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Rechtsextremismus in der Schweiz im Jahre 2008
"Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und
bleiben es" - dieser Grundgedanke der Menschenrechte wird seit
deren Deklaration 1789 immer wieder in Frage gestellt, zuerst durch
die ihrer Privilegien entbundenen Aristokraten/Patrizier, später
durch einen teils modernisierten, teils grob-reaktionären Konservatismus,
in dessen Schatten sich eine antidemokratische Rechte organisierte
. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in allen
europäischen Ländern entsprechende Bewegungen und Parteien.
Sie sind nationalistisch, antidemokratisch, antisozialistisch, antisemitisch
und antimodernistisch, ihre Organisationen sind autoritär,
meist auf einen Führer ausgerichtet. Sie wollen den freiheitlichen
Staat mit den Utopien der Französischen Revolution von Freiheit,
Gleichheit und Brüderlichkeit zumindest einschränken wenn
nicht ausradieren, die individuellen und politischen Rechte der
Bürger und Bürgerinnen mindestens beschränken wenn
nicht abschaffen, und sie streben eine Diktatur oder mindestens
eine autoritäre Demokratie an. Konkret heisst dies: Entmachtung
der Parlamente und Stärkung der Machtbefugnisse der Exekutive,
die durch einen einzigen Mann repräsentiert werden soll. Die
Einschränkung der demokratischen Rechte richtet sich besonders
gegen kommunistische beziehungsweise sozialistische Organisationen,
denen die Rechtsextremen Internationalismus vorwerfen. Die Angriffe
gegen linke Organisationen und Personen verbinden sie oft mit antisemitischer
Hetze, da - gemäss den bei Rechtsextremen beliebten Verschwörungsfantasien
- das jüdische und freimaurerische Element auch führend
im Weltkapitalismus und im Weltbolschewismus sei.
Die meisten der rechtsextremen Organisationen schliessen Menschen
jüdischen Glaubens als Mitglieder aus, ebenso jene, die einer
"Geheimorganisation", zum Beispiel einer Freimaurerloge,
angehören. Die bedeutendsten Organisationen der Epoche sind
in Deutschland die Nationalsozialistische Arbeiterpartei NSDAP unter
Adolf Hitler, in Italien die Faschistische Partei unter Benito Mussolini.
Aber auch in Ländern, in denen Rechtsextreme nicht an die Macht
gelangten, bestehen einschlägige Organisationen, beispielsweise
in Ungarn die Pfeilkreuzler, in Rumänien die Schwarze Legion
und in der Schweiz die Fronten, als grösste die Nationale Front.
Was ist "Rechtsextremismus"?
Unter Rechtsextremismus versteht man - gemäss der vielfach
genutzten Definition von Wilhelm Heitmeyer - eine politische Richtung,
die die Ideologie der Ungleichheit mit der Ideologie der Gewalt
vereinigt . Die Ideologie der Gewalt zeigt sich in vier eskalierenden
Stufen von der Überzeugung unabänderlicher Existenz von
Gewalt (zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen) über
die Billigung fremd ausgeübter privater beziehungsweise repressiver
staatlicher Gewalt und über die eigene Gewaltbereitschaft bis
hin zur tatsächlichen Gewalttätigkeit. Die Ideologie der
Ungleichheit ist einerseits personen- und gruppierungsbezogen und
auf Abwertung ausgerichtet, andererseits lebenslagenbezogen und
auf Ausgrenzung zielend. Die Abwertung zeigt sich in nationalistischer
bzw. völkischer Selbstüberschätzung, rassistischer
Einordnung, eugenischer Unterscheidung von lebenswertem und -unwertem
Leben, soziobiologischer Behauptung von natürlichen Hierarchien,
sozialdarwinistischer Betonung des Rechts des Stärkeren, totalitärem
Normenverständnis im Hinblick auf Abwertung des Anderssein'
sowie Betonung von Homogenität und kultureller Differenz. Die
Ausgrenzung zielt auf soziale, ökonomische, kulturelle, rechtliche
und politische Ungleichbehandlung von Fremden und Anderen'.
Als fremd' beziehungsweise anders' werden dabei missliebige
Teile der Gesellschaft angesehen, zur Zeit beispielsweise Punks,
ExponentInnen der Antifa, Homosexuelle und Lesben, Behinderte, Obdachlose,
Jüdinnen und Juden, Muslima und Muslime oder Männer und
Frauen schwarzer Hautfarbe - unabhängig von der Staatsangehörigkeit.
In der Schweiz haben Urs Altermatt und Damir Skenderovic
bereits vor Jahren eine brauchbare Definition vorgelegt, wobei sie
sich auf den deutschen Politologen Hans-Gerd Jaschke stützten.
Unter Rechtsextremismus summieren sie "die Gesamtheit von Einstellungen,
Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der
rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen
ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen
und das Gleichheitsgebot der Menschenrechtsdeklarationen ablehnen,
die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von
der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen
und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen
und Demokratisierung rückgängig machen wollen."
Rechtsextremismus enthält Bausteine, die bei
den verschiedenen Strömungen, Gruppierungen und Tendenzen in
unterschiedlichen Ausformungen vorkommen; Bausteine, die oft nur
teilweise oder in unterschiedlicher Kombination und Ausprägung
auftreten:
1) Aggressiver Nationalismus und/oder Ethnozentrismus,
die sich in Xenophobie und Ausländerfeindlichkeit ausdrücken;
2) Rassismus, der auf eine biologistische Weltsicht aufbaut und/oder
eine ethnisch-kulturell diskriminierende Ausgrenzung anderer Menschen
betreibt;
3) Antisemitismus, der sich in offener oder versteckter Judenfeindlichkeit
und in der Verharmlosung oder Leugnung der nationalsozialistischen
Verbrechen äussert;
4) Autoritarismus, der mit der Forderung nach einem starken Staat
und einer Führerfigur verbunden ist;
5) Antiegalitäres Gesellschaftsverständnis, das die natürlich-organische
Gliederung und hierarchische Ordnung hervorhebt;
6) Betonung der Volksgemeinschaft, die auf einer kulturellen, ethnischen
und sozialen Homogenität aufbaut;
7) Antipluralistisches Politik- und Gesellschaftsverständnis,
das den demokratischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen
misstraut;
8) Gewaltakzeptanz, die in sozialen und politischen Konflikten zum
Ausdruck kommt;
9) Demagogischer Stil, der sich in aggressiver Sprache und der Verunglimpfung
des Gegners zeigt;
10) Absoluter Wahrheitsanspruch, der gesellschaftliche Toleranz
verunmöglicht .
Der militärische Zusammenbruch des Dritten Reiches
und die Aufdeckung der Verbrechen des Naziregimes machen Rechtsextremismus
in den folgenden Jahrzehnten in den meisten Ländern politisch
praktisch unmöglich. Zwar gab es seit Ende der 1940er Jahre
in der Schweiz vereinzelte Bestrebungen von unbelehrbaren Nationalsozialisten/Faschisten,
beispielsweise des Lausanners Gaston-Armand Amaudruz . Doch erst
seit Mitte der 1980er Jahre bildete sich in der Schweiz allmählich
eine rechtsextremistische Subkultur mit einem ersten Höhepunkt'
im "Kleinen Frontenfrühling" von 1989 . Die zahlenmässig
stärkste Teilgruppe waren und sind die Skinheads, genauer die
Nazi-Skinheads, die sich zwar nur schwer in politischen Strukturen
organisieren lassen, doch die einschlägige Ideologie in einem
subkulturellen Milieu vor allem auch durch Veranstaltungen (insbesondere
Konzerte) pflegen. Es waren immer wieder Naziskinheads, die in den
vergangenen fünfzehn Jahren als Täter von Brandanschlägen
auf Asylbewerberunterkünfte, Angriffen auf missliebige Personen
und einschlägigen propagandistischen Akten überführt
werden konnten. Der Täterideologie folgten entsprechende Taten.
Die rechtsextreme Subkultur entwickelte sich in der Schweiz im
Schatten des nationalkonservativen Lagers, das aus einer breiten
Palette von Parteien wie die SVP (Tendenz Blocher), Organisationen
wie die AUNS, Strömungen und Einzelpersonen besteht. Rechtsextremismus
und Rechtsnationalisten schöpfen aus ähnlichen ideologischen
Quellen, beide Lager betonen nicht nur die Abgrenzung von anderen
Nationen oder Kulturen, sondern verbreiten auch starre Vorstellungen,
wie ein Angehöriger/eine Angehörige der eigenen Nation
oder Kultur kulturell, sozial und politisch zu denken und handeln
habe. Allerdings unterscheiden sich die beiden Strömungen in
der Radikalität des Kampfes gegen das demokratische System,
in der Wahl der politischen Mittel und der Heftigkeit der Aussagen
gegenüber Ausschlussopfern . Was die Heftigkeit des Ausschlusses
betrifft, schreibt der Historiker Damir Skenderovic, nationalkonservative
Akteure würden "zwar auch eine Ideologie der Ausgrenzung"
verfechten, doch "sie halten sich in der Radikalität ihrer
Aussagen zurück, nicht zuletzt wegen drohenden Sanktionen durch
die Öffentlichkeit und möglicher Beeinträchtigung
ihrer Wahlchancen" . Während die extreme Rechte "eine
krasse Aussenseiterposition" einnehme und "von anderen,
insbesondere parlamentarisch agierenden Akteuren gemieden"
werde, sei es den nationalkonservativen Parteien "in vielen
westlichen Demokratien gelungen, sich als akzeptierte Teilnehmer
im Parteienwettbewerb zu etablieren und in einigen Ländern
sogar als Koalitionspartner in die Regierung zu gelangen".
Allerdings ist auch immer wieder zu beobachten, dass sich erstens
Rechtsextreme in ihren Aktionen auf die von Nationalkonservativen
propagierten Feindbilder und/oder Kampagnen berufen und zweitens
Nationalkonservative Verständnis für rechtsextreme Aktionen
fordern und deren Kritikerinnen und Kritiker zu diskreditieren versuchen.
Rechtsextremistische Jugend-Subkulturen
In der Schweiz hat sich seit 1985 eine marginale, jedoch wellenförmig
wachsende rechtsextremistische Subkultur gebildet, die vorwiegend
aus jungen männlichen Erwachsenen, konkret aus Naziskinheads
und "Patrioten" besteht, aber auch aus wenigen Holocaust-Leugnern,
aus Aktivisten in politischen Projekten/Parteien und Militanten
in kulturell-politischen Organisationen und Einzelprojekten, die
durch ideologische Arbeiten die rechtsextremistische Szene vorantreiben
wollen.
Der zahlenmässig grösste Teil der Schweizer Rechtsextremen
trifft sich in subkulturellen Strukturen, vorwiegend als Naziskins,
selten als NS-Heavy-Metal oder bei Gothic-Darkwave . Daneben existieren
organisatorisch schwach strukturierte Gruppen oder Cliquen von "Patrioten",
sie sind eher Milieu denn Szene. Die "Patrioten" vertreten
einen militanten Nationalismus, aggressive Ablehnung von missliebigen
Ausländergruppen (zum Beispiel Männer aus den verschiedenen
Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, Menschen aus Afrika und
Asien) wie auch von linken Schweizern. Die Übergänge dieses
Milieus zu den rassistischen Naziskins einerseits, andererseits
auch zu nationalkonservativen Gruppen und Parteien, sind fliessend.
