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1. August Ruhetag
für das Rütli?
Am 1. August 1996 erschienen an der traditionellen
Rütlifeier erstmals einige wenige Naziskinheads. Sie provozierten
mit dem Kühnen-Gruss, zum Missfallen einiger Festbesucher,
doch die Polizei hielt die Empörten zur Ruhe an. In den folgenden
Jahren erschienen jedes Jahr mehr Rechtsextremisten, meist Naziskinheads,
aber auch Holocaust-Leugner. Im Jahr 2000 pfiffen sie den damaligen
Festredner Bundesrat Kaspar Villiger aus, (4)die Rechtsextremisten-Kundgebung
erhielt danach erstmals breite öffentliche Beachtung, das Boulevard-Blatt
Blick prägte den Ausdruck Die Schande vom
Rütli.
Doch die Rütli-Kommission, Organisatorin der Rütli-Feier,
unternahm wenig gegen die zunehmende Vereinnahmung der Feier durch
die Rechtsextremisten, diese dominierten allmählich die Veranstaltung.
2005 störten die rund achthundert RechtsextremistInnen die
Rede des Bundespräsidenten Samuel Schmid (SVP), vor allem wenn
er Worte wie «Integration», «Demokratie»
oder «Religionsvielfalt» in den Mund nahm. Die Feier
habe «einen erbärmlichen Charakter» angenommen,
befand selbst die NZZ, die bis anhin alle Warnungen vor dem Rechtsextremismus
als aufgeregtes Getue hinzustellen beliebte. Und auch die sonst
als fortschrittlich eingeschätzte Judith Stamm (CVP), Präsidentin
der organisierenden Rütlikommission, erklärte gegenüber
einem Journalisten, diese «Störaktionen» hätten
das «Mass an Zulässigem überschritten». Was
nichts anderes heisst, als dass sie an einer stillen Präsenz
von RechtsextremistInnen wenig auszusetzen hat.
Bereits zum zehnten Mal marschierten Rechtsextremisten also zur
Rütli-1.-August-Feier, doch die OrganisatorInnen schauten so
weit weg wie möglich oder rüffelten die Medienschaffenden:
«Alles aufgebauscht», hiess es beispielsweise im Jahre
2000, als in den Zeitungen von der «Schande vom Rütli»
geschrieben wurde. Wie kommt es, dass ein bürgerliches Innerschweizer
Honoratiorengrüppli Jahr für Jahr naiver auf einen RechtsextremistInnenaufmarsch
reagiert? Und: Vor welchem gesellschaftlichen und historischen Hintergrund
vollzieht sich dieser Aufmarsch?
Es gebe keine Nation Schweiz, «il n'y a pas de nation suisse»,
behauptete unlängst der Historiker André Reszler, Verfasser
von «Mythes et identité suisse». Und er fuhr
fort, dass es ein Schweizervolk gebe, das von Personen gebildet
werde, die sich zuerst als Bürger (citoyen) ihrer Gemeinde
und ihres Kantons fühlen und danach auch noch als Schweizer.
Dieser Gedanke ist in den vergangenen Jahrzehnten bereits von anderen
Autoren geäussert worden, trotzdem ist er fahrlässig unzutreffend.
Denn in diesem Raum, der rund 42 000 Quadratkilometer umfasst und
auf der Europakarte als «Schweiz» angeschrieben wird,
dürfen rund ein Fünftel der Menschen weder Citoyenne noch
Citoyen sein.Die Schweiz ist zuallererst eine Gesellschaft, in der
- wie in anderen Gesellschaften auf der Welt - Männer, Frauen
und Kinder zusammen leben, produzieren, konsumieren und durch eine
Bürokratie verwaltet werden. Diese Menschen leben in verschiedenen
religiösen Traditionen (christlich, jüdisch, muslimisch,
buddhistisch und so weiter) oder auch ohne (geht ganz gut!). Sie
haben höchst unterschiedliche Vermögen und Einkommen,
leben von Kapitalerträgen oder vom Lohn gegen Arbeit. Sie leben
als Muotataler Bergpuurli (hoch subventioniert) oder als italienischstämmiger
Gewerkschafter (pensioniert, aber immer noch aktiv), der auf die
Einbürgerung verzichtete, nachdem ihm die Einbürgerungspolizisten
sein linkes Engagement vorhielten und ein Scheitern in Aussicht
stellten. Oder als Genfer Privatbankier (verschwiegen wie ein Gletscherloch),
der von den Löchern der Eidgenössischen Steuergesetzgebung
komfortabel, aber calvinistisch streng lebt. Oder wie jene Sozialwissenschaftlerin,
die als Schulkind in den kurdischen Bergen Ziegen hütete, seit
über zwanzig Jahren in der Schweiz lebt und für (fast)
jede Reise in ein Nachbarland langwierige Passformalitäten
erledigen muss.So weit die Realität. Fakt ist aber auch, dass
es eine seit über hundert Jahren gepflegte Ideologie gibt,
die die sozialen und politischen Brüche der kapitalistischen
Schweiz zukitten soll. Gespeist aus altertümelnden Sagen (Willi
Tell, Winkelried et cetera), anschaulich gepflegt auf dem Pilgerort
Rütli. Auch Bundesrat Samuel Schmid erzählte am Nationalfeiertag
vom «mystischen Ort», der das Rütli sei. Dabei
ist Le Gruetli nichts anderes als eine schwer zugängliche Wiese,
die der Eidgenossenschaft gehört und von der Rütlikommission
verwaltet wird. Eine Kommission, in der sich innerschweizerische
Bürgerliche, zumeist CVP-Parteimitglieder, prestigeträchtige
Auftritte, nämlich die Rütli-1.-August-Rede, zuhielten.Die
Freisinnigen, immerhin die Gewinner des Sonderbundskrieges 1847
und die Begründer der demokratischen Schweiz, überliessen
den katholisch-konservativen Verlierern die Ideologiepflege, und
diese pflegten ein Bild der Schweiz der Berge und Landwirte, frei
von Städten, Fabriken und ImmigrantInnen. Sie nannten es in
den dreissiger Jahren - auch inspiriert von faschistischen Vordenkern
