowie von der Kollektivhaft und Kollektivbestrafung
von Millionen abzulenken, die vor den Polen nur einen Makel aufwiesen,
dass sie Deutsche waren und in ihrer alten deutschen Heimat wohnten,
welche ihnen die Polen streitig machten. Wie in den vergangenen
Jahren wetterte Wahl auch gegen die Rassismus-Strafnorm. In seinem
Buchversand bietet er einschlägige rechtsextreme und Holocaust
leugnende Literatur und Tonträger an, so beispielsweise eine
Revisionismus-Rarität. Ernst Zündel mit Max Wahl
auf DVD, eine Aufzeichnung eines Gespräches vom 11. Juni
1985 in Toronto, mit Max Wahl, dem damals einzigen Revisionisten
der Schweiz.
Max Wahl war um 1975 Mitbegründer der Eidgenössisch-Demokratischen
Union EDU. Er hatte Ende 1994, unmittelbar vor Inkrafttreten der
Rassismus-Strafnorm, sein Heftchen Eidgenoss offiziell
eingestellt. Er bedient aber mit seinen Notizen weiterhin
Antisemiten, Freimaurerfeinde und Verschwörungsfantasten, beispielsweise
auch jene Verschrobenen, die von Deutschen Flugschreiben träumen,
die in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges von ergebenen
Nazis gerettet worden seien und nun im Erdinnern (meist Neuschwabenland
genannt) darauf warten, ein Nazireich wieder auferstehen zu lassen.
Courrier du Continent
Gaston Armand Amadruz
Der Inhalt bleibt seit Jahren gleich, in einem ersten Teil "Bloc-Notes"
veröffentlicht Amaudruz Zitate aus Zeitungen, gelegentlich
mit hämischen Kurzkommentaren versehen. Die "Bloc-Notes"
bringen auch Hinweise (samt Bezugsadressen) auf neu erschienene
rechtsextremistische Hefte und Bücher, das Heft leistet daher
Vernetzungsarbeit. Dazu kommen regelmässige Rubriken wie "Kriminalität"
oder "Lois-Baillons" (Knebel-Gesetze) - wie Amaudruz Strafartikel
gegen Rassismus und Holocaust-Leugnung zu nennen beliebt. Die letzte
Seite bestreitet Amaudruz mit einem Leitartikel, in dem er seine
rassistischen, antisemitischen und Holocaust leugnenden Auffassungen
verbreitet. Solche Kommentare haben Amaudruz vor einigen Jahren
zwei dreimonatige Gefängnisaufenthalte eingetragen. Der Courrier
du Continent publiziert weiter Texte von MitarbeiterInnen
Der Courrier du Continent erschien erstmals 1946. Anfang
der 1950er Jahre übernahm Amaudruz das Heft. Während Jahrzehnten
war das hektografierte Blättchen das offizielle Organ der NOE,
einer rassistischen Kleinorganisation, zu deren wichtigsten Exponenten
Amaudruz selbst gehörte. Es erscheint heute in einer Auflage
von mehreren hundert Exemplaren.
Recht+Freiheit
Ernst Indlekofer
Nichts Neues bei Ernst Indlekofer. Er wettert gegen Juden und Muslime,
gegen die Überfremdung, aber auch die Hochfinanz.
Gelegentlich versteigt sich das Blatt zu ungebremsten Verschwörungsphantasien:
Westliche Politiker haben der Lobby ihren geheimen Treu-Eid
geschworen. Und die Lobby verlangt die Abschaffung der weissen Völker,
ihr Hass auf alles Arische kennt keine Grenzen. Über alle weissen
europäischen Völker wurde in den Logen schon vor langer
Zeit das Urteil gesprochen. Nur wenn die weissen Völker sich
erheben, also zu über 50 Prozent die Nationalen Parteien wählen,
können sie sich retten. (1) Zu den Recht+Freiheit-Autoren
zählten 2010 der österreichische Rechtsextremist und Verschwörungsphantast
Gerhoch Reisegger, weiter Kevin Käther und Ursula Haverbeck,
beide aktiv in der Bewegung der Holocaust-Leugner. Weitere Autoren:
Hans Berger, Alois Mitterer, Ariana Malviden, Rigolf Hennig, Bernhard
Radtke, Gerd Schultze-Rohnhof, Pietro Archiati.
Offiziell wird Recht+Freiheit von einem Presseclub
Schweiz herausgegeben, doch de facto ist der Basler Ernst
Indlekofer weitgehend allein verantwortlich für das Heft, das
pro Ausgabe meist zehn Seiten umfasst.
Le pamphlet - Mariette und Claude
Paschoud
Mitte November 2010 feierte Le pamphlet seinen 40. Geburtstag,
mit genau 61 Anwesenden. Das Blättchen verbreitete auch im
vergangenen Jahr Kommentare zu Themen, die vorwiegend der nationalkonservativen
Agenda zuzurechnen sind, seien es nun die ausgebliebenen aussenpolitischen
Folgen des Minarettverbotes, sei es für die SVP-Ausschaffungsinitiative.
Mariette Paschoud sympathisiert in ihrer Spalte Les nouvelles
aventures ... weiterhin regelmässig mit den Holocaust-Leugnern.
Zu den Autoren zählten 2010 neben Claude und Mariette Paschoud
Michel de Preux, Daniel Bassin, Pollux, Max lImpertinent und
auch einmal Sophie Paschoud, Tochter des Claude und der Mariette.
