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Im Vorfeld der Fussball-Weltmeisterschaft in Deutschland riet der
ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye ausländischen
Besuchern, bestimmte Orte im Osten Deutschlands zu meiden, weil
sie sonst damit rechnen müssten, diese nicht mehr lebend verlassen
zu können. Diese Befürchtungen haben sich glücklicherweise
nicht erfüllt, doch es bleibt eine Tatsache, dass insbesondere
Menschen anderer Hautfarbe in der ehemaligen "DDR" häufiger
das Ziel rassistischer Attacken werden als in den anderen Teilen
Deutschlands.
Sogar die "Neue Zürcher Zeitung" stellte fest: "Tatsache
ist, dass die Gefahr, Opfer einer ausländerfeindlich motivierten
Tätlichkeit zu werden, in Ostdeutschland wesentlich höher
ist als in den westlichen Bundesländern." Weiter meinte
die Zürcher Tageszeitung, es liessen sich in Berlin "Viertel
identifizieren", in denen sich die Gefahr potenziere, und auch
in anderen Orten der früheren DDR gebe es Orte, "an denen
sich vor allem gewaltbereite Jugendliche mit rechtsextremer Gesinnung
bevorzugt aufhalten. Es versteht sich von selbst, dass etwa Farbige
nach Einbruch der Dunkelheit einen Bogen um die einschlägig
bekannten Bereiche machen." Es herrsche "bei bestimmten
Bevölkerungsgruppen ein ernstzunehmendes und subjektiv hohes
Bedrohungsgefühl" und Neonazis würden sich brüsten,
es gebe befreite Zonen'.
Was sind "befreite Zonen"?
Wer sind denn diese "bestimmten Bevölkerungsgruppen"?
Und was sind "befreite Zonen"? Eine "befreite Zone"
sei, so umschrieb es der deutsche Journalist und langjährige
Rechtsextremismusbeobachter Burkhard Schröder, "kein fest
umrissener und geographisch definierter Ort, sondern beschreibt
ein bestimmtes Milieu, ein Netz von Verhaltensmustern, das Einstellungen
und Ideen nur innerhalb bestimmter Grenzen als 'normal' vorschreibt.
Ziel ist es, die normale Alltagskultur und ihre moralischen Normen
mit weltanschaulichen Versatzstücken zu infiltrieren".
So sind solche Zonen Ausdruck einer (gelegentlich subkulturellen)
Dominanz in kleinen Gebieten von Städten oder Dörfern.
In einer solchen sozialen Umgebung können sich nicht mehr frei
bewegen: Menschen nichtweisser Hautfarbe - unabhängig, ob sie
einen deutschen Pass haben oder nicht -, ferner Ausländer und
Ausländerinnen, die auf den ersten Blick als solche erkennbar
sind, weiter auch links oder sich alternativ verstehende Jugendliche
und andere von Rechtsextremen als "fremd" und "feindlich"
bezeichnete Menschen wie Schwule, Juden, Behinderte. Rechtsextremisten
wollen erreichen, dass missliebige Menschen sich nicht mehr angstfrei
im öffentlichen Raum zu bewegen getrauen. Dazu braucht es keine
Programmatiker: Die Faust ist Botschaft und Symptom.
Wie ist die Situation in der Schweiz? Beispiele für die gewalttätige
Bestreitung des öffentlichen Raums durch Rechtsextremisten
lassen sich problemlos finden. Sei es der Angriff in Frauenfeld
im April 2003, als sieben Rechtsextremisten eines Samstagabends
"Linke jagen" wollten und einen 15-jährigen Reggae-Liebhaber
zu einem Behinderten schlugen. Sei es die Attacke eines 17-Jährigen
auf einen 13-Jährigen schwarzer Hautfarbe in Rekingen AG, Anfang
Mai 2006. Allerdings gilt auch: Die öffentlich bekannt gewordenen
Angriffe sind nur die Spitze des Eisberges, wenn auch in der Schweiz
die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer rechtsextremistisch, allenfalls
rassistisch motivierten Tat zu werden, gering bleibt. Allerdings
soll jeder Angriff symbolisch alle Angehörigen einer missliebigen
Gruppe treffen. Rechtsextremisten treten und schlagen zur Abschreckung.