- «geistige Landesverteidigung»: Hellebarden, Schweizer
Fahnen, Geranien vor den Fenstern. Sie steht für Abschottung
nach aussen und Ausgrenzung im Innern - getragen von allen bürgerlichen
Parteien und einem Teil der Sozialdemokratie - vor allem auch im
Kalten Krieg. Dieses Schweizerbild entsprach der offiziellen Regierungspolitik
bis Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Nach dem
Zusammenbruch der realsozialistischen Länder und der aussenpolitischen
Öffnung (hin zur EU, hinein in die Uno) ist es obsolet geworden.Die
Rütliwiese aber ist immer noch Projektionsfläche für
diese abgeschottete und unzeitgemässe Schweiz. Folgerichtig
ist sie Anziehungspunkt für die Nationalkonservativen wie auch
für die Rechtsextremisten. Was tun? Die 1.-August-Feier auf
dem Rütli muss ersatzlos gestrichen werden. Ersatzlos, nicht
nur wegen der RechtsextremistInnen - das auch, und ganz besonders
-, sondern auch, weil sie gesellschaftlich und politisch überholt
ist. Diese Absage lässt Raum für Lösungen. Zum Beispiel:
Am 1. August erhält die Rütliwiese (und damit auch der
Rütliwirt) einen arbeitsfreien Tag. Betretungsverbot. In einigen
Jahren kann man weitersehen. (5)
Seit Mitte der 80er Jahre und mit dem Aufkommen der nationalkonservativen
Bewegung haben sich in einem Teil der Schweizer Gesellschaft nationalistische
- gelegentlich rassistisch motivierte - Deutungsmuster für
gesellschaftliche und soziale Probleme aller Art festgesetzt, seien
es beispielsweise die sozialen Folgen illegaler Drogen, seien es
Bildungsprobleme in den Volksschulen. Neben einigen Kleinparteien
fördert auch die Regierungspartei SVP mit diffamierenden Kampagnen
ein diskriminierungsfreundliches Klima. Insgesamt verfügt das
nationalkonservative Lager über eine Vielzahl von Organisationen
und Publikationsmöglichkeiten und über finanziell potente
Mitglieder sowie über eifrige ExponentInnen, insbesondere auch
LeserbriefschreiberInnen. Es gelingt dem nationalkonservativen Lager
immer wieder, die Themen der politischen Auseinandersetzung zu bestimmen.
Daneben hat sich eine marginale, jedoch grössenmässig
stabile rechtsextremistische Subkultur etabliert, die sich vorwiegend
aus jungen männlichen Erwachsenen rekrutiert und aus Naziskinheads
und Patrioten besteht, aber auch aus wenigen Holocaust-Leugnern,
aus Aktivisten in politischen Projekten und Militanten in kulturell-politischen
Organisationen und Einzelprojekten, die durch ideologische Arbeiten
die rechtsextremistische Szene vorantreiben wollen. Wie aber hat
sich diese rechtsextremistische Szene im Jahr 2005 entwickelt?
Zwar gab es seit Ende des Zweiten Weltkrieges vereinzelte Bestrebungen
von unbelehrbaren Nationalsozialisten/Faschisten, beispielsweise
des Lausanners Gaston-Armand Amaudruz, der nun seit rund sechzig
Jahren als militanter Nationalsozialist agiert. (6)Doch erst seit
Mitte der 80er Jahre bildete sich in der Schweiz allmählich
eine marginale, doch wellenförmig wachsende rechtsextremistische
Subkultur mit einem ersten Höhepunkt im kleinen
Frontenfrühling von 1989(7). Die zahlenmässig stärkste
Teilgruppe waren und sind die Skinheads, genauer die
Nazi-Skinheads, die sich zwar nur schwer in politischen Strukturen
organisieren lassen, doch die einschlägige Ideologie in einem
subkulturellen Milieu pflegen, vor allem auch durch Veranstaltungen
und insbesondere Konzerte. Es waren immer wieder auch Naziskinheads,
die in den vergangenen fünfzehn Jahren als Täter von Brandanschlägen
auf Asylbewerber-Unterkünften, Angriffen auf missliebige Personen
und einschlägigen propagandistischen Akten überführt
werden konnten. Der Täter-Ideologie folgten entsprechende Taten.
(1) Christoph Mörgeli in Die Weltwoche, 4. August 2005
(2) Neue Luzerner Zeitung, 22. August 2005. Siehe dazu auch Berner
Zeitung, 24. August 2005 und Südostschweiz, 25. August 2005.
Die Luzerner Monopoltageszeitung hat in den letzten Jahren über
die Aktivitäten der SVP ausführlich und wohlwollend berichtet.
(3) Le Nouvelliste, 1 décembre 2005, Coups de griffes saignants
sur la toile
(4) Siehe beispielsweise Hans Stutz, Tages-Anzeiger, 5. August 2000
(5) Dieser Text erschien in leicht veränderter Form in Die
Wochenzeitung WOZ, 4. August 2005
(6) Hans Stutz, "Adolf Hitler tat sein Möglichstes",
Die Weltwoche, 30. März 2000
(7) Einen Einblick in die Entwicklung ab 1945 geben Jürg Frischknecht,
Peter Haffner, Ueli Haldimann, Peter Niggli, Die Unheimlichen Patrioten.
Politische Reaktion in der Schweiz. Zürich 1979, S. 443-485,
sowie der Ergänzungsband 1984, S. 721-751. Weiter Jürg
Frischknecht, Schweiz wir kommen. Die neuen Fröntler
und Rassisten. Zürich 1991. Urs Altermatt/Hanspeter Kriesi,
Rechtsextremismus in der Schweiz. Organisationen und Radikalisierung
in den 1980er und 1990er Jahren. Zürich, 1995.
Naziskinheads und Patrioten
Die Jugend-Subkultur Skinheads entstand Ende der 60er
Jahre in Grossbritannien, ihr gehörten vorwiegend männliche
Jugendliche aus dem Arbeitermilieu an. Skinheads waren Fussball
und Alkohol zugetan, liebten Ska, die Musik jamaikanischer MigrantInnen.