Gothic - Soleil Noir
Mitte September 2008 attackierten Unbekannte - mutmasslich linke
Punks - in der Stadt Freiburg ein Restaurant, in dem eine Veranstaltung
der Vereinigung Soleil Noir hätte stattfinden sollen, an der
unter anderem die einschlägig bekannte Mailänder Gruppe
"Camerata Mediolanense" hätte auftreten sollen. Eine
Gruppe ("Antifaschistische Aktion, Kommando nazifreie Subkultur")
begründete den Angriff mit den Kontakten der Organisatoren
mit dem Neonazi-Milieu. Die Soleil-Noir-Exponenten bestritten reflexartig
die Anschuldigung von rechtsextremistischer Nähe der angekündigten
MusikerInnen. Sie behaupteten weiter, ihre Vereinigung sei apolitisch.
Sie nahmen auch umgehend ihre Internet-Site vom Netz. Auf dieser
war die Nähe zu rechtsextremistischen Ideologien nämlich
offensichtlich: Soleil Noir "kotze auf die wurzellose Moderne,
wie auch auf den geistlosen Materialismus und den zerstörerischen
Ultraliberalismus, die Arbeiterausbeutung durch das internationale
Finanzkapital, die planetweite Globalisierungs-Vereinheitlichung,
die grosse seichte Suppe des Multikulturalismus, die Amerikanisierung
wie auch die Dritt-Weltisierung. Sie seien Schweizer und Europäer,
und dies ohne Schande oder Schuld zu fühlen." Das pessimistische
und europazentrierte Kulturverständnis - wie es für die
rassistisch inspirierte Neue Rechte kennzeichnend ist - wird verdeutlicht
durch lobende Erwähnungen des faschistischen Ideologen Julius
Evola. Die Nähe zum rechtsextremen Gedankengut war bereits
im Juli 2001 deutlich geworden, als Soleil Noir im waadtländischen
La Sarraz ein Konzert organisierte, an dem neben einschlägigen
Musikgruppen (darunter auch Camerata Mediolanense) auf einem Büchertisch
auch rechtsextremistische Literatur verkauft wurde . Ein grosser
Teil der Dark-Wave-/Neofolk-Szene steht dieser neofaschistisch-inspirierten
Minderheit unkritisch gegenüber.
Die Jugend-Subkultur "Skinheads" entstand Ende der 60er
Jahre in Grossbritannien, ihr gehörten vorwiegend männliche
Jugendliche aus dem Arbeitermilieu an. Skinheads waren Fussball
und Alkohol zugetan und liebten Ska, die Musik jamaikanischer MigrantInnen.
Sie suchten den Kitzel einer gelegentlichen Randale, sie waren gegen
langhaarige Jugendliche, insbesondere Hippies, und auch gegen indischstämmige
Einwanderer, jedoch noch nicht explizit rechtsextremistisch oder
neonazistisch . Erst Anfang der 80er Jahre, als die beiden britischen
Faschistenparteien National Front und British National Party versuchten,
in den Fussballstadien Mitglieder anzuwerben, bildete sich eine
Naziskin-Bewegung aus. In der Schweiz tauchten erste rechtsextremistische
Skinheads Anfang der 80er Jahre in Zürich auf, vielfach im
Umfeld von militanten Fussballfans/Hooligans, damals insbesondere
der "Hardturmfront".
Seit mehreren Jahren bewegen sich Schweizer Naziskins meist in
lokal oder regional verankerten Gruppen oder Cliquen, die weder
eine formelle Führung noch einen Namen haben. Naziskins sind
vielfach 15 bis 25 Jahre alt, arbeiten in einem handwerklichen Beruf,
leben in dörflichen oder kleinstädtischen Verhältnissen
und stammen aus bereits politisch rechtsorientierten Familien. In
seinem Bericht "Innere Sicherheit" 2007, veröffentlicht
im Juli 2008, erwähnt der Dienst für Analyse und Prävention
DAP, dass "derzeit etwa 30 Skinhead-Gruppierungen aktiv"
seien, darunter schon länger bestehende Gruppierungen wie Blood
and Honour (B&H), Hammerskinheads und die Gruppe Morgenstern.
Die Staatsschützer kommen zum Schluss: Was das Gewaltpotenzial
angehe, zeichne sich "keine Veränderung ab" . Das
heisst: mit Angriffen auf missliebige Personen ist zu rechnen.
Hammerskinheads und Blood and Honour
Obwohl die Naziskin-Szene in der Schweiz wenig strukturiert ist,
können sich seit Jahren zwei international vernetzte Organisationen
halten: Einerseits die Hammerskinheads, die 1986 in Houston/Texas
als weisse rassistische Bruderschaft gegründet wurden und unter
anderem "weisse Gebiete für weisse Menschen" (white
areas for white people) anstreben, andererseits die in England 1987
entstandene Blood and Honour, als "Independent Voice of Rock
against Communism" (Unabhängige Stimme des Rock gegen
Kommunismus) gegründet. Sie ist eine "politische Organisation
ohne Mitgliederausweis" , welche die neonazistische Ideologie
mit eigenen Zeitschriften, dem Vertrieb von einschlägigen Devotionalien
und Tonträgern wie auch der Organisation von Konzerten verbreiten
wollte und will. Im Blood-and-Honour-Umfeld bildete sich auch eine
terroristische Organisation (Combat 18, wobei die Ziffer "18"
für Adolf Hitler steht), die für Anschläge in Grossbritannien
und Schweden verantwortlich war.
Bereits Anfang der 90er Jahre gründeten Innerschweizer Naziskins
eine Schweizer Hammerskin-Sektion, heute die älteste noch bestehende
europäische Sektion der "Hammerskin-Nation". Die
Schweizer Hammerskinheads (SHS) gelten als erfolgreiche Konzertorganisatoren.
In den vergangenen Jahren richteten sie immer wieder grosse Konzert
aus, am besucherstärksten war das "Sommerfest" 2002,
an dem rund 1'200 Besucher aus mehreren europäischen Ländern
anwesend waren. Zum Hammerskin-Umfeld gehört auch die Kameradschaft
Morgenstern. Die Organisation wurde bereits im April 1993 gegründet
und gab sich später sogar Vereinsstatuten. Morgenstern sei
eine "patriotische Jugendorganisation" , steht im Zweckartikel.
Es sei "eine Vereinigung von jungen Leuten, die gegen den hohen
Ausländeranteil und gegen Drogen sind", umschrieb das
aktivste Mitglied damals die Ideologie. Seit 2008 betreibt Morgenstern
ein Clublokal, in dem bereits mehrere Veranstaltungen stattfanden
. Die Region Sempach ist damit zu einem Brennpunkt der Aktivitäten
der Schweizer Rechtsextremen-Szene geworden.
Eine Schweizer Blood-and-Honour-Sektion entstand erst 1997/98,
zuerst in der Deutschschweiz, dann in der Westschweiz, deren Exponent,
der Ex-Hammerskin Olivier Kunz , sich sowohl als Konzertveranstalter,
Zeitschriftenherausgeber wie auch eine Zeit lang als Betreiber eines
Musikträgerversandes hervortat. Nach Kunz' Verurteilungen wegen
Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm wie auch dem Verbot
weiterer Naziskinhead-Konzerte - allen voran durch den Kanton Waadt
- gingen die Aktivitäten jedoch markant zurück, wenn auch
Blood and Honour Romandie als Mitorganisator von Kundgebungen in
Erscheinung trat. Der Dienst für Analyse und Prävention
DAP schätzt die Szene von B&H gesamtschweizerisch "auf
zwischen 150 und 200 Personen" (Stand 2007) . Von diesen beiden
Naziskin-Netzwerken ist 2008 in der Schweiz wenig an die Öffentlichkeit
gelangt. Sicher ist jedoch, dass Blood-and-Honour- und Hammerskingruppen
in der Schweiz heftig miteinander verfeindet sind . Intern beklagten
Einzelne manchmal diesen "Bruderkrieg", so jene Aktivistin,
die im Herbst 2007 als Mitorganisatorin einer Demo "gegen Kinderschänder"
auftrat. Allerdings war diese Kundgebung von Blood-and-Honour-Aktivisten
dominiert worden .
Division Schweiz/Brotherhood 28
Anfang Mai 2008 verschwanden unvermittelt zwei Homepages, die vorher
sehr aktiv gepflegt worden waren, einerseits "Division Schweiz",
andererseits "Brotherhood 28". Beide waren offensichtlich
von derselben Person betrieben worden. "Division Schweiz"
wollte ein "Nationaler Video-Berichterstatter" sein, "Aktivismus"
dokumentieren, "aus einer Perspektive, welche nicht von Medien
und Gutmenschen kontrolliert" werden könne. Die letzte
grosse Produktion war ein knapp 20-minütiger Videoclip über
eine Kundgebung in Budapest zum Gedenken an die Waffen-SS . "Brotherhood
28" verstand sich als Teil der zerstrittenen Blood-and-Honour-Bewegung,
doch ist unklar, wie viele Schweizer Mitglieder diese "Bruderschaft"
überhaupt hatte. Monate später berichtet der Aktivist
in einem Forumsbeitrag, dass "Privates momentan vorgehe".
Corps Francs/Frei Korps, Section Freiburg
Zum Umfeld von Blood and Honour gehört die bis anhin unbekannte
Gruppe Corps Francs/Frei Korps Section Freiburg. Mindestens drei
französischsprachige Corps-Francs-Leute nahmen an der Sempacher
Schlachtfeier teil, sie trugen schwarze T-Shirts mit der Rückenaufschrift
"Droit à notre sang" (Recht auf unser Blut). Nach
Angaben des Dienstes für Analyse und Prävention DAP habe
es im Zeitraum 2004/2005 einen Versuch aus dem Umfeld des Naziskin-Netzwerkes
Blood and Honour gegeben, in der Westschweiz eine Organisation Francs
Corps mit kantonalen Sektionen zu gründen. Rund 50 Interessenten
habe es gegeben, "darunter rund ein Dutzend aus dem Kanton
Fribourg". Die Nähe zu Blood and Honour bestätigt
im Oktober 2008 auch ein Schreiber im Forum von Blood and Honour.
Er nennt sich Jonas und behauptet, dass er seit fünf Jahren
aktiv sei, davon zwei in einer Gruppe "proche de Blood and
Honour". Seinen Einträgen fügt er jeweils das Emblem
"Frei Korps Section Freiburg" bei.
Nationaux-socialistes suisses NSS, Section Genève
Im Herbst 2007 tauchte in der Westschweiz eine Gruppe Nationaux-socialistes
suisses NSS auf, vertreten durch eine Sektion in Genf. Die Gruppe
setzte im Sommer 2008 ihren seit langem angekündigten Internet-Auftritt
ins Netz und bestätigte ihre nationalsozialistische Ausrichtung.
Ihre Bewegung sei, so die Selbsteinschätzung, eine Vereinigung
junger Schweizer, Bewunderer des "Grossen Europas, das 1945
in die spitzen Finger der Goldstein und Levys gefallen" sei.
