|
Vortrag in Eschen/Fürstentum Liechtenstein,
17. März 2007
In einem deutschen rechtsextremistischen Heft, es nennt sich "Stahlhelm",
ist im vergangenen Jahr 2006 ein Interview mit einem liechtensteinischen
"Kameraden" erschienen. Der Mann bevorzugt es, vollständig
anonym zu bleiben. Er behauptet, er sei "einer von vielen nationalen
Bürgern in unserem Land".
Nur was heisst hier national?
Es gebe, erklärt er, in Liechtenstein "keine nationalen
Parteien". Soviel zur politischen Selbstverordnung dieses unbekannten
Liechtensteiners.
Allgemein gelte es, sagt er weiter, zu unterscheiden zwischen Szene
und Bewegung.
Die Handlungsfähigkeit der Szene sei eingeschränkt, doch
die nationale Bewegung komme langsam aber sicher voran. Mit "Szene"
meint der unbekannte Liechtensteiner die Naziskins-Szene, die einen
eigenen Dresscode entwickelt habe und sich "gesellschaftlich
gegen aussen" abschotte. Sein Fazit dazu: "Dadurch verlieren
wir die Legitimation, im Namen des Volkes zu kämpfen und für
dieses zu sprechen." Das hat auch seinen Grund: "Durch
die Kleinheit des Landes wirken sich Entgleisungen einzelner negativ
auf die Wahrnehmung durch die Bevölkerung aus. Weiter wirkt
martialisches Auftreten und asoziales Verhalten abschreckend auf
den Grossteil der Bevölkerung." Was der Unbekannte "Entgleisungen"
nennt, sind zumeist Drohungen und Angriffe, von denen viele nicht
öffentlich bekannt werden.
"Grundsätzlich sind in der Bevölkerung hingegen
Heimattreue und teils nationale Gedanken vorhanden, die sich in
spontanen Sympathiekundgebungen niederschlagen können."
Er zieht daraus das Fazit, "dass eine nationale Bewegung'
mehr Sympathie erhält, als eine rechte Szenekultur". Der
unbekannte Liechtensteiner verweist damit auf eine wichtige Tatsache:
Rechtsextemisten, seien es nun Naziskinheads, Holocaust-Leugner,
Politiker oder Ideologen, sehen sich bestärkt durch öffentlich
geäusserte rassistische Bemerkungen/Vorstellungen wie auch
durch das Verharmlosen von rassistischen oder rechtsextremistischen
Vorfällen
Es gehört aber auch zu den geläufigen rechtsextremistischen
Verhaltensformen von Rechtsextremisten, sich in der Öffentlichkeit
vom Nationalsozialismus oder vom Neonazitum abzugrenzen und sich
"Patriot" oder "Nationalist" zu nennen. Dies
im Bestreben, eher Zustimmung oder zumindest Zuhören zu erhalten.
Grosszügig interpretieren sie dabei auch fehlende Widerrede
als Zustimmung. Nach dem Motto: Wer nicht offen gegen mich, ist
für mich.
Gestern haben zwei Basler Forscher eine Studie über Opfer
rechtsextremistischer Gewalt veröffentlicht. Sie befragten
fast dreitausend Jugendliche und junge Erwachsene und stellten fest,
dass über zehn Prozent der befragten Männern und Frauen
in den vergangenen fünf Jahren mindestens einmal selbst Opfer
von rechtsextremistischer Gewalt worden seien.
Auf Grund der Umfrageergebnisse seien knapp 10 Prozent der Befragten
den "patriotisch-national orientierten, Gewalt befürwortenden
Partyjugendlichen" zuzuordnen. Von diesen bezeichne sich jeder
Dritte selbst als rechtsextrem. In diesem Umfeld - zu dem selbstverständlich
nicht nur Jugendliche oder junge Erwachsen gehören, sondern
Menschen aller Altersklassen, aller sozialen Schichten - sind jene,
welche von Rechtsextremisten als Sympathisanten, Unterstützer
etc. wahrgenommen werden.
Was ist Rechtsextremismus? Rechtsextremisten - unabhängig
welcher Couleur sie sind - bekämpfen einen fundamentalen Wert
der Aufklärung oder genauer der Französischen Revolution.
Nämlich, das alle Menschen "gleich an Rechten" seien.
Mit der Bestreitung "Gleicher Rechte für alle" verbinden
Rechtsextremisten die Vorstellung, Gewalt sei das naturgegebene
Mittel für die Austragung von Konflikten. In der Praxis kann
sich dies steigern von der Gewaltakzeptanz, über die Legimitierung
von staatlich oder individuell ausgeübter Gewalt, bis hin zu
selbst ausgeübter Gewalt gegen missliebige Personen, sei dies
nun Linke, Schwule, Juden, AusländerInnen oder Muslime.