Sie suchten den Kitzel einer gelegentlichen Randale, sie waren gegen
langhaarige Jugendliche, insbesondere Hippies, und auch gegen indischstämmige
Einwanderer, jedoch noch nicht explizit rechtsextremistisch oder
neonazistisch. (8)Erst Anfang der 80er Jahre, als die beiden britischen
Faschistenparteien National Front und British National Party versuchten,
in den Fussball-Stadien Mitglieder anzuwerben, bildete sich eine
Naziskin-Bewegung aus. In der Schweiz tauchten erste rechtsextremistische
Skinheads Anfang der 80er Jahre in Zürich auf, vielfach im
Umfeld von militanten Fussballfans/Hooligans, damals insbesondere
der Hardturmfront.
Seit mehreren Jahren bewegen sich Schweizer Naziskins meist in
lokal oder regional verankerten Gruppen oder Cliquen, die weder
eine formelle Führung noch einen Namen haben; eher Milieusind
denn Organisation. Naziskins sind vielfach zwischen 15 bis 25 Jahre
alt, arbeiten in einem handwerklichen Beruf, leben in dörflichen
oder kleinstädtischen Verhältnissen. Oder wie es der Dienst
für Analyse und Prävention (DAP) ausdrückt: Die
rechtsextreme Szene besteht aus vielen kleinen Gruppierungen. Diese
sind meist nicht strukturiert, sondern halten lose zusammen und
wechseln häufig die Zusammensetzung und den Namen. (9)Wenn
die Gruppierungen sich überhaupt einen Namen gegeben haben.
Die rechtsextreme Szene in der Schweiz, so das DAP weiter, verfüge
weder über eine einheitliche Weltanschauung noch über
eine gemeinsame Basis. Man kann heute von insgesamt gegen 1000 Rechtsextremen
in der Schweiz ausgehen. Und zur Bedrohung meint das DAP zutreffend:
Rechtsextrem motivierte Aktivitäten gefährden teils
punktuell, teils lokal erheblich die öffentliche Ruhe, Ordnung
und Sicherheit. Die Schweiz gilt nach wie vor als attraktiver Standort
für Skinheadkonzerte und ähnliche Veranstaltungen.
(10)Was das DAP punktuelle Gefährdung der öffentlichen
Sicherheit nennt, kann allerdings für Angehörige
von missliebigen Minderheiten gravierende Folgen beispielsweise
schwere Verletzungen in sich bergen. Im Jahre 2005 mussten
sich beispielsweise sechs Naziskins aus dem Kanton Zürich vor
dem Bezirksgericht Frauenfeld verantworten, da sie im Frühling
2003 einen 15-jährigen Reggae-Fan dermassen niedergeschlagen
hatten, dass dieser lebenslänglich behindert bleiben wird.
Motiv der Täter: Sie wollten am Tatabend Linke abschlagen
(11)
(8) Eine ausführliche Darstellung der Jugend-Subkultur der
Skinheads seit ihren Anfängen Ende der 60er-Jahre
bietet Christian Menhorn, Skinheads: Porträt einer Subkultur.
Baden-Baden 2001. Eine lesenswerte Darstellung bietet auch Holger
Bredel: Skinheads Gefahr von rechts? Berlin, 2002.
(9) Extremismusbericht (in Erfüllung des Postulats 02.3059
der Christlichdemokratischen Fraktion vom 14. März 2002) vom
25. August 2004, S. 5012
(10) Extremismusbericht (in Erfüllung des Postulats 02.3059
der Christlichdemokratischen Fraktion vom 14. März 2002) vom
25. August 2004, S. 5013
(11) Siehe Eintrag, Frauenfeld TG, 26. April 2003
Hammerskinheads und Blood and Honour
Obwohl die Naziskin-Szene ist in der Schweiz wenig strukturiert
ist, können sich seit Jahren zwei international vernetzte Organisationen
halten. Einerseits die Hammerskinheads, die 1986 in Houston/Texas
als weisse rassistische Bruderschaft gegründet wurden und unter
anderem weisse Gebiete für weisse Menschen (white
areas for white people) anstreben, andererseits die in England 1987
entstandene Blood and Honour, als Independent Voice of Rock
against Communism gegründet. Sie ist eine politische
Organisation ohne Mitgliederausweis(12), welche die neonazistische
Ideologie mit eigenen Zeitschriften, dem Vertrieb von einschlägigen
Devotionalien und Tonträgern wie auch der Organisation von
Konzerten verbreiten wollte und will. Im Blood and Honour-Umfeld
bildete sich auch eine terroristische Organisation (Combat 18, wobei
die Ziffer 18 für Adolf Hitler steht), die für
Anschläge in Grossbritannien und Schweden verantwortlich war.
Beide Organisationen haben auch Ableger in der Schweiz. Bereits
Anfang der 90er Jahre gründeten Innerschweizer Naziskins eine
Schweizer Sektion, heute die älteste noch bestehende europäische
Sektion des Hammerskin-Nation. Die Schweizer Hammerskinheads
(SHS) gelten als gewiefte und erfolgreiche Konzert-Organisatoren.
In den vergangenen Jahren richteten sie immer wieder grosse Konzert
aus, am besucherstärksten war das Sommerfest 2002,
an dem rund 1200 BesucherInnen aus mehreren europäischen
Ländern anwesend waren.
Eine Schweizer Blood and Honour-Sektion entstand erst 1997/98,
zuerst in der Deutschschweiz, dann in der Westschweiz, deren Exponent,
der Ex-Hammerskin Olivier Kunz (13) sich sowohl als Konzert-Veranstalter,
Zeitschriften-Herausgeber wie auch eine Zeit lang als Betreiber
eines Musikträger-Versandes hervortat. Nach Kunz Verurteilungen
wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm wie auch dem Verbot
weiterer Naziskinhead-Konzerte - allen voran durch den Kanton Waadt
(14) - gingen die Aktivitäten jedoch markant zurück, wenn
auch Blood and Honour Romandie sowohl 2003 und 2004 als Mitorganisator
von Kundgebungen in Erscheinung trat. (15)Im Jahr 2004 gab es auch
verschiedene Hinweise auf eine Zürcher Sektion von Blood and
Honour, doch ist über diese noch nichts Näheres bekannt.
