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SVP-Exponenten wie Christoph Blocher
oder Christoph Mörgeli wollen rechts neben der SVP keine politische
Kraft mehr aufkommen lassen. Mehrere Vorkommnisse der vergangenen
Wochen beweisen, dass man bei Rechtsextremen auftreten oder ihr
Gedankengut verbreiten kann, ohne innerhalb der SVP Konsequenzen
befürchten zu müssen.
In Kürze: Ein SVP-Nationalrat
hat eine rechtsextreme Vergangenheit und tritt Ende Oktober 2009
an einer rechtsextremen Veranstaltung in Frankreich auf. Der Fraktionspräsident
der Aargauer SVP schliesst sich der muslimfeindlichen Vereinigung
Pro Köln an, die vom Deutschen Verfassungsschutz als rechtsextrem
eingeschätzt wird. Der Luzerner JSVP-Präsident veröffentlicht
einen "Musterbrief" gegen Einbürgerungen von Menschen
aus den verschiedenen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens und
bedient sich dabei eines Vokabulars, dessen sich sonst Rechtsextreme
bedienen.
Aber nun alles schön im Detail: Der 56jährige Psychiater
Dominique Baettig, der 2007 ganz überraschend in den Nationalrat
gewählt wurde, tritt Ende Oktober in Orange/Südfrankreich
an einem Kongress der rechtsextremistischen Bewegung "Les Identitaires"
auf und begeisterte rund 600 Teilnehmer mit antimuslimischen Bemerkungen.
Er verlässt den Kongress später demonstrativ, nachdem
spanischer Diskussionsredner ein Europa "ohne Neger und Mauren"
verlangt hatte. Baettig war bereits im Vorfeld vom Westschweizer
Fernsehen zum rechtsextremen Charakter der Veranstaltung befragt
worden und der SVP-Nationalrat hatte die thematischen Gemeinsamkeiten
mit den Veranstaltern (unter anderem Einwanderung und Islamisierung)
hervorgehoben.
Nach seinem Auftritt bei den Rechtsextremen berichtete die jurassische
Tageszeitung "Le Quotidien Jurassien" über die rechtsextremistische
Vergangenheit Baettigs. Dieser war Ende der 70er-Jahre Mitglied
des "Nouvel Ordre Social" und amtierte dort als verantwortlicher
Herausgeber des Parteiblättchens. Vergangene Woche beleuchtete
nun die Wochenzeitung WOZ näher, für was Baettig damals
die Verantwortung übernommen hatte. Sie enthalten immer wieder
antisemitische, gelegentlich rassistische Anspielungen, zu den "Feinden"
zählen, "die Ausbeuter, die Parasiten, les brasseurs de
peuples (race-Mixer), die internationalen Firmen, die Geld-Mächte',
die internationalen Finanziers (anonymes und vagabundierendes Kapital)".
Vagabundierend? Ein Codewort für jüdisch. Das Blättchen
forderte auch die Freilassung des Hitler-Stellvertreters Rudolf
Hess und eine Neuschreibung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges.
Konkret: eine Revision der Schuldfrage.
Baettig war bereits im Mai dieses Jahres mit einem sonderbar verquasten
Text aufgefallen (Siehe Tachles, 12.6. 2009). Im SVP-Pressedienst
sowie in Ulrich Schlüers "Schweizerzeit" beklagte
er, dass "jede nüchterne Revision der Geschichte"
verboten sei. Offen lässt er diesmal, was er damit genau meint.
Zuerst behauptet er eine "Welttheologie der Opfer", auf
deren "Hit-Liste" bis vor kurzem zuoberst "der Holocaust"
gestanden sei, wobei "der Holocaust" eine besondere "Kategorie
von Opfern" bezeichne. Baettig leugnet den Völkermord
an den europäischen Juden nicht, sondern insuniert, dass ihm
viel zu viel Bedeutung beigemessen werde. Mehrere Exponenten kritisieren
zurückhaltend Baettigs Auftritt bei den Identitaires, nicht
aber seine kontinuierlichen rechtsextremen Ansichten.
Keine SVP-Kritik hingegen bis jetzt an Andreas Glarner, Grossrat
und Fraktionspräsident der Aargauer SVP. Die islamfeindliche
"Bürgerbewegung Pro Köln" meldet, dass Andreas
Glarner, Grossrat und Fraktionspräsident der Aargauer SVP,
ihrer Organisation beigetreten sei. Sie behauptet, Glarner gehöre
zu den "profiliertesten Islamisierungskritikern" und Glarner
wolle "auch in Nordrhein-Westfalen über die Erfahrungen
in der Schweiz und über die Minarettsverbotsinitiative"
referieren. Im Verfassungsbericht des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen
wird "Pro Köln" seit 2004 unter dem "Verdacht
einer rechtsextremistischen Bestrebung" aufgeführt. "Pro
Koeln" hat bereits mehrmals erfolglos vor Gericht gegen diese
Einschätzung geklagt. Gegenüber Schweizer Medien behauptet
Glarner dann: "Ich habe es nicht gewusst. Aber in Deutschland
stehen fast alle Parteien unter Beobachtung. Dort würde auch
die SVP unter Beobachtung fallen". Apropos 'profilierter Islamisierungskritiker":
Glarners Beitrag bestand bis anhin, provozierende Plakate, wie "Maria
statt Scharia" oder "Aarau oder Ankara", zu publizieren.
Keine parteiinterne Widerrede erntete auch der 20-jährige Anian
Liebrand, Präsident der JSVP des Kantons Luzern. Er hatte bereits
im Sommer mit einem Musterbrief gegen Einbürgerungen für
Aufregung gesorgt. Der Luzerner JSVP-Präsident zielte explizit
auf Einbürgerungswillige "aus dem Balkan". Nun veröffentlichte
auch die Vereinigung PIKOM, präsidiert vom Berner SVP-Kantonsparlamentarier
Thomas Fuchs, den Aufruf. In einem Begleittext schreibt Liebrand
von "Tausenden von Fremdvölkern", die in die Schweiz
strömen würden. Und auch von "kulturfremden, nicht
integrierten Ausländern". Der Ausdruck "Fremdvölker"
gehört zum Vokabular der Nationalsozialisten, und der Begriff
"kulturfremd" wird in der Schweiz üblicherweise von
der rechtsextremen Partei National Orientierter Schweizer PNOS verwendet.
Hans Stutz
Der Text erschien leicht gekürzt in Tachles, 18. Dezember 2009
Alle Rechte beim Verfasser.
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