Rechtsextremismus ist in den vergangenen Jahrzehnten in unterschiedlichsten
Formen aufgetreten, sei es als Nationalsozialismus oder italienischer
Faschismus, sei es als Neonazitum oder was auch immer: Der Kern
blieb, die Menschen sollen nicht gleich an Rechten sein. Diese Zusprechung
unterschiedlicher politischer Rechte kann aufgrund nationaler, ethnischer
oder religiöser Zugehörigkeit geschehen.
Bei den deutschen Nazis hiess es damals: "Reichsbürger
ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes,
der durch sein Verhalten beweist, dass er gewillt und geeignet ist,
in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen". Mit dieser
Formulierung konnte man alle missliebigen Menschen auch ausbürgern.
Bei der PNOS hiess es zuerst: STAATSANGEHÖRIGER KANN NUR SEIN
UND WERDEN, WER DER EIGENEN ODER EINER VERWANDTEN VOLKSGRUPPE ANGEHÖRT.
Heute heisst es: "Kulturfremde Ausländer können das
Schweizer Bürgerrecht nur in Ausnahmesituationen erhalten."
Und weiter. "Wer nicht als Staatsangehöriger in der Schweiz
lebt, untersteht dem Gastrecht und hält sich für begrenzte
Zeit in unserem Land auf."
In der Öffentlichkeit sind es vor allem die Naziskins, die
als Rechtsextremisten wahrgenommen werden. Ich verwende hier ganz
bewusst den Begriff "Naziskins", da die Jugendsubkultur
"Skinheads", um 1968 in England entstanden, inzwischen
weitere Tendenzen umfasst, solche die sich eher unpolitisch verstehen:
die Oi-Skins, und solche die sich politisch links sehen: Redskins
und Sharps (Skinheads against racial prujudice). Nichtsdestotrotz
bleibt die Beobachtung, dass heute der überwiegende Teil der
Skinheads in den deutschsprachigen Ländern zu den rechtsextremistischen
Skinheads zu zählen sind.
Wie bereits gesagt: Diese Naziskinheads sind es, die das Bild des
Rechtsextremismus in der Öffentlichkeit bestimmen. Doch die
"Bewegung" bestehen aus weiteren Teilen, wobei sich diese
ohne weiteres auch einmal an Veranstaltungen treffen. Zu den weiteren
Tendenzen gehören einmal politische Organisationen, die an
der institutionalisierten Politik teilnehmen wollen - in der Schweiz
ist es beispielsweise die Partei National Orientierter Schweizer
PNOS. Es gibt aber auch politisch-kulturelle Organisationen, die
sich der Weiterverbreitung rechtsextremistischer Ideologie widmen,
in der Schweiz beispielsweise die Avalon Gemeinschaft, an deren
Veranstaltungen sich - zumindest bis vor kurzem - die letzten Ehemaligen
der Waffen-SS wie auch junge, kaum der Pubertät entflohene
Naziskins, wie auch Aktivisten politischer Parteien, und auch Holocaust-Leugner.
Diese leugnen erstens, dass es einen Plan zur Vernichtung der europäischen
Juden gegeben habe, zweitens dass es in den Vernichtungslager Gaskammern
erreichtet worden seien und daraus folgernd, dass drittens die Zahl
der ermordeten Jüdinnen und Juden massiv geringer sei, als
es die anerkannte Geschichtsschreibung beschreibe. Fakt ist: Wer
den Holocaust leugnet, will den Nationalsozialismus wieder politikfähig
machen.
Das ist der harte Kern der rechtsextremistischen "Bewegung",
im Umfeld dieses Kerns bewegen sich immer auch wieder Menschen,
die weniger ein rassistisches, denn ein nationalistisches Weltbild
haben. In zwei Slogans zusammengefasst. Während die einen schreiben
"Europa den weissen Europäern" schreiben die anderen
"Die Schweiz den Schweizern" oder vielleicht auch "Liechtenstein
den Liechtensteinern". Sie treffen sich vor allem dann, wenn
dieser Nationalismus militant vorgetragen wird und die Diskriminierung
von Ausländerinnen und Ausländern verlangt, sei es dies
nun in der Erschwerung des Zugangs zu den politischen Rechten, sei
es dies nun im gesellschaftlichen Zusammenleben, sei es dies nun
im Zugang zum Arbeitsmarkt oder zum Wirtschaftsleben ganz allgemein.
Hans Stutz, 17. März 2007
Alle Rechte beim Verfasser.
|