| Der
jurassische SVP-Nationalrat trat vor kurzem an einem rechtsextremen
Kongress in Frankreich auf. Dominique Baettig hat eine rechtsextreme
Vergangenheit, an die er sich nicht erinnern will. Eine Spurensuche.
Die Stadt Orange in der Provence, an einem Samstag Mitte Oktober
2009. Rund 600 Leute, meist Männer, klatschen und johlen. Die
Begeisterung gilt Dominique Baettig, SVP-Nationalrat aus dem Kanton
Jura. In seiner Rede bedient er die Aversionen der versammelten
RechtsextremistInnen: Minarette seien phallische Symbole und ein
Zeichen männlicher Potenz.
Der Menge gefällts, doch der Schweizer SVP-Exponent sitzt in
der Klemme: Eine Kamera des Westschweizer Fernsehens beobachtet
ihn. Sie dokumentiert seine Zufriedenheit beim Auftritt und einen
schnellen Stimmungsumschwung danach. Kurze Zeit später verlässt
der SVP-Nationalrat die rechtsextreme Convention Identitaire demonstrativ.
Ein spanischer Diskussionsredner hatte ein Europa «ohne Neger
und Mauren» verlangt.
Biedermann in der Falle?
Er sei hereingelegt worden, behauptet Baettig nun plötzlich.
Unbestritten ist, dass er von den Jeunes Identitaires de Genève
nach Orange eingeladen wurde. Deren Vertreter Jean-David Cattin
besteht aber darauf: Sie hätten Baettig ausführlich, ja
stundenlang über die Convention vorinformiert. Das lässt
sich nicht überprüfen dass das Westschweizer Fernsehen
Baettig bereits Mitte Juli mit der rechtsextremen Ausrichtung der
Veranstaltung konfrontiert hatte, hingegen schon. Baettig erklärte
im Sommer, er teile einen Teil der Anliegen der Organisatoren. Er
nannte Einwanderung, Unabhängigkeit, Islamisierung, die unkontrollierte
Zirkulation von Menschen und Waren. Im Klartext: Baettig grenzte
sich nicht ab, sondern betonte Übereinstimmungen und schloss
mit der Bemerkung, es sei ihm eine «Ehre und ein Vergnügen»,
am Kongress aufzutreten.
Nun ist Baettig nicht der erste SVP-Exponent, der rechtsextreme
Veranstalter mit einem Auftritt beehrt und nachher den hereingelegten
Biedermann mimt. Doch einige Tage nach dem Auftritt in Orange schreibt
«Le Quotidien Jurassien» die Geschichte weiter: Baettig
sei Ende der siebziger Jahre verantwortlicher Herausgeber («éditeur
responsable») der rechtsextremen Zeitschrift «Avant-Garde»
gewesen und habe in Genf die «nazimaoistische» Gruppe
Lutte du peuple gegründet. Nazimaoist? Der italienische
Neofaschist Franco Freda hatte 1969 eine strategische Zusammenarbeit
der extremen Rechten mit der extremen Linken zur Überwindung
des Kapitalismus propagiert. Nach der sozialen Revolution wollte
Freda einen «Volksstaat» schaffen, der die traditionellen
Rangordnungen und Strukturen wieder errichten sollte. Oder anders
ausgedrückt: zuerst soziale Revolution, dann politische und
gesellschaftliche Restauration.
Baettig bestätigt die Parteigründung und die Redaktorentätigkeit,
widerspricht aber der Einschätzung «nazimaoistisch».
Im Jura sorgt die Enthüllung für politisches Aufsehen.
Baettig war 2007 überraschend in das eidgenössische Parlament
gewählt worden, ohne dass seine an sich bekannte
rechtsextreme Vergangenheit thematisiert worden war. «Le
Quotidien Jurassien» stützt sich nämlich auf das
Buch «Les Ultras» von Claude Cantini, veröffentlicht
bereits 1992. Cantini, engagierter Chronist der rechtextremen Tendenzen
in der Westschweiz, erwähnt noch, dass Lutte du peuple sich
1975 mit der Gruppe Nouvel Ordre Social (NOS) zusammengetan hat
und daraus Nouvel Ordre Social Groupe de base nationaliste-révolutionnaire
suisse geworden ist. Zwischen 1977 und 1979 gibt die NOS acht
Nummern ihrer Zeitschrift «Avant-Garde» heraus. Cantini
berichtet der WOZ, Anfang der neunziger Jahre habe er Baettig schriftlich
Fragen gestellt, jedoch von diesem nie eine Antwort erhalten.
Pubertäre Romantik?
