| Die Benachteiligung
von Ausländerinnen und Ausländern wird auch an überraschenden
Orten sichtbar. Beispielsweise in der Rubrik "Just married"
der NZZ am Sonntag, wo ein frisch verheiratetes Paar - sie liberianischer,
er schweizerischer Herkunft - von seinen Erlebnissen berichten lässt.
Die Heirat sei ein "schwieriges Unterfangen" gewesen, da
die Geburtsurkunde der Ehefrau von den Schweizer Behörden nicht
anerkannt wurde. Und als die gemeinsame Tochter unehelich zur Welt
kam, konnte weder die Frischgeborene bei der Einwohnerkontrolle registriert
werden, noch der Vater seine Vaterschaft anmelden. So existierte die
Tochter eigentlich gar nicht, obwohl sie täglich schrie und die
Windeln voll machte. Und der Kindsvater erlitt eine Einkommensminderung,
da die Kinderzulage nicht ausbezahlt wurde. "Erst ein halbes
Jahr später und 2000 Franken ärmer hielt die Braut endliche
die benötigte Urkunde in den Händen."
Wie seit vielen Jahren galt auch für das Jahr 2006 in der
Schweiz: Wer nicht über einen Schweizerpass verfügt, wer
nicht eine weisse Hautfarbe trägt oder sich nicht an einen
festen Wohnort binden will, einer nicht christlichen Religionsgemeinschaft
angehört oder nicht heterosexuelle Liebesverhältnisse
bevorzugt, läuft in der Schweiz Gefahr, in der Öffentlichkeit
ausgeschlossen, angepöbelt, beschimpft, bedroht oder in einzelnen
Fällen gar körperlich angegriffen zu werden. Der Mechanismus
des Hasses und der Ausgrenzung bleibt, die Feindbilder passen sich
den gesellschaftlichen und politischen Bedürfnissen an. Seit
Beginn der 90er Jahre richtet sich der Diskriminierungswille vornehmlich
gegen Menschen aus den Ländern des einstigen Jugoslawiens sowie
aus der Türkei. In den vergangenen Jahren sind aber auch vermehrt
Menschen mit schwarzer Hautfarbe (unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit)
Opfer von Anfeindungen und Diskriminierungen geworden. Verschiedene
Beobachtungen belegen, dass diese Menschen oft in nächtlich
geöffneten Vergnügungslokalen, gelegentlich auch in Restaurants,
unter Vorwänden nicht zugelassen werden.
In einigen Fällen folgt die Diskriminierung neoliberalen Wirtschaftsvorstellungen.
So bezahlen AusländerInnen in vielen Fällen grössere
Autoversicherungsprämien. Diese Ungleichbehandlung ist juristisch
allerdings umstritten. In einem Gutachten kommt der Freiburger Staats-
und Verwaltungsrechtler Bernhard Waldmann zum Schluss, dass diese
Praxis rechtswidrig sei . Sowohl Bundesrat wie auch Nationalrat
haben im März 2006 einen entsprechenden Vorstoss abgelehnt
. Der Bundesrat hatte vorgebracht: "Da das Kriterium der Staatsangehörigkeit
für alle im Bestand eines Versicherers umfassten Nationalitäten
angewendet wird, also nicht bloss selektiv für gewisse Nationalitäten,
kann die Verwendung dieses Kriteriums insbesondere auch nicht als
Diskriminierung qualifiziert werden."
Auf Gesetzesstufe hat sich die eher ausländerfeindliche Grundstimmung
in den revidierten Asyl- und Ausländergesetzen niedergeschlagen.
Ende November 2006 wurden diese beiden Vorlagen, die zu den strengsten
Asyl- und Ausländergesetzen in ganz Europa gehören, in
Referendumsabstimmungen mit grossen Mehrheiten angenommen.
Muslimfeindschaft
In jüngster Vergangenheit sind fast überall in Europa
die Muslime ins Visier der Fremdenfeinde und Rassisten geraten.
"Viele europäische Muslime sind - unabhängig von
ihrer ethnischen Herkunft und ihrer Einstellung zur Religion - Diskriminierungen
in den Bereichen Beschäftigung, Bildung und Wohnungswesen ausgesetzt,"
dies ist eines der wesentlichen Ergebnisse einer Studie, die die
Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
EUMC Ende 2006 veröffentlichte . Die Diskriminierung von Muslimen
könne sich auf islamophobe Einstellungen wie auch auf rassistische
und fremdenfeindliche Ressentiments berufen, da diese Elemente häufig
miteinander verwoben seien. Feindseligkeit gegenüber Muslimen
müsse deshalb im allgemeineren Zusammenhang von Fremdenfeindlichkeit
und Rassismus gegenüber Migranten und Minderheiten gesehen
werden .