Im Internet besteht jedoch seit längerem auf einer Combat18-Page
auch ein Swiss Forum, das seit Mitte August 2004 aufgeschaltet
ist und in dem sowohl Westschweizer wie Deutschschweizer Skinheads
auftreten.
Von den beiden Naziskin-Organisationen ist 2005 wenig an die Öffentlichkeit
gelangt, ausser dass sie beide als Konzert-Organisatoren auftraten,
die Hammerskinheads Anfang Juli bei Lyss (16) und die Blood-and-Honour-Skinheads
bei einem Konzert in Brig(17). Letzteres erlangte allerdings grosse
Beachtung, da das Schweizer Fernsehen versteckt gefilmte Konzertaufnahmen
veröffentlichen konnte. (18)
(12) Siehe den Aufsatz von Nick Lowles, Die Internationale des
Hasses, in: Christian Dornbusch, Jan Raabe (Hg.), RechtsRock
Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Hamburg/Münster, 2002,
S. 233-262, Zitate S. 235.
(13) Neben einem Gesinnungskameraden wurde Oliver Kunz von Daniel
Schweizer in dessen Film Skin or die porträtiert.
Kunz ist weiterhin aktiv, unter anderem nahm er am Rütli-Aufmarsch
2005 teil. Ein Foto zeigt ihn neben dem Westschweizer Holocaust-Leugner
Philippe Brennenstuhl. Kunz trägt dabei ein T-Shirt mit der
Aufschrift Blood and Honour/Romandie.
(14) Siehe Eintrag La Sarraz, 19. September 2004, wie auch die Artikel
in der SonntagsZeitung, 23. August 1998, 13. und 20. September 1998
(15) Siehe Einträge, Yverdon VD, 28. Juni 2003 und Yverdon
VD, 4. Juni 2004.
(16) Siehe Eintrag, Ammerzwil BE, 2. Juli 2005
(17) Siehe Eintrag, Brig VS, 17. September 2005
(18) Eintrag, Brig VS, 17. September 2005, und Kasten Ein
Konzert und seine Folgen
Helvetische Jugend
Die Helvetische Jugend ist eine Umfeld-Organisation der PNOS. Sie
wurde Anfang Juli 2004 in der Region Oberaargau gegründet.
Zu ihren Zielen zähle, so die Helvetische Jugend auf ihrer
Homepage, dass der Multikultur ein Ende gesetzt werde.
Dies will sie unter anderem erreichen mit: Rückführung
von gewalttätigen Ausländern. Ausländeranteil muss
gesenkt werden. Weiter mit Internierungslagern für
Asylbewerber und besserer und neutralerer Bildung von
Schweizerschulen (nicht weiter linke Stalin und Lenin Propaganda.
Trennung von deutschsprechenden Schülern zu nicht deutschsprechenden
Schülern. Und es solle Schluss sein mit dem linken,
desinformierten Medienterror, wir brauchen neutrale Auskunftgeber.
Aus dem Umfeld der Helvetischen Jugend erschienen bereits im Winter/Frühjahr
2004 mindestes fünf Ausgaben von Der Widerstand. Das
Langenthaler Skinheadmagazin. In der ersten Ausgabe wird es
vom Redaktor Pascal Lüthard als nationales Blatt
umschrieben, im Kampf für Rasse, Volk und Vaterland.
(19)Das Heft beschäftigt sich antisemitisch mit Verschwörungsfantasien
(Illuminati als Vollstrecker eines Planes des Bankiers Rothschild
zur Eroberung der Weltherrschaft). In einer späteren Nummer
ergeht sich der Vorwort-Schreiber (Eugen) unter anderem
über den Widerstand selbst, die nationalsozialistische
Szene im Oberaargau. Er hält seinen Gesinnungskameraden
vor: Obwohl sich wahrscheinlich viele von euch nicht als Nationalsozialisten
bezeichnen. Man muss sich aber vor Augen führen, was wir eigentlich
wollen, beziehungsweise wohin unser aller Gedanken führt. Nationalismus,
Patriotismus und Skinheadkult sind alles sehr schöne Wörter
und Ansichten, aber unsere Anstrengungen müssen in Richtung
eines nationalsozialistischen Staatssystems führen. Das ist
die einzig rechte Staatsform, die sich bewährt
hat und funktioniert. Dieser Schreiber behauptet gleich noch
in zumindest Holocaust verharmlosender Weise, dass es den
Holocaust so nie gegeben habe. (20)In der folgenden Nummer
verbreitet der gleiche Schreiber einen biologistischen Rassismus.
Rassisten hätten das Recht auf ihrer Seite, indem wir
für die Trennung von Rassen und Völkern einstehen.
In weiteren Beiträgen beschäftigen sich die Heftschreiber
mit nationalen Themen, wie dem Bauernkrieg oder der Schlacht bei
Sempach. Auch berichten sie über Veranstaltungen der Initiative
Vaterland(21), einer seit dem Jahr 2000 bestehenden rechtsextremistischen
Organisation, über die allerdings wenig bekannt ist.
Mehrere Mitglieder der Helvetischen Jugend wurden 2005 zu einer
bedingten Gefängnisstrafe verurteilt, da sie Ende Oktober 2004
in Willisau Teilnehmer einer antifaschistischen Kundgebung angriffen.
Bei Hausdurchsuchungen fanden die Untersuchungsbehörden eine
eindrückliche Menge an Waffen und nationalsozialistischen Devotionalien.
(22)
(19) Der Widerstand. Das Langenthaler Skinheadmagazin. Ohne Ausgabenummer,
ohne Datum. Ist im Winter 2003/2004 erschienen.
(20) Der Widerstand. Das Langenthaler Skinheadmagazin. Ausgabe 4,
März/April 2004
(21) Der Widerstand. Das Langenthaler Skinheadmagazin, Ausgabe 5,
Mai/Juni 2004 berichtet über einen Besuch des Festungsmuseums
Reuenthal. Oder in der Ausgabe 4 über ein Fest vom 13. März
2004 zum vierjährigen Bestehen der Initiative Vaterland.