Le Pamphlet, gegründet von Claude Paschoud, erscheint
seit 1970. Grössere öffentliche Beachtung erntete das
Blättchen, das auch schon eine Auflage von 2'000 Exemplaren
erreichte, durch einen Auftritt von Mariette Paschoud. Die (damalige)
Mittelschullehrerin trat 1986 in Paris an einer Pressekonferenz
des Holocaust-Leugners Henri Roques auf. Roques habe, so Paschoud
damals, einen seriösen, objektiven und bemerkenswerten
Beitrag zur Wahrheitsfindung in der Holocaust-Forschung vorgelegt.
Roques leugnete schlicht die Existenz von Gaskammern, und um zur
gewünschten Schlussfolgerung zu kommen unterschlug er die Existenz
vieler gesicherter Quellen.
Holocaust-Leugner
Holocaust-LeugnerInnen bestreiten drei offensichtliche
historische Tatsachen: Erstens, dass es einen Plan zur Ermordung
der europäischen Juden gegeben habe; zweitens, dass Gaskammern
zur Ermordung der Opfer gebaut worden seien; und drittens, dass
die Zahl der durch die nationalsozialistische Judenverfolgung umgekommenen
Jüdinnen und Juden mehrere Millionen betrage.
Jürgen Graf
Der Basler Holocaust-Leugner Jürgen Graf hat die Schweiz vor
einigen Jahren verlassen, um sich dem Strafvollzug zu entziehen.
Er lebt seit mehreren Jahren in Moskau. Sein Einfluss auf die Schweizer
Rechtsextremenszene ist kaum noch wahrnehmbar. Er vertreibt seine
Bücher über eine eigene Homepage. Im Jahre 2010 veröffentlichte
er zusammen mit Thomas Kues und Carlo Mattogno ein
Buch über das Konzentrationslager Sobibor. Es ist dem 2009
verstorbenen deutschen Rechtsextremisten Jürgen Rieger gewidmet.
Graf publizierte im Weiteren einen englischsprachigen Aufsatz Hungarian
Holocaust Debate: Otto Perge vs. Dr. Laszlo Karsai. Das ist
schon alles.
Bernhard Schaub & und die Europäische
Aktion
Bereits Anfang 2010 kündigte Ursula Haverbeck die Neugründung
an, offensichtlich als Nachfolgeorganisation des 2008 vom deutschen
Bundesinnenminister verbotenen "Verein zur Rehabilitierung
der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten" (VRBHV). Im
Herbst 2010 wurde die Gründung denn auch tatsächlich vollzogen,
wenn auch die der neue Verein nicht wie zuerst angekündigt
Bund Freies Europa, sondern Europäische Aktion
heisst. Der braune Inhalt bleibt. Die "Europäische Aktion"
fordert unter anderem die "Repatriierung aussereuropäischer
Einwanderer" und die "staatliche Selbstbestimmung für
die Deutschen der BRD und der BRÖ" und behauptet, dass
die "Israel-Lobby" die USA kontrolliere. Über die
"Medien, Politik und Bildung" werde "die öffentliche
Meinung in der ganzen westlichen Welt" manipuliert, heißt
es weiter. Vorbild der "Europäischen Aktion" ist
die "Befreiung Spaniens von der maurischen Fremdherrschaft
vor tausend Jahren. Der damalige Wahlspruch gilt heute für
ganz Europa: Reconquista - Rückeroberung!" Weiter will
die Europäische Aktion die Aufhebung der Rassismus-Strafnorm
in der Schweiz sowie des Volksverhetzungs-Paragraphen
in der BRD und des Verbotsgesetzes in Österreich.
Die Europäische Aktion hat gemäss ihrer Homepage
zwei Anlaufstellen in Europa. Das Zentralsekretariat
der Europäischen Aktion, erreichbar über eine Postfachadresse
in Regensdorf und geführt von Pierre Schlenk, der bis anhin
soweit bekannt nicht politisch aufgetreten ist. Die
zweite Stelle ist der Ghibellinum-Verlag, über den Bernhard
Schaub seine Schriften vertreibt. Erreichbar ist der Verlag über
eine Postfachadresse in Eschenz TG. Der Verlag bietet auch DVDs
an, insbesondere auch von Schaubs Auftritt bei Yvo Saseks Anti-Zensur-Koalition.
René-Louis Berclaz Editions
de Cassandre
Unbehelligt von der Walliser Justiz bietet René-Louis Berclaz
weiterhin antisemitische Bücher an, darunter Der internationale
Jude, verfasst von Henry Ford. Daneben fünf weitere Bücher,
darunter auch Dokumentationen, die von Schweizer Holocaust-Leugnern
zusammengetragen wurden. Berclaz Verlag Editions de
Cassandre ist erreichbar über eine Postfachadresse in
Sierre. Gemäss Angaben auf der Homepage will der Verlag ausschliesslich
ins Ausland liefern.
Comité de soutien à
Vincent Reynouard
Vincent Reynouard ist ein französischer Holocaust-Leugner,
gegen den in den vergangenen Jahren mehrere Gerichtsverfahren liefen
und der seit Juli 2010 in einem französischen Strafgefängnis
eine einjährige Strafe verbüsst. Seit mehreren Jahren
besteht ein Unterstützungskomitee, erreichbar über eine
einschlägig bekannte Postfachadresse in Montreux. Das Komitee
publizierte auf der Homepage einige Briefe des Inhaftierten und
Meldungen über Sympathiebeteuerungen in Frankreich.
Anmerkungen:
(1) Recht+Freiheit, 1/2010, Seite 1. Als Quelle wird die Zeitschrift
Phoenix (Nummer 6/2009) angegeben, herausgegeben vom österreichischen
Rechtsextremisten Walter Ochensberger.
Hans Stutz
Erschienen in: Rassismus in der Schweiz. Chornologie und Einschätzungen
der rassistischen Vorfälle in der Schweiz, herausgegeben von
der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) und der Stiftung
gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA). Zürich 2011.
Alle Rechte beim Verfasser. |