| BERN · «Helvetien Rockt»
- so lautet die Ankündigung für ein Neonazi-Konzert, das
nächsten Samstag irgendwo «in der Schweiz» stattfinden
soll. Beobachter erwarten eines der grössten Hassmusik-Konzerte
in den letzten Jahren. Die Bundespolizei prüft, ob man die Mitglieder
der angekündigten Bands mit Einreisesperren belegen kann, wie
Fedpol-Sprecher Jürg Pulver bestätigt. Die Bundesbehörden
haben zudem die kantonalen Polizeikorps über den Anlass vorgewarnt.
«Weitervermittlung ideologischer Werte»
Angekündigt sind sechs Bands, drei davon sind einschlägig
bekannt: die Cottbuser Band Frontalkraft sowie die Berliner Bands
Spreegeschwader und Legion of Thor. Sie stehen für Gewalt verherrlichende,
rassistische oder nationalsozialistische Texte. Auf dem Programm
aufgeführt ist zudem die Gruppe XXX. Hinter dem Kürzel
versteckt sich die Band D.S.T. - die Buchstaben stehen für
«Deutsch, Stolz, Treue».
In einem ihrer Hass-Songs heisst es: «Denn Adolfs Rassenlehre
ist das, was für mich zählt, und weisses, reines Blut,
ist das, was Deutschland fehlt.» Sie wollten, so erklärten
die Berliner Musiker bereits vor Jahren, «die Weitervermittlung
ideologischer Werte aus glorreichen Tagen».
Auch die Texte von Frontalkraft sind eindeutig. In einem Lied,
das in der rechtsextremen Szene beliebt ist, steht der Reim: «Schwarz
ist die Nacht, in der wir euch kriegen, weiss sind die Männer,
die für Deutschland siegen, rot ist das Blut auf dem Asphalt.»
Organisiert wird das Konzert von HRD-Records aus der bernischen
Gemeinde Roggwil. Dieser Plattenversand wird von Personen aus dem
Umfeld der rechtsextremen Band Indiziert betrieben. HRD-Records
ist laut Bundespolizei-Sprecher Jörg Pulver den Behörden
«als Vertreiberin und Produzentin von Tonträgern mit
rechtsextremer Musik» bekannt.
Indiziert ist vor einem Jahr bereits mit Musikern von Spreegeschwader
und Legion of Thor aufgetreten, und zwar im August 2005 auf dem
Steinhuserberg bei einem Unterstützungskonzert für einen
inhaftierten Nazi Musiker.
Wie eine Woche vor einem Neonazi-Anlass üblich, ist weder
Veranstaltungsort noch Treffpunkt bekannt. Für die Polizei
eine schwierige Situation: Sie kann nicht schon im Vorfeld gegen
den Anlass vorgehen. Und: Solange der Veranstaltungsort geheim bleibt,
ist kein Polizeikorps für den Neonazi-Anlass direkt zuständig.
Damit steigen die Chancen, dass die Polizei von der Anzahl der angereisten
Neonazis überrascht wird.
Verhindern muss die Polizei das Konzert aber auf jeden Fall. «Nimmt
man die Rechtsprechung des Bundesgerichts als Massstab, muss jedes
Polizeikorps in der Lage sein, ein solches Konzert abzubrechen,
sobald es zu einer Straftat kommt», sagt Strafrechtsprofessor
Marcel Alexander Niggli.
Weil die Bands einschlägig bekannt sind, sei die Chance gross,
dass es zu Straftaten komme, vermutet Niggli. Im Klartext: Die Polizei
muss dafür sorgen, dass die Bands gar nicht erst die Bühne
betreten.
Bis vor einem Jahr versteckten sich die Polizeikorps üblicherweise
hinter der Beteuerung, sie hätten ein Konzert zwar beobachtet,
jedoch keine Widerhandlungen gegen die Rassismus-Strafnorm festgestellt.
Erstmaliges Einschreiten gegen Naziskin-Veranstaltung
Doch ein von der «Rundschau» ausgestrahltes, versteckt
gefilmtes Video von einem traditionellen «Blood and Honour»-Gedenkkonzert
am 17. September 2005 in Brig dokumentierte frappante Vergehen -
die Songs verletzten die Rassismus-Strafnorm eindeutig.
Im Juni dieses Jahres ging erstmals ein kantonales Korps gegen
eine Naziskin-Veranstaltung vor: Die Aargauer Kantonspolizei musste
allerdings erst genügend Leute aufbieten, bevor sie nach vier
Stunden eine Geburtstagsparty von 150 Rechtsextremen in Beinwil
auflösen konnte. Diese hatten sich «extrem gewaltbereit»
gezeigt, so die Polizei.
SonntagsZeitung, 3. September 2006
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