(22) Siehe Eintrag Willisau LU, 30. Oktober 2004
Willisauer Widerstand
Auf ihrer Homepage behaupten die zumeist sehr jungen Mitglieder
des Willisauer Widerstandes selbstverständlich, sie seien Patrioten.
Doch bei privaten Festen bevorzugen sie es, sich mit nationalsozialistischen
Emblemen zu schmücken. Mehrere Mitglieder nahmen an der Rechtsextremisten-Kundgebung
auf dem Rütli teil. Die Gründer des Willisauer Widerstandes
sind ganz offensichtlich noch sehr jung, doch hatten sie Vorgänger,
den Nationalen Widerstand Hinterland. Leute aus diesem
Umfeld rühmen sich, im Mai 2004 in Willisau Einbürgerungen
verhindert zu haben. Der Gemeinderat habe, so berichtet ein unbekannter
Hinterländer im Skinhead-Zine Der Widerstand
später, zehn volksfremde Menschen aus dem Balkan
einbürgern wollen. Doch dieser habe die Rechnung ohne
die heimat- und volkstreuen Kameraden des Nationalen Widerstandes
Hinterland gemacht. Diese hätten in einem Flugblatt die
Ablehnung der Einbürgerungsgesuche gefordert und an der Gemeindeversammlung
habe sich dann gezeigt, dass es gelungen war, genügend
Leute zu mobilisieren, um die Einbürgerungen abzulehnen.
(23)
(23) Siehe Eintrag, Willisau LU, 3. Mai 2004 und Der Widerstand,
Ausgabe 5, Mai/Juni 2004
Schweizer Nationalisten, Patriot.ch, 848.ch
und Co.
In der rechtsextremistischen Szene bewegen sich auch Personen,
die weniger ein rassistisches (Europa den weissen Europäern)
denn ein ausgeprägt - gelegentlich auch militant - nationalistisches
Weltbild (die Schweiz den Schweizern) haben. Die Übergänge
zum nationalkonservativen Lager sind hier fliessend. Aus diesem
Patrioten-Umfeld stammen mehrere Internet-Foren, häufig
sind xenophobe und rassistische Einträge, regelmässig
lassen sich aber auch Rechtsextremisten vernehmen. Die Betreiber
dieser Homepages beteuern gerne und häufig, sie hätten
mit Rechtsextremisten oder Neonazis nichts zu tun, so beispielsweise
die Betreiber der 848-Site(24), geführt von Aktivisten
aus dem Raum Walensee. Doch auf dieser Site finden sich häufig
Einträge von Rechtsextremisten, ebenso rassistische und antisemitisch
inspirierte Diskussionen wie auch gelegentlich Aussagen, die den
Holocaust zumindest in Frage stellen, wenn nicht gar unterschwellig
leugnen.
(24) 848 steht hier für Heil Dir Helvetia
Les Identitaires
Anfang Juli 2005 kündigten Les Identitaires de Romandie an,
sie würden dem Beispiel französischer und belgischer Cousins
folgen. Ihr Ziel ist Verteidigung der europäischen, das heisst
weissen Identität. Angesichts der Gefahren der Globalisierung,
der massiven Immigration, der Auflösung der schweizerischen
und Europäischen Identität sehen sie nur eine Wahl
für die Jugend der Westschweiz: handeln oder sich unterwerfen
(agir or subir). Und dies alles für die Romandie, für
die Schweiz und für Europa. Les Identitaires verfügen
über eine Internet-Homepage, die allerdings auf den Namen eines
französischen Rechtsextremisten eingetragen ist. Über
die Aktivitäten 2005 ist wenig bekannt, wie auch über
die Zahl ihrer AnhängerInnen. Gegenüber der Zeitung La
Liberté behauptete ein Mitglied, die Bewegung zähle
einige hundert junger SympathisantInnen in der Westschweiz. (25)Im
Sommer forderten Les Identitaires in Bex VD die Schliessung der
dortigen Asylbewerber-Unterkunft, dies nachdem ein FDP-Gemeindepolitiker
mit rassistischen Sprayereien die Stimmung angeheizt hatte. (26)Mitte
Dezember hielt Philippe Vardon, Sprecher der französischen
Organisation Jeunesses Identitaires, in Genf einen Vortrag. An der
Versammlung sammelte man auch für die Association Solidarité-Kosovo.
Dieser Verein unterstützt serbische Waisenkinder in Mitrovica:
diese Kinder seien Töchter und Söhne europäischer
Grenzwächter. Wie ihre Vorfahren seien diese gestorben bei
der Verteidigung ihres Bodens und dem Schutz Zentraleuropas vor
der muslimischen Expansion ... einst gegen die Türken, heute
gegen die Albaner.
(25) La Liberté, 8. Juli 2005, Les Identitaires
revendiquent une centaine de jeunes militants
(26) Siehe Eintrag, Bex VD, 16. Mai 2005
Politisch-kulturelle Aktivitäten
Verschiedene Aktivisten und Organisationen stützen sich auf
ein rechtsextremistisches Gedankengut, sie beteiligen sich jedoch
nicht an der institutionalisierten Politik, insbesondere nicht an
Wahlen. Durch Bildungs- und Vernetzungsarbeit wollen sie politisch-kulturelle
Ideologie-Arbeit machen, so die Avalon Gemeinschaft, so Gaston-Armand
Amaudruz mit seiner Zeitschrift Courrier du Continent,
so auch das Waadtländer Ehepaar Paschoud mit ihrer Zeitschrift
Le pamphlet. Neben diesen seit langem betriebenen Aktivitäten
ist in den Jahren 2004 und 2005 auch ein Bund Oberland
aufgetreten, betrieben von namentlich noch unbekannten jungen AktivistInnen
aus dem Berner Oberland.