In der Schweiz haben einerseits SVP-Exponenten in kantonalen Parlamenten
, andererseits ad hoc-Komitees den Bau von Minaretten zum Ausgangspunkt
auch rassistischer Kampagnen gemacht. Insbesondere behaupten sie,
der Islam wolle die Welt erobern und Minarette seien Symbole für
die Eroberung eines Gebietes. Aber auch die Partei National Orientierter
Schweizer PNOS agiert gegen Muslime und organisierte Mitte Dezember
2006 in Langenthal eine Kundgebung "Stoppt die kulturfremden
Bauten".
Die Muslimfeindschaft ist im vergangenen Jahr zum zentralen und
politisch erfolgreich bewirtschafteten Thema der Diskriminierungswilligen
in der Schweiz geworden. Es sind vor allem VertreterInnen des nationalkonservativen
Milieus um SVP und AUNS, die seit Jahren Stimmungsmache gegen Muslime
betreiben, allen voran Ulrich Schlüer in seiner Eigenschaft
als Herausgeber der "Schweizerzeit". Der Verlag betreibt
ebenfalls einen "Bücherdienst", in dem Schlüer
seit mehreren Jahren muslimfeindliche Bücher bewirbt. Sie haben
die Auseinandersetzungen um geplante Minarettbauten in Wangen bei
Olten und Langenthal zum Anlass genommen, um die "Egerkinger
Gruppe" zu gründen, die das Ziel verfolgt, "die massive
Opposition gegen Minarettbauten zu koordinieren." Der Gruppe
gehören unter anderem Roland Kissling und Willi Schönenberger
(beide SVP Wangen), SVP-Stadtrat Patrick Freudiger und Stefan Zeller
(beide Langenthal), Hans Lieberherr (Madiswil), Kantonsrat und SVP-Schweiz-Pressesprecher
Roman Jäggi (Fulenbach) sowie die SVP-Nationalräte Walter
Wobmann (Gretzenbach) und Ulrich Schlüer (Flaach) an. Abwesend
war ein weiteres Mitglied der Arbeitsgruppe, SVP-Kantonsrat Lukas
Reimann (Wil SG) . Die Gruppe will die Lancierung von Volksinitiativen
prüfen.
Die Auseinandersetzung in Wangen bei Olten, eindeutig aus muslimfeindlichen
Motiven angezettelt, hat jedoch im Spätherbst 2006 eine zusätzliche
Dimension erhalten, als bekannt wurde, dass der Türkisch-kulturelle
Verein Olten als Betreiber der Moschee die Fahne der rechtsextremistischen
Grauen Wölfe aufgezogen hatte.
Rassismus gegen Schwarze
In der Schweiz werden Menschen schwarzer
Hautfarbe am häufigsten Opfer rassistischer Schikanierungen
und Diskriminierungen, insbesondere auch von PolizistInnen. Sie
müssen sich häufig ausweisen und Körperkontrollen
gefallen lassen. Auch wird ihnen in nächtlichen Vergnügungslokalen
öfter der Eintritt verweigert, selbstverständlich unter
einem Vorwand. Menschen schwarzer Hautfarbe verfügen noch nicht
über ausreichend starke Organisationen, um die vielfachen Schikanen
und Demütigungen kontinuierlich in der Öffentlichkeit
skandalisieren zu können .
Antisemitismus
Vor rund zehn Jahren führte die Auseinandersetzung um die nachrichtenlosen
Vermögen und die Rolle der Schweiz während der Zeit des
Zweiten Weltkrieges zu einer Aktivierung des latenten Antisemitismus
innerhalb der Schweizer Gesellschaft, doch hat sich diese Welle
- nach dem Abschluss der Globallösung - bald wieder gelegt.
Kaum Hinweise gab es 2006 auf den neuen' Antisemitismus in
der Schweiz, nämlich jenes Antisemitismus, der vorwiegend von
Muslimen, gelegentlich auch von Linken ausgehe und unter dem Vorwand
der Israel-Kritik Antisemitismus betreibe.
In der beschränkten Öffentlichkeit rechtsextremistischer
Foren und Schriften allerdings platzieren einschlägige SchreiberInnen
regelmässig antisemitische Beiträge, ebenso wie Holocaust
verharmlosende bzw. leugnende Ergüsse. Selbst wenn diese Äusserungen
die Rassismus-Strafnorm verletzen, bleibt dies meist ohne Folgen,
da niemand Strafanzeige einreicht . Erwin Kessler, Präsident
des Vereins gegen Tierfabriken (VgT), hat auch 2006 antisemitische
Bemerkungen veröffentlicht, insbesondere auf der Vereins-Homepage.
Einmal mehr springt er auch für den Holocaust-Leugner Jürgen
Graf in die Bresche, indem er behauptet, Graf leugne weder die nationalsozialistische
Judenverfolgungen noch die Massenermordungen und nehme die Naziverbrechen
nicht etwa in Schutz. Kessler schreibt: "Zu 15 Monaten Gefängnis
wurde er verurteilt, weil er Einzelheiten der offiziellen Geschichtsschreibung
mit sachlichen Argumenten kritisierte. Deshalb musste er die Schweiz
als politischer Flüchtling verlassen. Er lebt nun in Russland,
wo er durch die Meinungsäusserungsfreiheit geschützt ist
und deshalb nicht an die Schweiz ausgeliefert wird."