Seine rechtsextreme Tätigkeit damals sei «vor- oder
nachpubertäre Romantik» gewesen, erklärt Baettig
der jurassischen Tageszeitung. Verharmlost Baettig? Immerhin war
er bereits Medizinstudent, als er Lutte du peuple gründete,
und 23-jährig, als er Anfang 1977 die redaktionelle Verantwortung
für die «Avant-Garde»-Hefte übernahm. Und
was steht in den Heften? Welche politischen Ziele verfolgte die
NOS? Weder Cantini noch «Le Courrier Jurassien» berichten
Näheres über die politischen Inhalte. In Genf, in der
Bibliothèque de Genève, finden wir «Avant-Garde»
vollständig, das Blättchen «Linsurgé»,
herausgegeben von Lutte du peuple, ist hingegen nicht (mehr) vorhanden.
Das hektografierte NOS-Blättchen trägt im Titelkopf das
Keltenkreuz. Die Texte erscheinen fast ausnahmslos ohne Autorenangabe,
als verantwortlicher Herausgeber zeichnet «D. Battig».
Sie enthalten immer wieder antisemitische, gelegentlich rassistische
Anspielungen, zu den «Enemies» zählen die Ausbeuter,
die Parasiten, «les brasseurs de peuples (race-Mixer)»,
die internationalen Firmen, die Geldmächte, die internationalen
Finanziers (anonymes und vagabundierendes Kapital). Vagabundierend?
Ein Codewort für jüdisch.
Wie andere rechtsextreme Gruppen jener Epoche sieht sich «Avant-Garde»
im Kampf gegen «den marxistischen Imperialismus und die bourgeoise
Plutokratie» und will «einen dritten Weg», dafür
gelte es unter anderem «die Ideologie der Sieger des Zweiten
Weltkrieges» in den Abfall zu werfen. So steht es in der ersten
Nummer. In einer späteren Nummer füllt «Avant-Garde»
die Forderung mit nationalsozialistischem Inhalt: Anlass ist ein
Aufruf zur Unterstützung des Hitler-Stellvertreters Rudolf
Hess, der 1977 noch als einziger Häftling im Gefängnis
von Spandau sass. Dessen Haft sei ein Skandal, meint «Avant-Garde».
Und eines sei sicher: Man habe an hoher Stelle Angst davor, dass
Hess Enthüllungen machen könne über versteckte Hintergründe
des Zweiten Weltkrieges. Enthüllungen, die geeignet seien,
die von den Siegern «arrangierten Versionen» zu zerstören,
die Deutschland allein für den Kriegsausbruch verantwortlich
machten. «Avant-Garde» fordert die «sofortige
Freilassung» von Hess und die «Wahrheit über die
Verantwortlichen des 2. Weltkrieges», weiter das «Ende
aller hasserfüllten und lügnerischen Propaganda»
und das Ende der «hysterischen antideutschen Kampagnen».
Erinnerungslücken
Im Gespräch mit der WOZ will sich Baettig an fast nichts mehr
erinnern können. Weder an NOS-Standaktionen in Lausanne, wo
Baettig studierte, noch daran, welche Texte in «Avant-Garde»
er selber verfasst hat, mit Ausnahme eines unverfänglichen
Textes über die jurassischen Autonomisten. Von Hitler-Stellvertreter
Rudolf Hess behauptet Baettig heute, dieser sei nicht in den Krieg
verwickelt gewesen. Und was die Hintergründe des Zweiten Weltkrieges
betrifft: Es bleibe ein Wunsch, dass man genauer wisse, wer für
was verantwortlich gewesen sei. Er denke an die Deutschen, die diese
«Schuld» tragen müssten.
In der Tat pflegt Baettig ein verschrobenes Geschichtsbild, auch
heute noch. Im Mai 2009 beklagte er im SVP-Pressedienst sowie in
Ulrich Schlüers «Schweizerzeit», dass «jede
nüchterne Revision der Geschichte» verboten sei. Offen
lässt er diesmal, was er damit genau meint. Zuerst behauptet
er eine «Welttheologie der Opfer», auf deren «Hit-Liste»
bis vor kurzem zuoberst «der Holocaust» gestanden
sei, wobei «der Holocaust» eine besondere «Kategorie
von Opfern» bezeichne. Formulierungen, mit denen Baettig bei
jeder rechtsextremen Veranstaltung Kopfnicken, wenn nicht Applaus
ernten würde. Baettig leugnet den Völkermord an den europäischen
Juden nicht, sondern behauptet, dass ihm viel zu viel Bedeutung
beigemessen werde.