Avalon Gemeinschaft Die Avalon Gemeinschaft befleissigt sich einer
weit gehenden Geheimhaltung, so dass über ihre Aktivitäten
nur wenig an die Öffentlichkeit dringt. Zwar behauptet ihr
Exponent Ahmed Huber, auch aktiver Islamist, gelegentlich gegenüber
JournalistInnen, auch NationalrätInnen und weitere einflussreiche
Leute würden an den Veranstaltungen der Avalon Gemeinschaft
teilnehmen. (27)Immerhin bestätigte Huber im Wahl-Herbst 2003
gegenüber der SonntagsZeitung, dass Bernhard Hess, Berner Nationalrat
der Schweizer Demokraten (SD), an Avalon-Veranstaltungen teilgenommen
habe. (28)Hess bestritt allerdings wenig überzeugend
seine rechtsextremistischen Kontakte. Im Jahr 2005 hat nun
Recht+Freiheit-Redaktor (29) Ernst Indlekofer, erbost über
eine Hess-Aussage zum unwiderruflich untergegangenen Deutschen
Reich, weitere Andeutungen gemacht: Dem Vernehmen nach
geht Hess seit Jahren bei Versammlungen der AVALON ein und aus.
Und daher müsse Hess auch wissen: Deutschlands Wandel
und Geschichte ist nämlich das Hauptthema anlässlich der
jährlich zweimal zelebrierten Sonnwendfeier dieser dem Germanentum
frönenden Gesellschaft.
Die Avalon Gemeinschaft gelegentlich auch Zirkel Avalon
genannt wurde im Juli 1990 gegründet, mit dabei waren
unter anderem Roger Wüthrich, vorher Anführer der Wiking
Jugend Schweiz, weiter Andreas Gossweiler, in jenen Jahren Mitglied
in mehreren rechtsextremistischen Fronten. (30)An ihren Versammlungen
treffen sich neben den bekannten Exponenten Ahmed Huber und Roger
Wüthrich Altfaschisten wie auch junge Naziskins.
(27) Hubers Aussagen lassen sich allerdings nicht überprüfen.
Ein ausführliches Porträt über Ahmed Huber verfasste
Martin Beglinger für Das Magazin, 28. Mai 2004.
(28) Hans Stutz, Bernhard Hess (SD): Besuche bei Neonazi-Parties,
SonntagsZeitung, 14. September 2003.
(29) Recht+Freiheit, 3/2005, Seite 2. Das Deutsche Reich existiert!
(30) Siehe Urs Altermatt/Hanspeter Kriesi, Rechtsextremismus in
der Schweiz, Zürich 1995, S. 47f. Sowie auch Peter Niggli/Jürg
Frischknecht, Rechte Seilschaften, Zürich 1998, S. 585ff
Bund Oberland Aufruf zum Umsturz
Anfang Februar 2005 verteilten Unbekannte in Spiez ein Flugblatt,
wonach in der ersten Lenin-Regierung 12 Juden waren
und die bolschewistische Terrorrevolution durch jüdische Wall
Street-Bankiers finanziert worden sei. Es ist dies ein bekanntes
Muster antisemitischer Agitation. Es ist die erste nachgewiesene
Aktion einer Organisation, deren AkvistInnen es bis Ende 2005 gelang,
unerkannt zu bleiben. Der Bund Oberland verteilte 2005
auch Flugblätter für ein Nein zur Ost-Personenfreizügigkeit!
und veranstaltete eine Kollekte für den Holocaust-Leugner Germar
Rudolf.
Nachdem Ende Juli ein Rechtsextremist einen Globalisierungsgegner
angeschossen hatte, veröffentlichte der Bund Oberland
eine Mitteilung, wonach er diesen Angriff verurteile, nicht aber
ohne einzuschränken, man sollte sich besser überlegen,
warum dies andere nicht tun. Zwei Bund Oberland-Aktivisten
einer nennt sich beoberland18(31), der andere
Wille publizieren in verschiedenen rechtsextremistischen
Foren antisemitische, Holocaust leugnende Beiträge. Gemäss
eigenen Aussagen ist der eine wohl 20-jährig, der andere einige
Jahre älter und Fourier der Schweizer Armee. (Diese Angaben
liessen sich noch nicht überprüfen.)
Der Bund Oberland versteht sich als Zusammenschluss von Nationalisten,
die sich über Jahre hinweg auf verschiedenen Gebieten der Politik
und der Geschichte spezialisiert hätten. Er fühle
sich keiner subkulturellen Szene zugehörig, sondern
wolle mit seiner Agitation eine Volksbewegung ins Leben rufen,
die den Fall des gegenwärtigen Systems zum Ziel hat. Der Bund
Oberland lehnt daher eine Zusammenarbeit mit subkulturellen Szenen
nicht grundsätzlich ab; diese Zusammenarbeit müsste aber
eindeutig darauf ausgerichtet sein, die Ziele des Bund Oberland
mit aller Konsequenz durchzusetzen. Der BO grenzt sich damit
von den Naziskins ab.
Die Projekte Schulhof/Schoolyard
Mitte September 2005 tauchten auf einigen Schulhausplätzen,
insbesondere des Kantons Aargau, einige CDs auf, die Lieder mit
rechtsextremistischem Inhalt enthielten. (32)Damit hatte ein Wahlkampf-Projekt
der rechtsextremistischen Nationaldemokratischen Partei Deutschland
(NPD) auch Auswirkungen auf die Schweiz.
In der Schweiz vertrieb unter anderem der Bund Oberland (33) die
Tonträger, er rühmte sich auf seiner Homepage, rund fünfhundert
Exemplare unter die Leute gebracht zu haben. Noch zu Jahresende
2005 konnten Interessierte von der BO-Homepage alle deutsch- und
englischsprachigen Lieder herunterladen, beispielsweise auch den
rüde antisemitischen Titel 99 Luftballons der Gruppe
Volkszorn. Die Gruppe singt von 99 Judenschweinen
und ihr Lied endet: 99 Jahre Krieg ließen keinen Platz
für Juden. Judenschweine gibts nicht mehr und auch keine
Türken mehr. Heute zieh ich meine Runden, ich seh die Welt
in Trümmern liegen. Ich hab nen Judenkopf gefunden, ich tret
noch mal rein und lass ihn fliegen. Seit Anfang 2006 sind
diese Lieder auf der BO-Homepage verschwunden.