Der Text enthält neben rüden antisemitischen Aussagen
auch grobe antimuslimische und rassistische Bemerkungen, insbesondere
gegen Personen aus Afrika, welche "Parasiten" seien. Der
Text endet mit einem Aufruf an "junge Weisse", sich der
NSS anzuschliessen und der Ankündigung, sie würden "einen
Krieg vorbereiten" gegen diese "Horden Hergelaufener arabo-musulmerdes"
und gegen das "Internationale Judentum" . Nach mehreren
Medienberichten nimmt die NSS ihren Auftritt vom Netz. Im Jahr 2008
publiziert die Gruppe auch zwei Nummern ihrer Zeitschrift "Wotan's
Krieger". Eine der beiden Nummern ist einem "Kameraden
Björn" gewidmet, der "ungerechterweise wegen unseren
Ideen eingesperrt" sei. Unklar ist, warum dieses "wichtige
NSS-Mitglied" eine Strafe absitzen muss. Klar ist hingegen,
dass die NSS-Mitglieder eine Vorliebe für Waffen haben. Ein
Videofilm, der im Frühjahr für kurze Zeit auf YouTube
zugänglich war, zeigt NSS-Leute beim Schiesstraining und beim
Posieren mit Gewehren.
Nationale Feiern und Rechtsextremisten
Auch 2008 versuchten RechtsextremistInnen patriotische Feiern oder
Gedenkorte zu vereinnahmen, so die Schlachtfeiern von Näfels,
Sempach und Morgarten sowie die 1. August-Feier auf dem Rütli.
Am erfolgreichsten waren sie in Sempach, wo sie als Teil des offiziellen
Umzuges mitlaufen und kurz nach Ende der offiziellen Feier eine
eigene Kranzniederlegung samt Kurzansprache durchführen konnten.
Die offizielle Sempacher Schlachtfeier, organisiert vom Kanton Luzern,
orientiert sich immer noch an nationalistischen Versatzstücken.
In der Einladung schwärmt Regierungsrat Markus Dürr (CVP)
von einer "Luzerner Volksseele" und in der offiziellen
Festansprache erweckt der Lehrer und Schriftsteller Pirmin Meier
den Eindruck von der historischen Wirklichkeit der Figur Arnold
von Winkelrieds. Meiers Ansprache wird denn auch flugs von Ulrich
Schlüers Blatt "Schweizerzeit" veröffentlicht.
In einer Interpellation hat die Kantonsratsfraktion der Luzerner
Grünen nun nachgefragt, ob der Regierungsrat nicht auch die
Meinung teile, "dass eine rechtsextreme Demonstration an einer
vom Kanton organisierten Feier politisch unerwünscht"
sei. Die Antwort ist ausstehend.
Brennpunkt der Auseinandersetzungen über die Anwesenheit von
Rechtsextremisten an patriotischen Feiern war auch 2008 das Rütli.
Wie im Vorjahr war die Wiese am Nationalfeiertag für die RechtsextremistInnen
gesperrt, wie im Vorjahr folgten rund 300 RechtsextremistInnen am
darauf folgenden Wochenende einem Aufruf der Partei National Orientierter
Schweizer PNOS und setzen sich über die von der Rütlikommission
der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG erlassenen
"Hausordnung" hinweg, die politische Anlässe auf
dem Rütli ausdrücklich ausschliesst. Wie im vergangenen
Jahr war zeigte sich die SGG-Rütlikommission weder willens
noch fähig, gegen den Verstoss gegen ihre eigenen Regeln vorzugehen.
Wie im vergangenen Jahr hält der Westschweizer Philippe Brennenstuhl
die französische Ansprache. Er bezeichnet Bundesrat Samuel
Schmid als "Stiefellecker der Amerikaner und der Zionisten"
. Markus Martig, Vorsitzender der PNOS-Sektion Emmental, kritisiert
die "Unterwerfung der Schweizer Politik unter die Interessen
der Wirtschaft und des Internationalismus".
Vollständig ausserhalb der offiziellen Feier - und auch weitgehend
ausserhalb der öffentlichen Beachtung - fanden die rechtsextremen
Aufmärsche in Näfels und Morgarten statt, weil sich diese
ausserhalb der offiziellen Feiern abspielten. Anfang April marschierten
an einem Sonntagnachmittag rund 40 RechtsextremistInnen durch das
Dorf zum Schlachtdenkmal, hörten dort zwei Ansprachen und gingen
dann picknicken . Mitte November zogen rund 90 Rechtsextremisten
an einem vom Waldstätterbund organisierten Fackelmarsch zum
Schlachtdenkmal Morgarten, verfolgten zwei Ansprachen und legten
einen Gedenkstamm nieder. Die beiden Kundgebungen verbreiteten insgesamt
den altertümlichen Charme patriotischer Feiern der 30er und
40er Jahre.
Musikgruppen
Musik spielt in allen Jugend-Subkulturen eine identitäts- und
wertestiftende Rolle, einerseits als Vermittlerin eines Lebensgefühls,
andererseits als Medium zur Verbreitung politischer Botschaften
. Konzerte dienen dem Szenenzusammenhalt, aber auch der Verbreitung
der politischen Botschaft insbesondere bei Naziskin-Konzerten, da
an diesen Veranstaltungen meist an entsprechenden Ständen sowohl
Tonträger und Bücher/Broschüren wie weitere szenetypische
Artikel angeboten werden. Bis zum Grundsatzurteil des Bundesgerichtes
zu Rassismus-Strafnorm und Öffentlichkeit erachteten Polizei
und Untersuchungsrichter Naziskin-Konzerte als private Veranstaltungen,
auch wenn über tausend Personen anwesend und die Konzertankündigungen
ebenfalls Medienschaffenden zugänglich waren.
In den vergangenen Jahren sind mehrere rechtsextremistische Schweizer
Bands an die Öffentlichkeit getreten, vor über zehn Jahren
bereits die Basler Gruppe "Sturmtruppen Skinhead", später
die Ostschweizer Hammerskin-Band "Erbarmungslos". Ebenfalls
aus der Hammerskin-Bewegung stammen Mitglieder der Luzerner Band
"Dissens".
Im Jahr 2008 waren drei Bands öffentlich wahrnehmbar, nämlich
"Amok", "Indiziert" und "Vargr I Veum".
In der Szene zirkuliert 2008 ein bis anhin unbekannter Tonträger
"Stimme der Schweiz/Demo". Er enthält weder Hinweise
auf die Autoren, noch auf die Vertreiber, gemäss einem nicht
überprüfbaren Hinweis soll er 2006 produziert worden sein.
Der Inhalt ist grobschlächtig, ein Lied trägt den Titel
"Jude ade" und beginnt mit den Worten "Tod dem Jud/das
ist gut/das soll so sein!" .
Indiziert
"Indiziert" ist zurzeit die bekannteste einschlägige
Schweizer Combo, die auch bereits verschiedentlich im Ausland aufgetreten
ist und laut ihrer Homepage 2008 fünf Konzerte gegeben hat,
auch bei einem Blood-and-Honour-Gedenkkonzert für Blood-and-Honour-Mitbegründer
Jan Stuart. Die Band hat bis anhin drei Tonträger veröffentlicht,
den letzten im Sommer 2007. Diese CD trägt den Titel "Die
letzte Bastion". Auch sie enthält vor allem Lieder, die
die eigene Stärke beschwören und die politischen Gegner
beschimpfen, beispielsweise: "Nationaler Widerstand. Gegen
diesen Multikulti Staat und die ganze rote Mafia/gegen korrupte
Politiker ja die ganze Kommunisten Schar/die seit eh und je uns
Nationale bekämpfen, doch ihr Plan geht nicht auf/denn Nationalisten
sind Freiheitskämpfer und wir nehmen auch den Tod in Kauf."
Ende 2008 verkündet die Band, sie habe seit Sommer wieder ein
geeignetes Probelokal und mit der Arbeit an einem neuen Tonträger
begonnen.
Die Band "Indiziert" besteht aus den Brüdern Alex
und Cédric Rohrbach, Dominic Lüthard und Benjamin Lingg.
Lüthard kandidierte 2006 erfolglos auf der PNOS-Liste für
den Grossrat wie für den Roggwiler Gemeinderat. Er ist Ende
2008 auch Vorsitzender der PNOS Sektion Langenthal und arbeitet
neu ebenso im PNOS-Bundesvorstand. Cédric Rohrbach ist stellvertretender
Vorsitzender der PNOS-Sektion Emmental.
Amok
Im Herbst 2007 erregte die Musikgruppe "Amok" grössere
öffentliche Aufmerksamkeit, nachdem sie den Tonträger
"Verbotene Wahrheit" veröffentlicht hatte, auf der
dem Schreibenden ein gewaltsamer Tod in Aussicht gestellt, weiter
die Ermordung von Schwarzen propagiert und auch der Holocaust geleugnet
wird . Ende Mai 2008 überführte die Polizei die vier Bandmitglieder,
zwei Metzger aus dem Kanton Zürich, ein Landschaftsgärtner
aus dem Kanton Aargau und ein Student aus dem Kanton Schwyz. "Amok"
gehört zum Umfeld von Blood and Honour. Neben einen Konzert
mit "Indiziert" trat die Band Anfang September auch an
einem grösseren B&H-Konzert in Belgien/Holland auf. Zwei
Bandmitglieder wurden 2008 wegen ihrer Teilnahme an einem Angriff
auf eine Glarner Juso-Kundgebung verurteilt . Ein drittes Bandmitglied
wurde Anfang Oktober in Vaduz vom Landgericht wegen Raufhandel,
Widerstand gegen die Staatsgewalt und Sachbeschädigung verurteilt.
(Dieses Urteil ist nicht rechtskräftig, der Staatsanwalt hat
Berufung eingelegt.)
Vargr I Veum
Mitte einem Konzert feierte die Band "Vargr I Veum" Mitte
Dezember 2008 die Taufe ihres ersten Tonträgers "Sig Ende
Fridar", allerdings vor einem zahlenmässig bescheidenen
Publikum . Vorher war die Band an mehreren rechtsextremen Kundgebungen
in Deutschland aufgetreten oder zumindest programmiert worden. Die
vier Musiker sind bis anhin nicht namentlich bekannt, obwohl ihr
Projekt bereits vor zwei Jahren angekündigt worden war . In
den Liedtexten greifen sie auf germanische und heidnische Vorstellungen
zurück, wie sie in einem Teil der Rechtsextremenszene beliebt
sind.
Buch- und Musikversände
Bis vor wenigen Jahren mussten Schweizer Rechtsextremisten sowohl
einschlägige Bücher wie Tonträger aus dem Ausland,
insbesondere aus Deutschland beziehen. In den Jahren 2004 und 2005
hatte Sacha Kunz, vormals PNOS-Präsident, allerdings den Aufbau
eines Tonträgervertriebes und Tonträger-Labels vorangetrieben.
White Revolution Records wolle, so die Ankündigung auf der
Homepage, ein Schweizer Musik-Label sein, "das sich zum Ziel
gemacht hat, in der Nationalendenkenden Musik Szene mitzumischen"
(Orthografie im Original).
