| NPD-Wie
wenig muss man über eine rechtsextreme Partei wissen, wenn man
in der «Weltwoche» darüber schreiben will?
Die «NZZ am Sonntag» berichtete am 21. September,
sie habe einen deutschen Arzt bei der IV Zürich mit seiner
politischen Vergangenheit konfrontiert: Dieser sei zwischen 2005
und 2006 stellvertretender Kreisvorsitzender der Nationaldemokratischen
Partei Deutschlands (NPD) in Halle, Sachsen-Anhalt, gewesen. Der
Arzt räumte daraufhin - wenn auch unter Druck - sofort seinen
Arbeitsplatz. Vier Tage später behauptete «Weltwoche»-Redaktor
Alex Baur, die «Hintergründe eines Rufmordes» liefern
zu können. Über unterschwellige Mutmassungen gegen seine
eigenen GegnerInnen unter den Zürcher StaatsanwältInnen
(«die sich im Fall Nef hinter dem Amtsgeheimnis verschanzen»)
kam er allerdings nicht hinaus. So weit, so belanglos.
Auffälliger hingegen sind Baurs Wissenslücken über
die NPD. Er behauptet: «In ihren Anliegen - Kampf gegen EU,
Migration, Wachstum und Globalisierung» sei die NPD «vergleichbar
mit den Schweizer Demokraten». Die NPD sei eine legale Partei
und beziehe Gelder aus der deutschen Staatskasse. Doch wegen «latenter
Verbindungen zu Neonazis» stehe sie unter Beobachtung des
deutschen Verfassungsschutzes».
Ein Anflug dialektischer Ironie
Aber hallo! Das Verbotsverfahren gegen die NPD ist zwar gescheitert,
und die Partei bekommt tatsächlich - wie alle anderen deutschen
Parteien, die an einer Wahl teilnehmen und ein bestimmtes Quorum
erreichen (in Bayern beispielsweise ein Prozent der WählerInnenstimmen)
- Staatsgelder, deswegen ist die NPD noch lange nicht mit den Schweizer
Demokraten vergleichbar.
Vielleicht will Baur - in einem Anflug dialektischer Ironie - darauf
verweisen, dass die SD, die Partei der Schweizer Fremdenfeinde,
früher Nationale Aktion (NA) hiess und, wie das Bundesgericht
1987 bestätigte, Äusserungen von NA-PolitikerInnen und
Publikationen in der Parteizeitung «erschreckende Ähnlichkeiten
zur nationalsozialistischen Lehre aufweisen» würden.
Aber Baur will ja auch nur «latente» NPD-Verbindungen
zu Neonazis erkennen. Fakt aber ist: Die NPD hat in den vergangenen
Jahren vermehrt Zulauf von Neonazis aus den «freien Kameradschaften»
erhalten und viele dieser Leute in die Partei integriert. Und Neonazis
übten - so meint auch der Verfassungsschutzbericht 2008 - «führende
Funktionen in den Gremien der Partei aus».
Nennt man das «latent»?
Baur bemüht sich, den IV-Arzt Arnulf Möller («Ich
galt als gefährlich wegen meines Intellekts») als grossartigen
Wissenschaftler darzustellen. Nur in politischen Angelegenheiten
soll der brillante Mann naiv gehandelt haben. Eine Schutzbehauptung?
Sie lässt sich zwar nicht widerlegen. Klar ist aber, dass die
neonazistischen Tendenzen innerhalb der NPD auch zur Zeit von Möllers
Parteitätigkeit erkennbar waren. Der Verfassungsschutzbericht
2005 erwähnt beispielsweise eine interne NPD-Schrift, die im
September 2005, als Möller in der Partei war, an NPD-WahlkandidatInnen
und FunktionsträgerInnen - und damit auch an Möller -
versandt wurde. Darin nennt die NPD als Parteiziel die «Herstellung
der vollen Handlungsfähigkeit des Deutschen Reiches».
Völkerrechtlich bestehe dies fort, nur sei es seit Ende Mai
1945 nicht mehr souverän und handlungsfähig. Im Klartext:
Die NPD erachtet die BRD nicht als legitimen Staat - anders als
das tausendjährige NSDAP-Reich. Nennt man das latente Verbindungen
zu Neonazis?
Und was schreibt die «SonntagsZeitung» zum Thema? Sie
behauptet am 28. September, es gebe eine «Rückkehr der
Gesinnungsschnüffelei». Über die NPD schreibt sie
nur, diese sei rechtsextrem, sei legal, sitze in diversen Parlamenten
im Osten und fordere die Wiederherstellung der Grenzen von 1914.
Nichts von Rassismus, nichts von Antisemitismus, nichts von nazistischen
Tendenzen. Nichts.
Hans Stutz
Die Wochenzeitung WOZ, 2. Oktober 2008
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