(31) Die Ziffer 18 im Namen beoberland18 steht für Adolf Hitler.
AH=18, A ist erster, H achter Buchstabe des Alphabets
(32) Siehe Eintrag, Reinach AG, Unterkulm AG, Oberentfelden AG,
Fahrwangen AG, Mitte September 2005
(33) Siehe Abschnitt Bund Oberland, weiter unten
Gaston Armand Amaudriz Courrier
du continent
Der Altfaschist Gaston Armand Amaudruz ist inzwischen 85-jährig,
doch er publiziert weiterhin regelmässig sein hektografiertes
zwölfseitiges Blättchen Courrier du continent.
Der Inhalt bleibt seit Jahren gleich, in einem ersten Teil Bloc-Notes
veröffentlicht Amaudruz Zitate aus Zeitungen, gelegentlich
mit hämischen Kommentaren versehen. Die Bloc-Notes
vermitteln jedoch auch Hinweise (samt Bezugsadressangaben) auf neu
erschienene rechtsextremistische Hefte und Bücher und leisten
daher Vernetzungsarbeit. Dazu kommen regelmässige Rubriken
wie Kriminalität oder Maulkorb-Artikel
- wie Amaudruz die Rassismus-Strafnorm zu nennen beliebt. Dazu kommen
Texte seiner Mitarbeiter Giuseppe Patanè, Willi Märki
und Eduardo Longo. Die letzte Seite bestreitet Amaudruz mit einem
Leitartikel, in dem er seine rassistischen, antisemitischen und
Holocaust leugnenden Auffassungen verbreitet. Mehrere dieser Kommentare
haben Amaudruz vor einigen Jahren einen längeren Gefängnisaufenthalt
eingetragen.
Courrier du continent erschien erstmals 1946, seit
rund fünfzig Jahren wird sie nun vom Lausanner Altfaschisten
Gaston-Armand Amaudruz herausgeben, geschrieben und redigiert. Während
Jahrzehnten war das hektografierte Blättchen das offizielle
Organ der NOE, einer rassistischen Kleinorganisation, zu deren wichtigsten
Exponenten Amaudruz selbst gehörte(34). Es erscheint heute
in einer Auflage von mehreren hundert Exemplaren.
(34) Hans Stutz, Adolf Hitler tat sein Möglichstes,
Die Weltwoche, 30. März 2000
Claude und Mariette Paschouds Le pamphlet
In der Spezialnummer zu ihrem 35jährigen Erscheinen
frohlocken die Verantwortlichen des Blättchens Le pamphlet,
vor fünf Jahren seien sie vor dem Aus gewesen, aber nun sähen
sie wieder mit Optimismus in die Zukunft. (35)Zehn Nummern veröffentlichte
das Waadtländer Ehepaar Mariette und Claude Paschoud im Jahr
2005. Die Autoren neben den Paschouds noch Michel de Preux,
Gérald Berruex und andere - verbreiten einerseits rechtsbürgerliche
Gesinnungsartikel, beispielsweise für die Sonntagsarbeit in
Bahnhofsgeschäften (Referendumsabstimmung vom 26. November)
und gegen den Cannabis-Konsum. Sie äussern auch ihre Abneigung
gegen Homosexuelle, insbesondere aber verbreiten sie auch antisemitische
Anspielungen und diskret vorgetragene Unterstützung für
Holocaust-Leugner und hetzen gegen Muslime. Daneben lässt das
Ehepaar Paschoud die Welt auch wissen, dass ihr Sohn Michel geheiratet
und sie bereits einige Wochen später zum dritten Mal Grosseltern
geworden sind. (36)
Einmal überrascht das Heft des ehemaligen Chefs der juristischen
Abteilung der Waadtländer Fremdenpolizei: Es wehrt sich für
die von der Ausweisung bedrohten abgewiesenen Waadtländer AsylbewerberInnen,
die seit über zehn Jahren in der Schweiz leben. (37)Sonst aber
ist das Blättchen unerfreulich, auch dann, wenn Claude Paschoud
schreibt, dass er Christoph Blocher nicht besonders schätzt,
denn dieser habe vor zehn Jahren nicht die Rassismus-Strafnorm bekämpft
und dann auch noch Holocaust-Leugner aus der Aktion für eine
unabhängige und neutrale Schweiz (AUNS) ausgeschlossen. (38)Wohlwollend
berichtet Le pamphlet über eine kleine Kundgebung
in Paris für die inhaftierten Holocaust-Leugner Ernst Zündel,
René-Louis Berclaz und Siegfried Verbeke. Die drei seien
im Knast wegen Knebel-Gesetzen (des lois-bâillons)(39).
Mit einer antisemitischen Anspielung endet Claude Paschoud einen
Text über ein Verfahren wegen Leugnung des türkischen
Völkermordes an den ArmenierInnen, in dem er sich über
ein Schuldeingeständnis der türkischen Regierung mokiert:
Der beabsichtigte Beitritt zur Europäischen Union (EU) und
die starken ökonomischen Interessen seien es eben wert, dass
man die Hosen herunterlasse und sich seinen Hintern peitschen lasse,
wie dies früher Deutschland für Israel und die Schweizer
Bankiers für die jüdischen Gangsters der Ostküste
der Vereinigten Staaten getan hätten. (40)Grobschlächtiger
ist Paschouds Muslimfeindschaft. Den Propheten Mohammed bezeichnet
er als diesen berühmten Analphabeten aus dem siebten
Jahrhundert und dessen Lehre als intellektuelles Gift
(poison intellectuel)(41). Und weiter schreibt er: Der Koran
nährt den Extremismus, und selbst der friedliche Islam predigt
Prinzipien, die unsere Gesellschaften verdammen (Sklaverei, Körperstrafen,
Ungleichheit der Geschlechter, religiöse Diskriminierung).
Paschoud macht damit auch deutlich, dass die Muslimfeindschaft in
der Schweiz ungehemmter vorgetragen werden kann.