"Wehret den Anfängen!"
Ansätze zu "befreiten Zonen" lassen sich in der
Schweiz nirgends erkennen. Zwar verfügt die Neonazi-Subkultur
über häufig wechselnde Treffpunkte, zum Beispiel Pubs
oder Beizen, gelegentlich auch über eigentliche Clubräume.
Letztere verliert sie allerdings nach öffentlicher Bekanntmachung
häufig gleich wieder. Dank der sozialen Integration vieler
Rechtsextremisten in ihrer Umgebung gelingt es der Szene aber immer
wieder, geeignete Lokalitäten für Konzerte und Veranstaltungen
zu finden. Diese Veranstaltungen sind öffentlich für Szene-Angehörige
und würden - zumindest seit dem Bundesgerichtsentscheid vom
Sommer 2004 - unter den Anwendungsbereich der Rassismus-Strafnorm
fallen.
Allerdings stellt sich noch eine andere Frage: Wie können sich
Rechtsextremisten in der Schweiz öffentlich bewegen? Wie verständnisvoll
beziehungsweise wie ablehnend werden öffentlich diskriminierende
bzw. rassistische Handlungen aufgenommen? In ländlichen, allenfalls
kleinstädtischen Gebieten gibt es immer wieder örtliche
Honoratioren, die entsprechende Taten verheimlichen wollen, oder
- wenn dies nicht gelingt - diese hinunterspielen. Ein Beispiel:
In Roggwil BE stellen "Stellburschen" gemäss örtlichem
Brauch jeweils einen Maibaum auf, an dem sie Schilder mit den Namen
jener jungen Frauen des Dorfes befestigen, die im vergangenen Jahr
volljährig geworden sind. 2005 schrieben die anonym agierenden
Burschen ausschliesslich die Namen von Frauen hin, die bereits mit
Schweizer Staatsbürgerschaft zur Welt gekommen waren. Darüber
befestigten sie eine grosse Schweizer Fahne. Noch gleichentags hängten
junge Schweizerinnen auch die Schilder auf mit den Namen der fünf
Ausländerinnen oder eingebürgerten Schweizerinnen, die
zuvor gefehlt hatten. Kurz darauf entfernen Stellburschen diese
Tafeln wieder. Der Gemeindepräsident Erhard Grütter (FDP)
erklärt gegenüber Medienschaffenden, er möchte nicht,
dass die Tanne zum Thema werde. Doch diese Haltung wurde nicht von
allen Bewohnerinnen und Bewohnern des Dorfes geteilt: Als bekannt
wurde, dass Rechtsextremisten eine Beteiligung an den kommunalen
Wahlen erwogen, bildete sich eine Bürgerinitiative nach dem
Motto "Wehret den Anfängen".
Rechte scheuen (noch) die Öffentlichkeit
Fast ungehindert den öffentlichen Raum für ihre politische
Botschaft nutzen konnten die Rechtsextremisten in den vergangenen
Jahren jeweils am 1. August das Rütli. Unter den Augen der
Rütlikommission ist der Rütli-Aufmarsch zum einzigen grossen
öffentlichen Treffen der Szene geworden. Exponentinnen und
Exponenten der Rütlikommission, allen voran deren Präsidentin
Judith Stamm (CVP), stellen die gegen sie gerichtete Kritik gern
als Folge einer Medienaufregung dar. Sie stützen sich dabei
auf eine Untersuchung des Zürcher Soziologen Kurt Imhof, der
- gestützt auf eine computergestützte Fleissarbeit seiner
Studentinnen und Studenten - Kurven der Medienerwähnungen zeichnet:
Im Sommer 2000 (gestörter Auftritt von Bundesrat Kaspar Villiger)
und 2005 (massiv gestörter Auftritt von Bundesrat Samuel Schmid)
veröffentlichten die Schweizer Medien eindeutig mehr Artikel
zum Thema Rechtsextremismus. Imhofs Kurven sagen jedoch bestenfalls
etwas aus über die Funktionsweise der Medien. Diese funktionieren
heute weitgehend nach dem Markusplatz-Syndrom: Klatscht jemand laut
in die Hände, fliegen alle Tauben in der Nähe mit Getöse
auf, um sich andernorts bald wieder ruhige auf dem Boden niederzulassen.