Ein Anzeichen für die Festigung einer subkulturellen Bewegung
sind die Angebote, die den Kauf einschlägiger Produkte ermöglichen,
seien es Bücher (Buchversand "Neue Zeitwende"), seien
es einschlägige Klamotten. Im Sommer 2007 eröffnete ein
bis anhin unbekannter Rechtsextemist einen Laden namens "Blutschutz",
der T-Shirts mit einschlägigen Slogans bedruckt, auch den Druck
von Flugblättern besorgt. Auf der Homepage erschienen regelmässig
Berichte über einschlägige Szeneveranstaltungen. Die vorhandenen
Unterlagen lassen darauf schliessen, dass der Anbieter im Raum Aargau/Zürich
wohnhaft ist. Eingeweihten bot er auch Kleider mit nationalsozialistischen
Symbolen an. Im Frühling 2008 verschwand die Internet-Präsenz
unvermittelt vom Netz und wurde nicht mehr eröffnet. Einige
Zeit später verschwand auch die Homepage der Frei Nationalen
Kameradschaft Helvetia Germania FNK, zu deren Umfeld auch "Blutschutz"
gehörte.
Buchversand Neue Zeitwende
Der Buchversand "Neue Zeitwende" bietet - gemäss
Eigeneinschätzung - "Bücher zu diversen Themen"
wie "Geschichte, Kultur und Brauchtum, Politik und anderen
Themen" an. In Realität verbreitet er verschwörungsfantastische
Bücher über Geheimbünde, verherrlichende Literatur
über die Waffen-SS, dazu Bücher von rechtsextremistischen
Autoren wie Jürgen Schwab oder Peter Dehoust. Eine ganze Reihe
der angebotenen Bücher stammt aus einschlägig bekannten
deutschen Rechtsextremisten-Verlagen, wie beispielsweise dem Hohenrain-Verlag.
Der Buchversand "Neue Zeitwende" ist über ein Postfach
in Aefligen (Nähe Kirchberg BE) erreichbar. Gegründet
wurde er von Adrian Segessenmann, seit Spätherbst 2008 werden
auf der Homepage Segessenmann "als Inhaber" und "Mitarbeiter"
Michael Vonäsch, auch noch PNOS-Ortsgruppenvorsitzender Willisau,
als "hauptverantwortliche Personen" aufgeführt.
Politische Organisationen
Um die Jahrtausendwende versuchten Schweizer Rechtsextremisten,
politische Parteien aufzubauen, mit dem Ziel, sich auch an Wahlen
zu beteiligen. Diese Projekte - wie beispielsweise David Mulas'
Nationale Partei der Schweiz (NPS) - sind meistens bald gescheitert.
Ausnahme ist die Partei National Orientierter Schweizer (PNOS),
die inzwischen gefestigte Strukturen aufgebaut hat. Als Einzelkämpfer
produziert sich noch der Basler Eric Weber, dies als Vertreter seiner
"Volks-Aktion gegen zu viele Ausländer und Asylanten in
unserer Heimat". Zwar blieben die Basler Wählerinnen und
Wähler 2008 von einer Kandidatur seinerseits verschont, doch
zweimal sorgte Weber für lokale Aufregung. Im März 2008
wurde er vom Basler Strafgericht wegen Wahlbestechung, Wahlfälschung
und Drohung verurteilt . Und bei den baselstädtischen Wahlen
reichte er eine wenig konkrete Anzeige wegen Wahlbetrugs ein . Weber
hat eine lange Karriere im rechtsextremistischen Milieu hinter sich.
1986 wurde er - auf der Liste der Nationalen Aktion NA - in den
Grossen Rat gewählt, wo er bald durch seine flegelhaften Auftritte
auffiel. Nach seinem Ausscheiden aus dem Grossen Rat übersiedelte
er für mehrere Jahre nach Deutschland, wo er als Journalist
zu arbeiten versuchte. Er war bereits Anfang der 90er Jahre wegen
Urkundenfälschung bei Wahlen verurteilt worden . 2003 beteiligte
er sich an den Nationalratswahlen, 2004 bei den Grossratswahlen,
dies jeweils auf den Listen der Schweizer Demokraten (SD).
Partei National Orientierter Schweizer PNOS
"Keine lauwarme Reform, sondern eine heisse Revolution"
bräuchten wir, schreibt die PNOS-Sektion Berner Oberland zum
Jahresbeginn 2009. Es gehe darum, "die heiligen Kühe des
Kapitalismus" zu schlachten: "Grenzloses Privateigentum,
Rationalismus, Internationalismus". Mit welchen Mitteln der
Umsturz erreicht werden soll, darüber schweigt sich der PNOS-Sprecher
aus, ansonsten belegt der Aufruf eine Kontinuität der rechtsextremen
Partei.
Die PNOS behauptet, sie strebe einen "Eidgenössischen
Sozialismus" an. Sie betont die sozialen Unterschiede in der
Schweizer Gesellschaft, kritisiert den Kapitalismus, gibt aber darauf
eine nationalistische/teils rassistisch motivierte Antwort. In ihrem
Parteiprogramm finden sich Anleihen bei rechtsextremistischen Organisationen
der 1920er und 1930er Jahre, manchmal bei den rassistisch motivierten
Neuen Rechten der 1970er Jahre . So fordert sie das Verbot von "geheimen
Logen und Bünden" - einst hiess dies Freimaurereiverbot.
Sie schreibt von "Volksgemeinschaft" und "biologisch
gewachsenem Volk", was die Schweiz allerdings nicht sei. Sie
verlangt die "Abschaffung aller Parteien", die Einsetzung
eines "Staatsoberhauptes", dessen Stellung "gegenüber
dem Bundesrat und dem Parlament gestärkt" werden müsse.
Auch soll die Regierung vom Volk auf unbestimmte Zeit gewählt
werden. Die PNOS sieht die Schweiz als "kulturelle und völkische
Einheit" und fordert eine "Fremdenpolitik nach ethnopluralistischen
Grundsätzen". Das bedeutet unter anderem, dass "kulturfremde
Ausländer" das Bürgerrecht (und damit die politischen
Rechte) nur "in Ausnahmefällen" erhalten könnten.
Weiter fordert die PNOS die Abschaffung der Rassismus-Strafnorm.
Sie kritisiert die Menschenrechte als "universalistisch"
und als "Ausdruck eines widernatürlichen Menschheitsbegriffs",
da sie "die Existenz von Völkern und Kulturen" negieren
würden.
Ende 2008 gehören dem Bundesvorstand fünf Personen an:
Denise Friedrich, André Jauch, Jonathan Leiggener, Dominic
Lüthard und Markus Martig. Roland Renggli ist Ende 2008 aus
dem Vorstand ausgeschieden. Zu den wichtigsten Parteiakteuren gehörten
2008 neben dem Bundesvorstand die Berner Oberländer Michael
Haldimann, Mario Friso und Jordi de Kroon, die Langenthaler Timotheus
Winzenried, Raphael Würgler und Tobias Hirschi, der Burgdorfer
Cédric Rohrbach, die Willisauer Michael Vonäsch und
Dani Wüthrich sowie David Schnurrenberger von Küssnacht
am Rigi. Die Partei verfügt über Sektionen im Berner Oberland
und im Emmental sowie in Langenthal, Willisau und Küssnacht
am Rigi. Anfang Januar 2009 wird auf der PNOS-Weltnetzseite auch
eine bis anhin unbekannte "Sektion Basel" angezeigt, erreichbar
über eine Postfachadresse in Tenniken. Nicht öffentlich
wahrnehmbar waren 2008 Tätigkeiten der Sektionen Aargau und
Freiburg.
Die PNOS entfaltete auch 2008 einiges an Aktivitäten. Auf
ihrer Homepage verbreitete die Partei mehrere Dutzend Stellungsnahmen
und produzierte monatlich eine Ausgabe der Parteizeitung "Zeitgeist".
Anfang März zogen mehrere Dutzend Rechtsextremisten überraschend
durch Schwyz und demonstrierten gegen "Masseneinbürgerungen",
sie widersetzten sich damit einem Verbot einer PNOS-Kundgebung .
Am 1. Mai zog die PNOS überraschend durch Fribourg. Wie auch
in den vorhergehenden Jahren demonstrierte sie damit am Tag der
Arbeit . Angekündigt war die PNOS-Feier auf dem Rütli.
Die zuständige Rütlikommission betonte zwar den Verstoss
gegen die Hausordnung, bestand jedoch nicht auf deren Durchsetzung.
An PNOS-Veranstaltungen traten 2008 der Holocaust-Leugner Bernhard
Schaub und Pierre Krebs auf, Mitbegründer des Thule-Seminars
in Kassel, das eine europäische Neuordnung aller europäischen
Völker anstrebt, "unter besonderer Berücksichtigung
ihres biokulturellen und heidnisch-religiösen Erbes" .
Am PNOS-Parteitag in Sempach sprach der österreichische Antisemit
Richard Melisch. Er erklärte unter anderem, dass das Ziel der
Internationalisten die Auslöschung der Völker und die
Schaffung eines Schmelztiegels der Rassen sei .
Ende Oktober 2008 konnte die Partei ihren einzigen Parlamentssitz
in der Kleinstadt Langenthal verteidigen; anstelle des nicht mehr
angetretenen Tobias Hirschi wurde der 21-jährige Timotheus
Winzenried gewählt . Hirschis parlamentarisches Wirken war
erfolglos geblieben, doch der Sitzerhalt stützt sich auf die
subkulturelle rechtsextremistische Präsenz in der Region Oberaargau
und die tiefe Wahlbeteiligung. Die übrigen Parteien hatten
wenig Anstrengungen gegen die Wahlabstinenz unternommen.
Ende Januar 2009 - nach Redaktionsschluss, aber vor der Veröffentlichung
dieses Textes - werden die fünf PNOS-Vorstandsmitglieder Adrian
Spring, Michael Haldimann, Dominic Bannholzer, Denise Friedrich
und André Jauch vor dem Bezirksgericht Aarau erscheinen müssen,
angeklagt der Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm wegen
der Verbreitung des 20-Punkte-Parteiprogramms. Dort steht in Punkt
4: "Ein gesunder Staat vertritt die Rechte seines Volkes und
nicht, wie heute, die Interessen von Randgruppen oder fremden Eindringlingen.
Dass es soweit gekommen ist, verdanken wir dem Irrtum, jeder Mensch
müsse in jedem Land der Erde die gleichen Rechte haben."
Und in Punkt 7 verlangt die PNOS die "Rückführung
kulturfremder Ausländer". Bereits im Sommer 2005 hatte
das Bezirksamt Aarau verschiedene Parteiexponenten wegen des Parteiprogramms
verurteilt. Die PNOS hatte danach ihr Programm umgeschrieben.
Die PNOS wurde im September 2000 gegründet, zu ihren Gründern
gehörten Skinheads aus der Blood-and-Honour-Bewegung. Erster
Präsident war Sacha Kunz. Im Frühjahr 2003 löste
ihn Jonas Gysin ab, der im August 2005 dann wieder zurücktrat.
Helvetische Jugend
Ende Juni beteiligten sich Mitglieder der Helvetischen Jugend -
erkennbar an einem T-Shirt mit Organisationsemblem und der Aufschrift
"Widerstand lässt sich nicht verbieten" - an der
Sempacher Schlachtfeier. Ansonsten lassen sich keine Aktivitäten
nachweisen. 2008 erschienen auf der Homepage nur wenige Einträge,
beispielsweise über die "Schlacht bei Ragaz" und
den "Sonderbundskrieg". Weiter ein Aufruf zur Unterstützung
der SVP-Einbürgerungsinitiative: Es dürfe "nicht
geschehen, dass wir eines Tages fremd sind in unserem Land. Doch
wenn das alles so weiter geht mit der Masseneinbürgung wie
bisher, dann wird die Schweiz bald von Ausländern regiert."