Das ist noch nicht alles: Baettig zeichnete auch verantwortlich
für eine Broschüre zugunsten von Franco Freda, damals
als Mittäter eines Bombenanschlages von 1969 in Mailand unter
Hausarrest. (Freda wurde 1979 zuerst zu lebenslänglicher Haft
verurteilt, 1985 jedoch freigesprochen.) Freda betrieb auch einen
Verlag, der antisemitische Machwerke wie die «Zionistischen
Protokolle» und kurz nach seiner Verhaftung
Henry Fords «Der internationale Jude» herausgab. Auch
die von Baettig verantwortete Broschüre pflegt einen antisemitischen
Unterton, wobei sie allerdings konsequent die einschlägigen
Codewörter «Zionist bzw. zionistisch» verwendet.
Freda sei, so die Broschüre, das Opfer «einer zionistischen
Manipulation». Und die Reaktion auf die Herausgabe der
«Protokolle» sei gewesen: «Die Zionisten bellen.»
Gegenüber der WOZ besteht Baettig darauf, dass damit nicht
generell die Juden gemeint seien, sondern «Zionisten»
jene Leute seien, die in Israel die Macht hätten und Propaganda
machten, dass Juden nach Israel auswandern würden. Die Broschüre
habe er, so Baettig weiter, sicher nicht verfasst. Nur die kurze
Notiz des Herausgebers stamme von ihm. Darin bezeichnet Baettig
Franco Freda, den Herausgeber antisemitischer Hetzwerke, als «Kämpfer
und Idealisten».
Auch an andere vergangene Aufregungen will Baettig sich nur vage
erinnern können. Er weiss zwar noch von Vorträgen, die
die NOS organisiert, und vom Saalschutz, den die Gruppe unterhalten
habe. Keine Erinnerung habe er aber an jenen Abend Ende März
1977: Rund zwanzig Männer bewachten in bekannter faschistischer
Manier den Eingang zur Versammlung. Sie trugen Helme, Knüppel
und Schutzschilder. Die Polizei fand selbstgebaute Molotowcocktails.
«Avant-Garde» veröffentlichte später ein zwiespältiges
Dementi, sie habe in ihrem Lokal nie Waffen gelagert, aber man habe
sich entschlossen, wegen Drohungen von Linksextremen gegen Vorträge
und Versammlungen die Sicherheit der Teilnehmer und Eingeladenen
selbst in die Hand zu nehmen.
Tatsächlich war die Westschweizer Rechtsextremengruppe damals
von einigen Trotzkisten eifrig beobachtet worden, sei es bei Standaktionen,
sei es bei zwei öffentlich angekündigten Vorträgen.
Die NOS-Leute ihrerseits störten am 1. Mai die linke Kundgebung,
in ihrem Flugblatt erklären sie den 1. Mai der Linken für
überholt und politisch tot. Darauf folgt ein Loblied auf die
nazistisch beziehungsweise faschistisch regierten Länder Europas.
Dort habe es am 1. Mai «ein wirkliches Fest der Arbeit»
gegeben.
Über die Beschlagnahmung der Molotowcocktails berichtet die
«Tribune de Genève» fünf Wochen nach der
Polizeiaktion, gestützt auf eine «ebenso sichere wie
autorisierte» Quelle, womit wohl die Polizei gemeint sein
dürfte. Die «Tribune» erwähnt auch, die rechtsextreme
Bewegung zähle in Genf rund 200 Anhänger. Das habe nicht
zugetroffen, berichtet Baettig, sie seien eine kleine Gruppe gewesen.
Genaueres will er nicht mehr wissen. Wie dem auch immer sei: SVP-Exponenten
wie Christoph Blocher oder Christoph Mörgeli wollen rechts
neben der SVP keine politische Kraft mehr aufkommen lassen
Baettig beweist, dass man innerhalb der SVP mit Rechtsextremen und
ihrem Gedankengut sympathisieren kann, ohne Konsequenzen befürchten
zu müssen.
Kasten/Seite 1
SVP im Zwielicht
Der Jurassier Dominique Baettig, der 2007 für die SVP in den
Nationalrat gewählt wurde, trat Ende Oktober an einer rechtsextremen
Veranstaltung in Frankreich auf. Er hat auch eine rechtsextreme
Vergangenheit: Ende der 70er-Jahre war er Mitglied der Gruppe Nouvel
Ordre Social und verantwortlicher Herausgeber der Parteizeitschrift,
in der gegen "Rassenvermischung" angeschrieben und Freiheit
für Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess gefordert wurde. SVP-Präsident
Toni Brunner wusste bis anhin nichts von Baettigs Vergangenheit.
"Aber ich gehe auch nicht schnüffeln", sagt er gegenüber
der WOZ. "Und man kann auch intelligenter werden." Gehört
habe er aber bereits von Baettigs Auftritt in Frankreich, wisse
aber nichts Genaues. Er halte aber "nicht viel davon, in solch
zwielichtigem Umfeld im Ausland aufzutreten. Es ist unnötig."
Hans Stutz
Die Wochenzeitung WOZ, 10.12.2009
Alle Rechte beim Verfasser.
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