Weiter geht Imhof von der unzutreffenden Einschätzung aus,
dass Rechtsextremisten die Medienaufmerksamkeit suchen würden.
Fakt ist vielmehr: Rechtsextremisten fürchten - zumindest bis
heute - die Öffentlichkeit aus zwei Gründen: Erstens,
weil öffentlich bekannte Exponenten Repressionen (beispielsweise
am Arbeitsplatz) befürchten müssen. Zweitens, weil der
Thematisierung rechtsextremistischer Aktionen vielfach lokale oder
regionale Gegenmobilisierungen folgen.
Verständnis im nationalkonservativen Lager
Allerdings erhalten die Rechtsextremisten auch politische Unterstützung,
vielfach durch Exponenten des nationalkonservativen Lagers. Unmittelbar
nach dem Rütliaufmarsch 2005 zeigten mehrere SVP-Sektionen
bzw. -Exponenten Verständnis für die lautstarken Angriffe
auf den Festredner Bundesrat Samuel Schmid, der immer dann ausgepfiffen
und ausgebuht wurde, wenn er für "Integration", "Ausländer",
"Religionsvielfalt" und "Demokratie" eintrat.
Und im Vorfeld der Bundesfeier 2006 verharmloste SVP-Nationalrat
und Auns-Geschäftsführer Hans Fehr die Rechtsextremisten
als "einige pubertäre Spinner und zahlreiche Mitläufer";
demgegenüber bezeichnete er den angekündigten Festredner
Markus Rauh - wegen dessen Engagement gegen die beabsichtigten Verschärfungen
im Asyl- und Ausländerrecht - als "Provokation".
Die Vereinnahmung patriotischer Feiern geschieht nicht nur auf
dem Rütli. Seit mehreren Jahren laufen Rechtsextremisten als
eigene Gruppe im Festzug der Sempacher Schlachtfeier - ungehindert,
in wachsender Zahl und ohne mediale Beachtung. Abgesehen vom Rütliaufmarsch
laufen rechtsextremistische Kundgebungen meist unter Ausschluss
der Öffentlichkeit ab. Ein Beispiel: An einem Samstag im März
2005 erhielten die Eingeweihten kurz nach ein Uhr mittags ein Mail,
wonach um 19 Uhr die Kundgebung in Schaffhausen stattfinden werde.
Dies, nachdem den Eingeweihten seit Tagen bekannt gewesen war, dass
am Samstag irgendwo in der Ostschweiz eine Kundgebung stattfinden
werde. So marschierten denn an diesem Samstagabend rund 150 Rechtsextremisten
durch die menschenleeren Gassen der Schaffhauser Altstadt.
Fazit
Einmal im Jahr erhielten die Schweizer Rechtsextremisten in den
vergangenen Jahren auf dem Rütli die Gelegenheit zur öffentlichen
Darstellung, sonst laufen ihre Kundgebungen unter Ausschluss der
Öffentlichkeit ab und dienen nur der Selbstvergewisserung der
Szene. Sie erhalten dabei politische Rückendeckung durch Exponenten
des nationalkonservativen Lagers. Im Übrigen bestreiten Rechtsextremisten
missliebigen Personen lokal und unregelmässig den ungehinderten
Zutritt zum öffentlichen Raum. Der öffentlichen Thematisierung
rechtsextremistischer Aktivitäten und Strukturen folgen vielfach
Gegenmobilisierungen.
Hans Stutz
Tangram, Bulletin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.
Nummer 18, Oktober 2006.
Alle Rechte beim Verfasser.
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