Daneben aber auch eine Betrachtung über die "Schwarze
Sonne". Diese stehe als Zeichen für "die arische
Gotterkenntnis", und wer dieses Symbol heute trage zeige "die
Verbundenheit mit der eigenen Art und mit den uns arteigenen Wertvorstellungen".
Gleichzeitig sei es ein Bekenntnis "gegen die herrschenden,
zerstörerischen Kräfte des Mammons und der zunehmenden
Dekadenz".
Die Helvetische Jugend wurde Anfang Juli 2004 in der Region Oberaargau
(Langenthal und weitere Umgebung) gegründet. Zu ihren Zielen
zähle, so die Helvetische Jugend auf ihrer Homepage, dass "der
Multikultur ein Ende gesetzt" werde. Dies will sie unter anderem
erreichen durch "Rückführung von gewalttätigen
Ausländern. Ausländeranteil muss gesenkt werden."
Weiter mit "Internierungslagern für Asylbewerber"
und "besserer und neutralerer Bildung von Schweizerschulen
(nicht weiter linke Stalin und Lenin Propaganda. Trennung von deutschsprechenden
Schülern zu nicht deutschsprechenden Schülern." Und
es solle Schluss sein "mit dem linken, desinformierten Medienterror,
wir brauchen neutrale Auskunftgeber."
Waldstätterbund
Anfang Mai gründeten rund 40 Anwesende, zumeist junge Männer,
den Waldstätterbund (WB) . Gemäss einem Versammlungsbericht
seien zuerst "Begrüssungsreden der Vertreter von Uri,
Schwyz und Unterwalden" angehört worden, dem "der
symbolische Erneuerungsschwur durch das gemeinsame Entfachen von
Feuer und Flamme" gefolgt sei. Das WB-Programm enthält
einerseits bekannte Versatzstücke des eidgenössischen
Patriotismus, andererseits solche der rassistisch inspirierten Neuen
Rechten. Der Waldstätterbund beklagt den "allgegenwärtigen
Medienungeist" und die Überfremdung. Er will - wie die
PNOS - eine "raumorientierte Volkswirtschaft", will heissen
die nationalistische Abschottung. Der Bund kritisiert "die
multikulturelle Utopie" und die Masseneinwanderung, die "zur
unwiderruflichen Zerstörung der Vielfalt an Kulturen und Völkern"
führe.
Dem Waldstätterbund gehören die bereits seit längerem
bestehende Kameradschaft Uri sowie die Mitte Oktober 2008 gegründete
Kameradschaft Schwyz an. WB-Mitglieder liefen beim Rechtsextremenaufmarsch
bei der Sempacher Schlachtfeier mit, am 1. August versuchte eine
WB-Gruppe (rund 15 Leute) an der Rütlifeier teilzunehmen, die
meisten wurde jedoch von der Polizei abgefangen. Auf der Homepage
bezeichnet der WB die ordentliche Rütlifeier als ein "Multikulturelles-Propaganda-Theater".
Und weiter: "Die neuen Vögte' holten kulturfremde
Ausländer auf das Rütli begleitet von Trommelmusik aus
dem fernen Afrika". Mitte November gehörte der WB zu den
Mitorganisatoren der rechtsextremistischen Gedenkfeier beim Morgartener
Schlachtdenkmal. Sowohl die Gründungsfeier der Kameradschaft
Schwyz wie das Morgarten-Schlachtgedenken wurden auch von der PNOS-Sektion
Küssnacht am Rigi begrüsst. Zu dieser regionalen Rechtsextremenszene
gehört auch das Nachrichtenportal "Volksruf", auf
dem 2008 allerdings nur spärlich neue Einträge aufgeschaltet
wurden.
Nationaler Beobachter Oberland/Nationale Sozialisten Berner
Oberland
Das Berner Oberland war 2008 - neben der Region Oberaargau/Emmental
und Sempach LU - der Schwerpunkt rechtsextremistischer Aktivisten;
von dort stammen sehr aktive Exponenten (wie Mario Friso, Michael
Haldiman). In dieser Region politisiert die PNOS-Sektion Berner
Oberland, die bis zum Sommer 2008 auch einen Tonträger-Versand
betrieb, und dort fanden 2008 mehrere Veranstaltungen statt, einmal
ein Vortrag , einmal ein Konzert . Seit Sommer 2008 tritt auch ein
"Nationaler Beobachter Berner Oberland" im Internet auf,
betrieben von einer Gruppe "Nationale Sozialisten Berner Oberland".
Ihr Ziel sei "Die Loslösung des Menschen von diesem kapitalistischen
Ausbeutersystem". Sie sehen ihre "politisch-kulturelle
Tätigkeit als Selbstverständnis zur Erhaltung einer unabhängigen
Region, die in ihrem Herzen vom eigenen Volk belebt, bewohnt und
regiert wird." Und weiter: "Wir bekennen uns als nationale
Sozialisten, scheuen aber keinesfalls den Kontakt zur Öffentlichkeit.
Wer sich nicht mit uns auseinandersetzen will, dem zwingen wir die
Auseinandersetzung eben auf."
Über die Homepage Nationaler Beobachter Oberland verbreitet
auch der Versand "Holy War Rec" sein Angebot. Als "Ansprechpartner"
firmiert hier Mario Friso, erreichbar ist der Versand ebenfalls
über ein Postfach in Spiez. Der Versand behauptet, alle angebotenen
Artikel seien "anwaltlich oder polizeilich geprüft und
halten dem schweizerischen Gesetz, insbesondere dem §261bis
stand". Zweifel an dieser Aussage sind angebracht: Die CD "In
Tyrannos - Die Maske fällt" enthält ein Loblied auf
die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion, dem am weitesten
verbreiteten antisemitischen Text.
Kampfbund Nationaler Aktivistinnen
Allzu oft würden sich die Frauen in der Nationalen Bewegung,
so beklagt sich die Administratorin des Kampfbund Nationaler Aktivistinnen
KNA, "mit der Anhängselrolle zufrieden" geben und
würden sich "von den Männern zu minderwertigen Wesen
degradieren lassen." In der Tat haben PNOS-Exponenten die Gründung
der Frauen-Umfeldorganisation teilweise mit offensichtlicher Abneigung
beobachtet: "Nun, ich halte es grundsätzlich für
etwas zu früh, Frauen auf diese Art integrieren zu wollen.
Es sind letztlich bestimmt nicht viele, und wegen 10 Hühnern
so einen Umstand? Ich weiss nicht. Haben wichtigeres zu tun, finde
jedenfalls ich." In der Tat ist der Anspruch der KNA widersprüchlich.
Der Kampfbund will unabhängige Frauen erreichen, die sich für
den "nationalen Kampf", gegen "die kapitalistische
Unterjochung der Völker" einsetzen, dies jedoch - gemäss
dem traditionalistischen Rollenbild - in erster Linie als Frau und
Mutter tun. Die intakte Familie sieht die KNA als "höchstes
anzustrebendes Glück", und tendenziell seien "Frauen
in Sachen Einfühlungsvermögen, Verständnis, Kommunikation,
Verantwortungsbewusstsein, Ordnungssinn und Durchhaltevermögen
den Männern voraus." Die KNA behauptet weiter, dass der
Feminismus "frauenfeindlich" und "längst überholt"
sei. "Wir müssen die Forderung nach einer neuen, emanzipierten
Weiblichkeit umsetzen und den Volkstod verhindern."
Der KNA wurde Ende Juli 2007 gegründet . Als einzige KNA-Sprecherin
trat bis anhin das PNOS-Vorstandsmitglied Denise Friedrich in der
Öffentlichkeit auf. Anfang 2008 verkündete die KNA, sie
wolle den "Aktivistenkreis weiter vergrössern, um so eine
möglichst breite Masse erreichen zu können." Die
KNA orientiert sich an ähnlichen Organisationen in Deutschland
wie beispielsweise der Gemeinschaft Deutscher Frauen, dem Ring Nationaler
Frauen oder dem Mädchenbund Thüringen.
Heimatbewegung
Nur gerade zwei neue Einträge veröffentlicht die Heimatbewegung
auf ihrer Homepage, einerseits einen Bericht über einen Angriff
auf einen Flugblattverteiler in Köln, andererseits einen Nachruf
auf Jürg Haider. Wie andere Rechtsaussen liebäugelt auch
die Heimatbewegung mit Verschwörungsfantasien. Der Unfalltod
Haiders sei jenem des deutschen FDP-Politiker Jürgen Möllemann
frappant ähnlich. "Denn beide handelten sie nach Volkes
Stimme und wurden darum als Populisten verschrieen, beide kritisierten
den Moloch Internationaler Organisationen, und unterstützten
im Nahostkonflikt die arabische Sache. Für wen war der Tod
dieser im Volk ausserordentlich beliebten Politiker letztlich von
Nutzen? Stehen am Ende ausländische Geheimdienste dahinter?"
Ansonsten trat die Heimatbewegung, die 2004 oder 2005 gegründet
wurde und über ein Postfach in Dübendorf erreichbar ist,
nicht weiter in der Öffentlichkeit auf. Unklar ist, wie viele
Mitglieder sie hat und welche internen Aktivitäten sie entfaltet.
Die Heimatbewegung strebt die Auflösung der viersprachigen
Schweiz an, sie will nämlich die "Überlebensinteressen
der Alemannischen Volksgruppe" wahren und kämpft "für
einen Eidg. Volksstaat in den Grenzen der heutigen Deutschschweiz."
Ansonsten vertritt sie Programmpunkte, wie sie bei rechtsextremistischen
Gruppierungen üblich sind: Förderung des Bauernstandes,
Wiedereinführung der Todesstrafe, Abschaffung des jetzigen
Asylrechtes, einen totalen Einwanderungsstopp, Verbot jeder Form
von Ausländerintegration und einen vollständigen Stopp
von Einbürgerungen.
Identitaires de Romandie und Jeunesses Identitaires Genève
In den französischsprachigen Ländern Europas hat sich
im rechtsextremistischen Lager eine Strömung verbreitet, die
sich Identitaires nennt, sich auf eine "europäisch-weisse
Identität" beruft und sich gegen Einwanderung aus anderen
Kontinenten ausspricht. In Frankreich hat sich auch eine aktive
und militante Splittergruppe Les Identitaires gebildet, die verschiedentlich
durch spektakuläre Aktionen aufgefallen ist. In der Schweiz
treten zwei Organisationen auf, Les Identitaires de Romandie und
die Jeunesses Identitaires de Genève. Unklar ist, wie viele
Mitglieder die beiden Organisatoren haben. Beide Organisationen
unterhalten einen Internet-Auftritt, wobei jener der Identitaires
de Romandie im Jahre 2008 nur wenige Male aktualisiert wurde.
Jeunesses Identitaires Genève hat 2008 mehrere Aktionen
durchgeführt. So klebten Aktivisten im Genfer Quartier Paquis
gegen Ausländer, auch störten sie in Lausanne eine Schweigekundgebung
für Papierlose . Sie imitierten damit französische Vorbilder.
