| Der Mord an Marcel von Allmen im Januar
2001 war für den Genfer Filmemacher Daniel Schweizer Ausgangspunkt
für seinen Film «White Terror». In der Einstiegssequenz
geht er den Orten nach, an denen die Mitglieder des «Ordens
der arischen Ritters» ihren «Kameraden» umbrachten
und in den See warfen. Die vier Täter waren mit der Rechtsextremistenszene
zwar nicht vernetzt, doch die Tatsache, dass sie Propagandamaterial
des internationalen Naziskin-Netzwerkes «Blood and Honour»
bestellt hatten, ist für Schweizer Ausgangspunkt zu seinen Nachforschungen
über internationale rechtsextremistische Netzwerke.
PNOS und «Bund Oberland»
Wie aber ist die aktuelle Situation zwischen Interlaken und Thun?
Klar ist: Rechtsextremistische Aktivitäten wurden in den vergangenen
beiden Jahren nur gelegentlich publik. Ende Juli vergangenen Jahres
beispielsweise hat ein damals 26-jähriger Oberländer Rechtsextremist
in Thun auf einen politischen Gegner geschossen. In der ersten Jahreshälfte
2005 wurden in Spiez und Umgebung mehrfach rechtsextremistische,
beziehungsweise antisemitische Flugblätter verbreitet. Und
im vergangenen Herbst hat die Polizei in der Region zweimal wegen
der Verteilung einer rechtsextremistischen «Schulhof»-CD
interveniert, in einem Fall hat sie - gemäss dem Berner Regierungsrat
- «bei einem bekannten Rechtsradikalen in Unterseen»
insgesamt neun Stück des Tonträgers beschlagnahmt. Diese
Ermittlungen sind «noch nicht abgeschlossen», wie Polizeisprecher
Jürg Mosimann auf Anfrage bestätigt hat.
In der Region Berner Oberland sind aber auch zwei Organisationen
aktiv, die Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) und der
«Bund Oberland». Die PNOS tritt zwar vor allem in der
Region Langenthal an die politische Öffentlichkeit, doch zwei
der fünf Mitglieder des «PNOS-Bundesvorstandes»
stammen aus der Region Interlaken: Adrian Spring und Michael Haldimann.
Ebenfalls in der Region ist der «PNOS-Weltnetzladen»
tätig, erreichbar über eine Postfachadresse in Interlaken.
Über die gleiche Adresse wird auch die PNOS-Zeitschrift «Zeitgeist»
vertrieben, deren Redaktor Michael Haldimann ist.
Versteckter agitiert die zweite rechtsextremistische Organisation,
der «Bund Oberland». Dieser verfügte bis Ende 2005
über eine stark ausgebaute Internetpräsenz und verteilte
im vergangenen Jahr in der Region mehrere Flugblätter, teils
mit rassistischem und antisemitischem Inhalt. Der Bund sammelte
Geld für einen bekannten deutschen Holocaust-Leugner, vertrieb
auch Holocaust-leugnende Literatur und die «Schulhof-CD»,
welche im Umfeld der deutschen NPD für den Wahlkampf produziert
worden war. Man habe, so liess sich ein «Bund Oberland»-Exponent
in einem einschlägigen Forum im vergangenen Jahr vernehmen,
rund 500 Exemplare in der Schweiz verteilt. Diese Angaben lassen
sich nicht überprüfen, erwiesen ist jedoch, dass der «Bund
Oberland» Bestellungen postwendend erledigte.
Die Kantonspolizei Bern ermittelt bereits seit dem vergangenen
Herbst gegen den «Bund Oberland». Doch sie ist nicht
weit gekommen. Trotz Nachforschungen - auch im Ausland - hätten
die Betreiber der «Bund Oberland»-Internetseite nicht
eruiert werden können, erklärt Jürg Mosimann auf
Anfrage.
Belesene Aktivisten
Aus den vorliegenden Informationen lassen sich jedoch einige genauere
Angaben zu zwei männlichen «Bund Oberland»-Aktivisten
machen, vor allem, da sie auch dieses Jahr in einschlägigen
Foren aktiv waren. Der eine nennt sich «Beoberland18»,
wobei «18» ein Codeausdruck für «Adolf Hitler»
ist. Im August 2005 schrieb «Beoberland18», er habe
vor fünf Jahren zuerst die Rekrutenschule bei den Panzerjägern
gemacht, dann ein Jahr später die Unteroffiziersschule «in
Thun bei den Grenadieren». Später habe er noch die Fourierschule
besucht. Der zweite «Bund Oberland»-Exponent nennt sich
«Wille», er schrieb 2005, dass er zwanzig Jahre alt
sei. «Wille» fällt dadurch auf, dass er in seinen
Forumsbeiträgen häufig auf Texte der PNOS-Zeitschrift
«Zeitgeist» zurückgreift. Er gehörte - gemäss
eigenen Angaben - am vergangenen 1. August zu den Rütli-Demonstranten,
war aber enttäuscht, «denn es war vor allem Gesindel
und Gesocks. Stiefel, Bomberjacken, Skinheadmarken und andere Accessories»
würden nicht an den Nationalfeiertag passen. Der «Bund
Oberland» wolle, so steht es auf der aktuellen Internetpräsenz,
«keiner subkulturellen Szene zugehörig sein, sondern
will mit seiner Agitation eine Volksbewegung ins Leben rufen, die
den Fall des gegenwärtigen Systems zum Ziel hat.» Im
Vergleich zu pöbelnden Naziskins fallen die «Bund Oberland»-Aktivisten
tatsächlich mit einer gewissen Belesenheit auf.
Hans Stutz
Der Bund, 20. Juni 2006
Alle Rechte beim Verfasser.
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