Gemäss Medienberichten hat die Melde- und Beratungsstelle
für antisemitische Vorfälle in der deutschsprachigen Schweiz,
beauftragt vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG,
für die 16 Monate von September 2005 bis Dezember 2006 insgesamt
73 Vorfälle erfasst; davon seien 42 Vorfälle gegen jüdische
Institutionen und 15 antisemitische Äusserungen im Internet.
In der Tendenz zeige dies ein Ansteigen des Antisemitismus in der
Deutschschweiz. Diese Einschätzung lässt sich durch die
vorliegende Chronologie nicht belegen.
Fahrende und Jenische
Trotz vieler Beteuerungen von BeamtInnen und PolitikerInnen haben
Fahrende, insbesondere aber Roma ohne Schweizer Pass, immer noch
Mühe, Durchgangs- oder allenfalls Standplätze zu finden,
wenn auch in den vergangenen Jahren an einigen Orten neue Plätze
eingerichtet wurden. Gelegentlich werden sie auch Ziel von gewalttätigen
Angriffen. Der Bundesrat hat in seinem Bericht "über die
Situation der Fahrenden in der Schweiz" denn auch festgehalten,
dass es "heute noch kein ausreichendes Netz von Stand- und
Durchgangsplätzen (gibt), das allen 2'500 schweizerischen Fahrenden
die Weiterführung ihrer traditionellen Lebensweise ermöglichen
würde." Gemäss einem Gutachten der Stiftung "Zukunft
für Schweizer Fahrende" wären 29 zusätzliche
Standplätze und 38 zusätzliche Durchgangsplätze erforderlich.
Auch im Jahr 2006 widersetzten sich an mehreren Orten Kommunalbehörden
wie Anwohner gegen Pläne zur Errichtung von Stand- bzw. Durchgangsplätzen.
Konflikte mit der sesshaften Bevölkerung treten allerdings
weniger mit schweizerischen als mit ausländischen Fahrenden
auf.
Fazit
In Teilen der Schweizer Gesellschaft haben sich nationalistische
- gelegentlich rassistisch motivierte - Deutungsmuster für
gesellschaftliche und soziale Probleme aller Art festgesetzt. Neben
einigen Kleinparteien fördert auch die Regierungspartei SVP
mit diffamierenden Kampagnen ein diskriminierungsfreundliches Klima.
Die Schweizer Nationalkonservativen verbinden unter anderem nationalistisch-isolationistische
(beispielsweise die grundsätzliche Opposition gegen Beitritt
zu oder Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie UNO
oder EU) mit fremdenfeindlichen/rassistischen Ansichten, die sich
einerseits gegen einreisewillige MigrantInnen aus Nicht-EU-Ländern,
anderseits gegen die hier Niedergelassenen ohne Schweizer Pass richten.
Sie können dabei auch auf einst staatlich gepflegte Traditionen
zurückgreifen, beispielsweise auf den Überfremdungsdiskurs,
das Sonderfall-Schweiz'-Denken, die Abneigung gegenüber
festgeschriebenen und einklagbaren Menschenrechten für Minderheiten.
Nationalkonservative ExponentInnen stellen sich auch immer wieder
verteidigend, allenfalls verharmlosend vor Organisationen wie auch
Auftritte der rechtsextremistischen Szene. Das nationalkonservative
Lager hat zwar in den vergangenen Jahren mehrere wichtige eidgenössische
Volksabstimmungen (UNO-Beitritt, Bilaterale Verträge, Personenfreizügigkeit
und Schengen-Abkommen) verloren, kann jedoch das politische Gespräch
immer wieder mit diskriminierenden Kampagnen gegen Minderheiten
bestimmen.
Im Jahr 2006 richteten sich die Kampagnen der Rassisten und Fremdenfeinde
vornehmlich gegen die muslimische Gemeinschaft. Als Anknüpfungspunkt
nahmen die Diskriminierungwilligen Minarettbauten, die es zu verhindern
gelte. Aber auch Menschen aus den verschiedenen Ländern des
ehemaligen Jugoslawiens wie ebenfalls jene schwarzer Hautfarbe -
mit oder ohne Schweizer Pass - sind sowohl im gesellschaftlichen
Leben wie auch in der politischen Auseinandersetzung mit rassistischen
Anwürfen konfrontiert worden. Polizeilichen Schikanen und Demütigungen
ausgesetzt sind vor allem junge Männer schwarzer Hautfarbe
- unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Der Antisemitismus
ist latent vorhanden, doch dringt er - ausser in den Veröffentlichungen
der Rechtsextremisten - selten an die Oberfläche. Die Verfassungsrechte
der Fahrenden und Jenischen sind zwar anerkannt, doch haben sie
weiterhin oft Mühe, Durchgangs- bzw. Standplätze zu finden.
Hans Stutz
Text - mit Fussnoten und Literaturangaben - veröffentlicht in
"Rassismus in der Schweiz, Ausgabe 2006".
Alle Rechte beim Verfasser. |