Sie produzierten eine Flugblatt "Gegen die Minarette? Stoppt
die Einwanderung". Mitglieder der Genfer Jeunesses Identitaires
beteiligten sich im Sommer an einem Sommer-Camp von Identitaires-Gruppen
in Frankreich. Sie hätten, so berichtet die Gruppe später,
auch Boxen geübt. Eine solche Ausbildung sei "unvermeidbar",
denn "manchmal verteidige man die Identität nicht nur
mit Worten" ("car parfois l'identité ne se défend
pas uniquement avec des mots").
Auf ihrer Homepage verbreitete Jeunesses Identitaires Genève
aber auch Beiträge, die den vormodernen Geist der Geistigen
Landesverteidigung verströmen, mehrmals auch Texte von Gonzague
de Reynold, einerseits Ideologe der Geistigen Landesverteidigung,
andererseits Bewunderer von rechten Diktatoren. Der junge Genfer
Jean-David Cattin ist der einzige Aktivist, der seine Texte namentlich
zeichnet.
Politisch-kulturelle Aktivitäten
Verschiedene Aktivisten und Organisationen stützen sich auf
ein rechtsextremistisches Gedankengut, sie beteiligen sich jedoch
nicht an der institutionalisierten Politik, insbesondere nicht an
Wahlen. Durch Bildungs- und Vernetzungsarbeit wollen sie politisch-kulturelle
Ideologiearbeit machen, so die Avalon Gemeinschaft, so Gaston-Armand
Amaudruz mit seiner Zeitschrift Courrier du Continent, so auch das
Waadtländer Ehepaar Paschoud mit ihrer Zeitschrift Le pamphlet.
Avalon Gemeinschaft
Anfang November 2008 veranstaltete die Avalon Gemeinschaft ihr "1.
Nationales Forum" zum Thema "Politische Systeme".
Zu den Referenten gehörte der österreichische Antisemit
Richard Melisch. Regelmässig treffen sich Avalon-Mitglieder
sonst zu einem Stamm. Der Avalon-Primus Adrian Segessenmann: "Die
Avalon-Gemeinschaft wurde zum Sinn und Zweck gegründet, zeitgeschichtliche
und aktuelle Themen aufzugreifen, aber auch um Brauchtum und Kultur
zu pflegen. Im Vordergrund standen dabei immer die traditionellen
Feiern wie Ostarafeier, Sommersonnwende, Erntedank- und Julfeier.
Zwischen diesen Anlässen wurden Vorträge, Seminare, Ausflüge
und Besichtigungen von Museen organisiert."
Adrian Segessenmann, Jahrgang 1979, ist ein langjähriger Aktivist
im rechtsextremistischen Milieu. Bereits als 16-Jähriger war
er 1995 dabei, als Hammerskinheads in Hochdorf ein antifaschistisches
"Festival für Völkerverständigung" angriffen.
Zusammen mit seinem Vorgänger Wüthrich organisierte Segessenmann
im Frühling 1999 auch jenen Vortrag über die Waffen-SS,
der dem Bundesgericht Anlass bot, bei der Anwendung der Rassismus-Strafnorm
das Tatbestandsmerkmal "Öffentlichkeit" neu zu definieren:
Öffentlich ist alles, was nicht im privaten Rahmen erfolgt.
Mitte September 2008 sprach Segessenman am "Fest der Völker"
in Altenburg/Deutschland. Er gehört inzwischen zu jenen wenigen
Schweizer Rechtsextremisten, die auch im Ausland wahrgenommen werden.
Die Avalon Gemeinschaft wurde im Juli 1990 gegründet, mit
dabei waren unter anderem Roger Wüthrich, vorher Anführer
der Wiking Jugend Schweiz, weiter Andreas Gossweiler, in jenen Jahren
Mitglied in mehreren rechtsextremistischen Fronten . An ihren Versammlungen
findet man neben den bekannten Exponenten auch Ahmed Huber, einen
Islamisten, Roger Wüthrich, Altfaschisten wie auch junge Naziskins.
Mitte Mai 2008 verstarb Ahmed Huber. Seine "Kameraden"
ehrten ihn einem ausführlichen Nachruf .
Freier Bote
Aus dem PNOS-Umfeld heraus produziert wird die Zeitschrift "Freier
Bote", von der 2008 mindestens drei Nummern - sowohl auf Papier
wie im Internet - erschienen sind. Sie ist "kostenlos, aber
nicht umsonst" und werbefrei. Ermöglicht werde die Finanzierung
von "einem Kreis von Persönlichkeiten", der bereit
sei, einen finanziellen Beitrag zu leisten. Wer dies sein könnte,
ist noch unklar. Der "Freie Bote" soll, so der Anspruch
des verantwortlichen "Autorenkollektivs", "Schweizer
Schriftstellern ein Plattform bieten, die in allen anderen Publikationen
im Zeitalter der Monopolisierung (die wichtigsten Tageszeitungen
der Schweiz sind in Besitz einiger weniger Mogule), der Oberflächlichkeit
und der vorauseilenden politischen Korrektheit nicht mehr vorhanden"
seien. Allerdings verbergen sich diese "Schriftsteller"
hinter Pseudonymen wie "Kaspar Hauser", "Konrad Bircher"
oder "Anna Wüthrich". Sie verbinden - wie die PNOS
- Kapitalismus-/Globalisierungskritik mit der rassistisch-inspirierten
Ideologie der Neuen Rechten. In der ersten Nummer (Schwerpunkt Globalisierung)
schreibt "Peter Herrlich", dass auch "die Nationale
Bewegung" Argumente gegen die Globalisierung vorbringe: Das
"Hauptübel des Kapitalismus sei der "Zins und Zinseszins".
Und weiter: "Anders als die Linken bekämpfen sie nicht
nur die wirtschaftliche, sondern auch die gesellschaftliche Globalisierung.
Sie sind der Überzeugung, dass jeder Mensch und jedes Volk
wohl die gleiche Existenzberechtigung hat, dass aber die wahllose
Mischung der einzelnen Völker eine soziale Katastrophe"
auslöse. Die zweite Nummer beschäftigt sich mit Meinungsfreiheit
und zielt gegen die Rassismus-Strafnorm. Zu den Autoren zählt
auch Jürgen Graf, laut "Freier Bote" ein "Schweizer
Dissident" und "politischer Flüchtling" . In
seinem Text behauptet Graf, dass nach Inkrafttreten der neuen Bundesverfassung
von 1999 alle Verurteilungen aufgrund des "Antirassismus-Gesetzes"
hätten "sofort ausser Kraft gesetzt werden" müssen.
Mit der dritten Nummer reagierten die "Freier Bote"-Macher
auf die Fussball-EM 2008. Sie nannten den Schwerpunkt "Identität"
und wollten auch der Frage nachgehen, "wie weit sich ein Schweizer
mit Landsmännern' wie Djouru, Derdijok und Yakin verbunden"
fühle. Ungehobelt rassistisch "Kaspar Hauser": Bei
einer Begegnung England-Frankreich würden "wieder mehr
Neger als Weisse das Spielfeld säumen".
"Notizen" des Max Wahl
Er schien von der politischen Bühne abgetreten zu sein. Zwar
gab es vage Hinweise, dass Max Wahl gelegentlich noch Meldungen
an politische Weggefährten schickt, doch der ehemalige "Eidgenoss"-Herausgeber
ist weiterhin regelmässig aktiv. Alle zwei Monate versendet
er seine "Notizen", angeblich für den "engsten
Kreis ehemaliger Eidgenoss'-Abonnenten und ihre Freunde".
Die Kosten würden "mit Bücherverkauf und Zuwendungen"
gedeckt, schreibt er in der Nummer 77, erschienen Mitte November
2008. Öffentlich wahrnehmbar wurden die Wahlschen Aktivitäten,
weil seit einiger Zeit (fast) alle Nummern ab 2006 auf der Site
des antisemitischen Verschwörungsfantasten Bernhard Paul Becker
aus Jena dokumentiert sind. Ob Becker dies in Absprache mit Wahl
tat, liess sich bis anhin nicht eruieren.
Max Wahl , geboren 1923, um 1975 Mitbegründer der Eidgenössisch-Demokratischen
Union EDU, hatte Ende 1994, unmittelbar vor Inkrafttreten der Rassismus-Strafnorm,
sein Heftchen "Eidgenoss" offiziell eingestellt. Er bedient
aber weiterhin Antisemiten, Freimaurerfeinde und Verschwörungsfantasten,
beispielsweise auch jene Verschrobenen, die von Deutschen Flugscheiben
träumen, die in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges
von ergebenen Nazis gerettet worden seien und nun im Erdinnern (meist
Neuschwabenland genannt) darauf warten, ein Nazireich wieder aufstehen
zu lassen .
Die veröffentlichten Kopien dokumentieren neben Wahls ungebremstem
Antisemitismus und Rassismus auch seine nationalsozialistische Gesinnung.
Er schreibt von der "Holocaust- und Rassenvermischungsindustrie",
der "Zerstörung der traditionellen europäischen Völker"
und dass die Rassismus-Strafnorm ein "jüdischer Maulkorb
für Eidgenossen" sei. Er behauptet, dass "eine jüdische
Kriegserklärung" dem "bisher grössten Weltkrieg"
vorausgegangen sei. Und die Bundesrepublik ist für ihn ein
von "den Alliierten besetztes Deutschland" . Offen bleibt,
wie gross der Empfängerkreis ist. Selten lässt Wahl auch
andere Schreiber zu Wort kommen, wiederholt - samt Adress- und Telefonangaben
- den Leserbriefschreiber Woldemar Greber, den er als "Gesinnungsfreund"
bezeichnet.
Wahl bietet auch das - von der Öffentlichkeit bis anhin nicht
beachtete - Buch von Edgar Zaugg an. Zaugg war 1984/85 Sprecher
der Berner Sektion der Nationalen Aktion NA und vertrat grobschlächtig
rassistische Positionen . Unter anderem auf seine Auslassungen stützte
sich das Bundesgericht, als es 1987 bestätigte, "dass
die Äusserungen von NA-Politikern und Publikationen im Parteiorgan
zum Teil erschreckende Ähnlichkeiten zur nationalsozialistischen
Lehre aufweisen" würden. Das Buch Zauggs , des "einstigen
Kämpfers gegen die Überfremdung der Schweiz", so
Wahl in seiner Ankündigung, versuche eine "Abrechnung
mit den Kirchen". Zu den kritisierten "Drahtziehern"
gehörten auch "die Juden, Israeliten, Zionisten"
. In Tat und Wahrheit verbreitet Zaugg, der heute in Argentinien
lebt, ein grobschlächtiges Gemisch aus Antisemitismus und Christen-
und Muslimfeindschaft, verbunden mit braunen Ansichten. Die "nationalsozialistische
Epoche" sieht er als gescheiterten "Versuch, zur eigenen
Kultur zurückzufinden" . Und weiter: "Der Nationalsozialismus
in Deutschland war wie eine Religion, es war der Glaube an das Schöne.
Die Schönheit der Natur, die Schönheit der Rasse, die
Schönheit und Gewissheit, anständig in Ehren und Wohlstand
zu leben, die Zusammengehörigkeit, die Liebe zur Arbeit, die
Liebe zur Heimat." Besonders zahlreich sind aber antisemitische
Passagen. Zaugg beruft sich dabei auch auf die "Protokolle
der Weisen von Zion" . Zauggs Werk ist das rüdeste und
ausführlichste antisemitische Buch, das in den vergangenen
Jahren mit Schweizer Beteiligung erschienen ist. Über Muslime
schreibt Zaugg: "Weil es sich beim Islam wie auch beim Judentum
um eine staatsfeindliche und aggressive, ja mörderische Religion
handelt, muss beiden Einhalt geboten werden. Die beste Abwehr ist,
islamische Arbeitskräfte, Flüchtlinge und Emigranten nicht
mehr in Europa aufzunehmen,
"
Courrier du Continent - Gaston Armand Amadruz
Im Mai 2008 veröffentlichte Gaston Armand Amaudruz, inzwischen
87-jährig, die 500. Ausgabe seines hektografierten Heftchens
"Courrier du Continent". Der Inhalt bleibt seit Jahren
gleich, in einem ersten Teil "Bloc-Notes" veröffentlicht
Amaudruz Zitate aus Zeitungen, gelegentlich mit hämischen Kurzkommentaren
versehen. Die "Bloc-Notes" bringen auch Hinweise (samt
Bezugsadressen) auf neu erschienene rechtsextremistische Hefte und
Bücher, das Heft leistet daher Vernetzungsarbeit. Dazu kommen
regelmässige Rubriken wie "Kriminalität" oder
"Lois-Baillons" (Knebel-Gesetze) - wie Amaudruz Strafartikel
gegen Rassismus und Holoacaust-Leugnung zu nennen beliebt. Die letzte
Seite bestreitet Amaudruz mit einem Leitartikel, in dem er seine
rassistischen, antisemitischen und Holocaust leugnenden Auffassungen
verbreitet. Solche Kommentare haben Amaudruz vor einigen Jahren
zwei dreimonatige Gefängnisaufenthalte eingetragen. "Courrier
du Continent" publiziert weiter Texte von MitarbeiterInnen
wie beispielsweise des italienischen Anwaltes Edoardo Longo oder
von Yann Woltering. Philippe Brennenstuhl veröffentlichte hier
seine Rütli-Rede , weiter publiziert Amaudruz eine Stellungsnahme
der Weltstiftung für die Erforschung des Holocausts, unterschrieben
von Mohammed Ali Ramin . Die Stiftung war Anfang Dezember 2006 anlässlich
der Teheraner Holocaust-Leugner-Konferenz gegründet worden,
als Präsident amtet Bernhard Schaub.
Ansonsten nichts Neues bei Amaudruz. Er verbreitet weiterhin einen
biologistisch begründeten Rassismus: "Die Weissen müssen
das Bewusstsein ihrer Rasse, ihres Schicksals wiedererlangen, und
in ihrem eigenen Lebensraum leben" . Und einige Monat später
fordert er, dass in der Schweizer Bundesverfassung stehen solle,
dass nur Angehörige der weissen Rasse Staatbürger sein
können . Und manchmal lobt er auch Rechtsbürgerliche:
War es anno 1989 der SVP-Exponent Christoph Blocher ("Endlich
ein Systempolitiker, der die Augen aufmacht" ), ist es 2008
die "Systempublikation" Weltwoche: "Wir beobachten
mit Interesse, dass sie sich dem Einheitsdenken widersetzt. Die
Front der Repression wird rissig
"
Trotz der Rassismus-Strafnorm verbreitet Amaudruz seit Herbst wieder
seine alten Bücher, allerdings über französische
Adressen. Schweizer Gesetze würden den Verkauf seiner Kritik
am Nürnberger Prozess verhindern , behauptet er. Er bietet
auch seine eigenen alten rassistischen Erzeugnisse wieder an . Seine
Kritik an den Nürnberger Prozessen erscheint sogar in einer
zweiten Auflage. Dies mit der Begründung, die Welt sei im Vorkriegszustand
von 1929 und der Verleger habe befunden, dass damit die Kritik an
den Siegern von 1945 eine besondere Bedeutung erhalte .
Der "Courrier du Continent" erschien erstmals 1946. Anfang
der 1950er Jahre übernahm Amaudruz das Heft. Während Jahrzehnten
war das hektografierte Blättchen das offizielle Organ der NOE,
einer rassistischen Kleinorganisation, zu deren wichtigsten Exponenten
Amaudruz selbst gehörte. Es erscheint heute in einer Auflage
von mehreren hundert Exemplaren.
Recht+Freiheit - Ernst Indlekofer
Kurz vor Jahresende 2008 kann Ernst Indlekofer einer seiner seltenen
Erfolge feiern: Er erscheint im Abstimmungsbüchlein zur Abstimmung
über die Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf Bulgarien
und Rumänien . Dies, nachdem er rund 1500 beglaubigte Referendums-Unterschriften
beigebracht hatte. Weniger nach Indlekofers Gusto war Ende Oktober
2008 eine Entscheidung des Appellationsgerichtes des Kantons Basel-Stadt,
wonach Anklagepunkte eines Strafprozesses wegen Widerhandlung gegen
die Rassismus-Strafnorm noch nicht verjährt seien. Das Strafverfahren
hatte im Sommer 1998 begonnen, jedoch erst 2006 zu einer erstinstanzlichen
Verfahreneinstellung geführt, einerseits wegen Verjährung,
anderseits wegen Verletzung des Beschleunigungsgebotes. Fakt aber
bleibt: Die wenigen noch nicht verjährten Anklagepunkten drohen
in Kürze ebenfalls zu verjähren.
Offiziell wird Recht+Freiheit von einem Presseclub Schweiz herausgeben,
doch de facto ist der Basler Ernst Indlekofer , inzwischen bald
siebzig, weitgehend allein verantwortlich für das Heft, das
pro Ausgabe meist zehn Seiten umfasst. 2008 hat er sechs Nummern
herausgegeben, dabei drei Doppel- und eine Dreifachnummer. In vier
Ausgaben behauptet er, dass die Auflage 16'000 Exemplare betrage.
Zu den Autoren aus der Schweiz zählen 2008 Max Morf, ansonsten
bekannt als Leserbriefschreiber, sowie Richard Melisch und Doris
Auerbach. Auch dieses Jahr hat der Herausgeber die Vereinsmitglieder
zur "Mitgliederversammlung" gerufen, diesmal auf den 21.
Juni . Wie in früheren Jahren wurden die Mitglieder gebeten,
"ihre persönliche Eintrittskarte" vorher anzufordern.
Wie in früheren Jahren drang von dieser Versammlung nichts
an die Öffentlichkeit.
Inhaltlich hat sich in Indlekofers Blättchen nicht viel verändert.
Er spuckt Gift und Galle gegen die Rassismus-Strafnorm und sympathisiert
mit den Holocaust-Leugnern und den Nationalsozialisten. Er schreibt:
"Es darf auf Teufel kommt raus nichts Gutes über den Nationalsozialismus
gesagt werden, denn wenn Deutschland den Krieg nicht verloren hätte,
gäbe es keine EU, keine Globalisierung und keinen Bevölkerungsschwund
der weissen Europäer." Er greift aber Themen des nationalkonservativen
Lagers auf, etwa die Volksinitiative "Volkssouveränität
statt Behördenpropaganda", die unerwünschte Annäherung
an die EU oder die Auseinandersetzungen um Einbürgerungen.
Recht+Freiheit ist auch im Internet präsent, auch mit all jenen
Texten, für die Indlekofer wegen Holocaust-Leugnung zu einer
bedingten Gefängnisstrafe verurteilt worden ist.
Le pamphlet - Mariette und Claude Paschoud
Sie hat ihre Ankündigung von Ende 2007 eingehalten: Mariette
Paschoud ist auf ihre alten Tage radikaler geworden. Damals verkündete
sie in der Zeitschrift "Le pamphlet", sie sei nun pensioniert
und laufe daher nicht mehr Gefahr, die Stelle zu verlieren. Sie
wolle nun regelmässig Informationen zum "Revisionismus"
verbreiten . In der regelmässig erscheinenden Rubrik "Les
nouvelles aventures
" sympathisiert sie nun mit den Holocaust-Leugnern,
beispielsweise indem sie ihnen "gute Schutzengel" wünscht.
Gleichzeitig veröffentlicht sie die Gefängnisadressen
mehrerer verurteilter Holocaust-Leugner mit dem Hinweis, man könne
diesen ja ein Zeichen der Unterstützung (un mot de sympathie)
oder vielleicht ein paar Euros senden . Ansonsten stichelt das Ehepaar
Paschoud gegen vieles, was ihm in der Waadtländer Politik nicht
in den Kram passt, insbesondere jedoch gegen Linke und Grüne
und gegen jene, die sich gegen Rassismus einsetzen. Mit muslimfeindlichen
Texten hielt sich das Blättchen 2008 eher zurück.
Ein Detail am Rande: Noch zu einem Zeitpunkt, als die SD-Initianten
ihr Vorhaben gegen die Rassismus-Strafnorm bereits aufgegeben haben,
mahnt das Blättchen weiter zur Unterschriftensammlung. Sie
sei wichtig. "Wenn die Initiative scheitert, dann werden sich
die Politiker und die Medien lautstark über die Weisheit der
Schweizer Bürger freuen, die im Namen der Toleranz und dem
Respekt gegenüber anderen doch so stark am Art. 261bis hängen"
. Bereits Monate vorher hatte das Blättchen in einem Editorial
zum Kampf gegen den "unheilvollen" (funeste) Strafartikel
aufgerufen. Unter anderem weil er ein Instrument für die "Krypto-Rassisten"
der Organisationen LICRA und SOS-Racisme sei, der es ihnen erlaube
"die Revisionisten zu verfolgen, "im Namen übergeordneten
Interessen (einer) gewisser Gemeinschaft und (eines) gewissen Staates"
Zu den "Pamphlet"-Autoren gehören 2008 neben dem
Ehepaar Paschoud Michel de Preux, Max L'Impertinent, Pollux, ein
ehemaliger Genfer Gemeindeparlamentarier der Nationalen Aktion (NA).
Das Blatt verabschiedet sich auch von seinem früheren Autor
Guiseppe Patanè (geboren 1922) . Er starb im Juni 2008. Patanè,
der in Genf lebte, publizierte auch in Amaudruz' "Courrier
du Continent".
Le Pamphlet, gegründet von Claude Paschoud, erscheint seit
1970. Grössere öffentliche Beachtung erntete das Blättchen,
das auch schon eine Auflage von 2'000 Exemplaren erreichte, durch
einen Auftritt von Mariette Paschoud. Die (damalige) Mittelschullehrerin
trat 1986 in Paris an einer Pressekonferenz des Holocaust-Leugners
Henri Roques auf. Roques habe, so Paschoud damals, einen "seriösen,
objektiven und bemerkenswerten Beitrag zur Wahrheitsfindung"
in der Holocaust-Forschung vorgelegt. Roques leugnete schlicht die
Existenz von Gaskammern, und um zur gewünschten Schlussfolgerung
zu kommen unterschlug er die Existenz vieler gesicherter Quellen.
Ein von Mariette Paschoud später angestrengter Ehrverletzungsprozess
gegen einen Redaktor des Bieler Tagblattes, der Paschoud "braune
Mariette" genannt hatte, führte zu einem fatalen Eigentor
für die Holocaust-Leugner. Das Bundesgericht hielt nämlich
in einem bis heute gültigen Grundsatzurteil fest: "Die
Forderung nach einem einzigen Beweis für die Existenz von Gaskammern
ist indessen angesichts des vorhandenen Beweismaterials derart absurd,
dass sich, auch wenn andere Motive theoretisch immer denkbar sind,
der Schluss auf eine Sympathie zum nationalsozialistischen Regime
in einem Masse aufdrängt, welches für das Gelingen des
Wahrheitsbeweises ausreicht, zumal der Schluss aus äusseren
Umständen (Handlungen, Äusserungen) auf innere Tatsachen
(Absichten, Motive) naturgemäss kein naturwissenschaftlich
exakter sein kann."
Nachrichtenportale
AlterMedia Schweiz: Freie Stimme
Kurz vor Weihnachten 2008 wurde "Freie Stimme" wieder
aktiv, dies als Teil des Nachrichtenportals "Altermedia",
das - gemäss Eigeneinschätzung - Meldungen für Menschen
europäischer Abstammung ("World Wide News For People of
Europaen Descent") verbreitet. Mitte April 2007 hatte "Freie
Stimme" seine Tätigkeit eingestellt, nachdem einer der
Betreiber wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm verurteilt
worden war . Er war dafür verantwortlich, dass im Mai 2005
ein Bericht über die Einweihung des Holocaust-Denkmals in Berlin
erschien. Der Schreiber stellt unter anderem die Frage, "was
dereinst mit diesen 2711 Betonstelen geschehen soll, wenn eines
Tages wieder ein anderer Wind in Berlin - und im restlichen Europa
- herrscht. Da die Gedanken auch im Jahre 2005 noch frei sind, schlägt
die Schriftleitung von Freie Stimme ganz unverbindlich vor, dass
dereinst - getreu dem Verursacherprinzip - diejenigen Menschen,
welche dieses Denkmal zu verantworten haben, mit einem Hammer ausgerüstet
jeden einzelnen dieser 2711 Betonklötze derart verkleinert,
dass nur noch Staub übrig bleibt. Staub aus der vergangenen
Zeit Deutschlands und Europas grösster Erniedrigung."
Bis Ende Jahr 2008 sind erst vier Meldungen erschienen. Eine Einschätzung
ist deshalb noch nicht möglich. Noch nicht bekannt ist auch,
wer dieses neue Projekt betreut.
Auf der Altermedia-Site der französischsprachigen Schweiz sind
2008 nur sehr wenige Einträge publiziert worden, der letzte
Mitte Juni.
Altermedia Suisse/Novopress.info Suisse
Wie das linke Portal Indymedia und das rassistisch inspirierte Altermedia
funktioniert auch Novopress.info, es will gegen die Mainstream-Medien
anschreiben. Es will das Einheitsdenken und die Einheitsinformation
bekämpfen, beides verbreitete Begriffe der Neuen Rechten. Genauere
Angaben, wofür sich Novopress.info einsetzt, fehlen jedoch.
Das Schweizer Portal veröffentlichte 2008 eine grosse Anzahl
von Beiträgen, häufig sind es Artikel aus Westschweizer
Medien, häufig sind es auch SVP-Communiqués. Die veröffentlichten
Texte befassen sich mit den bevorzugten Themen der Schweizer Rechtsaussen:
Ausländer, Kriminalität, Beschimpfung politischer Gegnerinnen
und Gegner. Eigenbeiträge sind sehr selten. Unbekannt ist,
welche Person/welche Personen das Schweizer Portal betreibt/betreiben.
Holocaust-Leugner
Holocaust-LeugnerInnen bestreiten drei offensichtliche historische
Tatsachen: Erstens, dass es einen Plan zur Ermordung der europäischen
Juden gegeben habe; zweitens, dass Gaskammern zur Ermordung der
Opfer gebaut worden seien; und drittens, dass die Zahl der durch
die nationalsozialistische Judenverfolgung umgekommenen Jüdinnen
und Juden mehrere Millionen betrage. Die Internationale der Holocaust-Leugner
befindet sich seit Jahren in einer Krise, nichtsdestotrotz sind
Holocaust leugnende, allenfalls verharmlosende Ansichten in der
gesamten rechtsextremen Szene verbreitet.
In der Schweiz waren die Holocaust-Leugner 2008 kaum noch aktiv.
Jürgen Graf und Andres Studer entzogen sich der Strafverfolgung
durch Flucht ins Ausland, Bernhard Schaub trat wenig in Erscheinung.
Über eine einschlägig bekannte Postfachadresse in Montreux
erreichbar ist das "Comité de soutien à Vincent
Reynouard". Reynouard ist ein französischer, in Belgien
lebender Holocaust-Leugner, der 2008 zu einer unbedingten Gefängnisstrafe
verurteilt wurde und seither im Untergrund lebt. Das Komitee betreibt
eine Homepage, die vor allem über einschlägige Strafverfahren
berichtet. Unklar ist, wer genau die Site betreut und das Komitee
betreibt.
Jürgen Graf
Jürgen Graf lebt weiterhin in Russland. Er hat sich im August
2000 einer unbedingten Gefängnisstrafe durch Flucht entzogen.
Im Jahr 2008 lassen sich nur wenige Aktivitäten Grafs nachweisen.
Auf seine Homepage stellte er das Buch eines südafrikanischen
Antisemiten vor, das er ins Deutsche übersetzt hat, weiter
verbreitet Graf die deutschsprachige Version eines antisemitischen
Werkes, das auf Russisch in einem russischen Verlag erschien . Ähnlich
seinem früheren Buch "Todesursache: Zeitgeschichtsforschung"
lässt Graf eine Studentenklasse über den Holocaust diskutieren.
Er insinuiert, dass "die Regierungen der Demokratien, die in
immer mehr Ländern Instrumentarien zur Kriminalisierung des
Revisionismus schaffen, zweitens die Medien und drittens die mächtigen
jüdischen Organisationen" dank "der Holocaust-Lüge
an der Schwelle zur Weltherrschaft" ständen. Im Klartext:
Graf verbreitet neben der Leugnung des Holocausts einschlägig
bekannte antisemitische Versatzstücke, beispielsweise jene
der jüdischen Weltherrschaft.
Bernhard Schaub
Bernhard Schaub ist 2008 nur wenig in Erscheinung getreten. Dokumentiert
ist ein Vortrag beim jährlichen Kongress der rechtsextremen
Gesellschaft für Freie Publistik GfP. Thema 2008: "1968
- vierzig Jahre Volkszerstörung". Schaub referierte dabei
über "Materialismus oder Goetheialismus" und bezeichnete
dabei die Bundesrepublik als "Selbstverwaltungsprovisorium
unter alliierter Vorherrschaft". Im übrigen ist Schaub
nicht mehr Vorsitzender des Vereins zur Rehabilitierung der wegen
Bestreitens des Holocaust Verfolgten VRBHV. , was er seit der Vereinsgründung
(Anfang November 2003) gewesen war. Nachfolger des 54-jährigen
Schweizers wird der 80-jährige Udo Walendy, bereits seit Jahrzehnten
ein rechtsextremistischer Aktivist. Schaub werde sich, so das Blatt
weiter, "verstärkt der politischen Bildungsarbeit für
Nachwuchspolitiker" widmen, ebenso der Reichsbewegung. Kurz
nach Schaubs Rücktritt verbot der deutsche Innenminister dann
den Verein. Nichts mehr an die Öffentlichkeit drang von weiteren
früheren Aktivitäten des einstigen Anthroposophenlehrers,
beispielsweise von seinen Kursen für "Nordische Gymnastik".
Philippe Brennenstuhl
Auch 2008 hielt Philipp Brennenstuhl an der PNOS-Feier zum 1. August
die französische Ansprache. Vorbestraft wegen Widerhandlung
gegen die Rassismus-Strafnorm forderte er - laut dem auf der PNOS-Homepage
veröffentlichen Veranstaltungsbericht - die Aufhebung der Rassismus-Strafnorm.
Davon steht nichts in der im "Courrier du Continent" abgedruckten
Rede. Er beginnt mit der Behauptung, dass die Zeit der falschen
Propheten ausgebrochen sei. Diese hätten sich als Politiker
verkleidet. Er endet mit der Behauptung, dass sich "der Feind
im Innern des Landes" befinde und sich im politischen System
installiert habe. Ansonsten sind von Brennenstuhl, der in den vergangenen
Jahren seine querulatorischen Eingaben an Behörden in Broschüren
veröffentlichte , keine weiteren öffentlichen Auftritte
bekannt.
Fazit
Im Jahr 2008 hat sich die rechtsextreme Szene weiter konsolidiert.
Sie ist - wenn überhaupt - zahlenmässig wohl nur wenig
gewachsen, doch die meisten Szeneangebote - vor allem für Naziskinheads
- sind weiterhin vorhanden: "Weltnetzseiten", Tonträger-
beziehungsweise Buchversand, mehrere Musikgruppen, Konzerte. In
der Region Sempach besteht seit einigen Monaten wieder ein "Gemeinschaftsraum",
in dem innerhalb von wenigen Monaten bereits mehrere Veranstaltungen
stattgefunden haben . Die rechtsextremistische Szene verfügt
inzwischen über eine politische Kraft, die Partei National
Orientierter Schweizer PNOS. Noch nie seit 1945 konnte sich eine
rechtsextremistische Partei/Gruppe so lange halten. Auch ist es
ihr 2008 gelungen, in Langenthal (Bern) ihren bisher einzigen kommunalen
Parlamentssitz zu verteidigen, wenn auch knapp. Die PNOS respektive
einzelne ihrer Vertreter wie Mario Friso, Michael Haldimann, Denise
Friedrich treten gelegentlich bei deutschen Veranstaltungen auf,
doch die Zusammenarbeit beschränkt sich zur Zeit noch auf einzelne
Projekte, wenn auch die PNOS Gründungsmitglied von "Die
Sache des Volkes" ist, einem gemäss Eigeneinschätzung
"nationalrevolutionären Netzwerk". Kontinuierlich
weiter arbeiten jene Organisationen und Einzelpersonen, die rechtsextremistisches
Gedankengut durch politisch-kulturelle Aktivitäten - jedoch
nicht durch die Teilnahme an der institutionalisierten Tagespolitik
- vorantreiben wollen. Allerdings sind mehrere diese ExponentInnen
(wie Gaston Armand Amaudruz, Max Wahl) bereits sehr betagt, so dass
ihre Projekte über kurz oder lang wohl von der Bildfläche
verschwinden werden. Kaum noch in Erscheinung traten 2008 mit Ausnahme
zweier Einzelkämpfer die Schweizer Holocaust-Leugner. In einem
Teil der Schweizer Rechtsextremisten-Szene hat sich jedoch den Holocaust
leugnendes beziehungsweise verharmlosendes Gedankengut festgesetzt.
Luzern, 15. Januar 2009
Hans Stutz
Alle Rechte beim Verfasser.
Der Text erschien, versehen mit Fussnoten, zuerst gedruckt in Rassismus
in der Schweiz. Chronologie und Einschätzungen der rassistischen
Vorfälle in der Schweiz. Herausgeberin: Gesellschaft Minderheiten
in der Schweiz (GMS) und Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus
(GRA), Zürich 2009.
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