Le pamphlet, gegründet von Claude Paschoud, erscheint
seit 1970, also seit 35 Jahren. Grössere öffentliche Beachtung
erntete das Blättchen, das auch schon eine Auflage von 2'000
Exemplaren erreichte, durch einen Auftritt von Mariette Paschoud.
Die (damalige) Mittelschullehrerin trat 1986 in Paris an einer Pressekonferenz
des Holocaust-Leugners Henri Roques auf und äusserte Zweifel
an der Existenz der Vergasungskammern in Konzentrationslagern.
Sie wäre 1991 beinahe noch zum Major des Militärischen
Frauendienstes befördert worden, nur heftiger publizistischer
und politischer Protest verhinderte den Karrieresprung. Ein von
Mariette Paschoud angestrengter Ehrverletzungsprozess gegen einen
Redaktor des Bieler Tagblattes führte zu einem
fatalen Eigentor für die Holocaust-Leugner. Das Bundesgericht
hielt nämlich in einem bis heute gültigen Grundsatzurteil
fest: Die Forderung nach einem einzigen Beweis für die
Existenz von Gaskammern ist indessen angesichts des vorhandenen
Beweismaterials derart absurd, dass sich, auch wenn andere Motive
theoretisch immer denkbar sind, der Schluss auf eine Sympathie zum
nationalsozialistischen Regime in einem Masse aufdrängt, welches
für das Gelingen des Wahrheitsbeweises ausreicht, zumal der
Schluss aus äusseren Umständen (Handlungen, Äusserungen)
auf innere Tatsachen (Absichten, Motive) naturgemäss kein naturwissenschaftlich
exakter sein kann. (42)In den vergangenen Jahren beklagte
Le pamphlet mehrmals sinkende AbonnentInnen-Zahlen.
Seit einigen Jahren ist das Blättchen auch im Internet vertreten,
mit eine Reaktion auf die sinkenden AbonnentInnen-Zahlen.
(35) Le pamphlet, No. 350, Editorial
(36) Le pamphlet, No. 347, Carnet rose
(37) Le pamphlet, No. 346, Bricoles. Chiens, chats et réfugiés
(38) Le pamphlet, No. 346, Editorial
(39) Le pamphlet, No. 348, Trop dhonneur!
(40) Le pamphlet, No. 347, Génocides
(41) Le pamphlet, No. 346, Encore Hani Ramadan!
(42) BGE 121 IV 76
Recht+Freiheit, Ernst Indlekofer
Wer noch des Denkens fähig sei, stelle fest, so behauptet
Ernst Indlekofer, dass das stets laute Geschrei gegen Rechtsextremismus
bloss von den wahren Übeltätern ablenken (43)solle.
Und wer das ist, das weiss der Basler Recht+Freiheit-Redaktor,
verurteilt wegen Holocoust-Leugnung(44), seit langem: die Juden
und die Freimaurer. Zu den wiederkehrenden Themen gehören Angriffe
auf die Rassismus-Strafnorm, die Bestreitung der deutschen Verantwortung
für die Auslösung des Zweiten Weltkrieges wie auch wohlwollende
Berichterstattung über Holocaust-Leugner. Aufsehen erreichte
Indlekofer im September, als er im Abstimmungskampf um die Referendums-Abstimmung
zur Ost-Personenfreizügigkeit ein grosses Inserat mit der Überschrift
Mama, warum hat Papa keine Arbeit mehr? in mehreren
Tageszeitungen publizieren und auch bezahlen konnte. (45) Offiziell
wird Recht+Freiheit von einem Presseclub Schweiz
herausgeben, doch de facto ist der Basler Ernst Indlekofer(46),
inzwischen über 60jährig, weitgehend allein verantwortlich
für das Heft, das pro Ausgabe meist sechs bis zehn Seiten umfasst.
Im Jahr 2005 sind insgesamt fünf Nummern erschienen. Zu den
Autoren zählten Max Disteli, Olten; Fritz Schenkin, Frauenfeld;
Theo Häusermann, Basel; aber auch einzelne SVP-Exponenten,
so Josef Huber, Obernau, ehemaliger SVP-Grossrat. (47)Der Presseclub
Schweiz hielt seine Generalversammlung Ende August 2005 an
einem unbekannten Ort ab, wie in den vergangenen Jahren hatten Mitglieder
vorher eine persönliche Eintrittskarte anfordern müssen.
(48)
(43) Recht+Freiheit, 2/2005, Mai 2005, Editorial
(44) Siehe Bundgerichtsentscheid 6P.132/1999. Oder auch Datenbank
der Entscheide und Urteile zu Art. 261bis StGB der Eidgenössischen
Kommission gegen Rassismus, dort Entscheide 1997-18, 1999-12, 2000-10,
2000-30
(45) Recht+Freiheit, 5/2005, November 2005, Dankeschön (
46) Zu Person und Wirken von Ernst Indlekofer siehe: Jürg Frischknecht,
Politischer Hardcore, Klartext 2/1998
(47) Recht + Freiheit, 2/2005, Mai 2005, Ein Land, das seine Grenzen
auflöst, löst sich selber auf! (48) Recht+Freiheit, 3/2005,
August 2005, Impressum
MIHAG Militärhistorische Arbeitsgemeinschaft
In der April-Nummer der deutschen Zeitschrift Der Freiwillige,
der Publikation der Ehemaligen der Waffen-SS, veröffentlichte
die Militärhistorische Arbeitsgemeinschaft Schweiz MIHAG einen
Nachruf auf Franz Riedweg, ehemals Obersturmbannführer der
Waffen-SS. Die Abschiedsworte, die die MIHAG für Riedweg findet,
entlarven zugleich ihr politisches Credo: "Wir, die alten und
jungen Kameraden, verlieren mit ihm einen der letzten grossen Kämpfer
um ein Europa der Vaterländer." Der Nachruf endet mit
der Anspielung auf einen bekannten Wahlspruch von Hitlers Mordtruppe,
die sich als Elite eines nationalsozialistischen Europas sah: "Seine
Ehre hiess Treue - zum nationalen Europa." (49)Bereits einen
Monat später verbreitete MIHAG einen weiteren Nachruf, diesmal
für Kurt Brüderlin, einst Berner Fröntler, später
Obersturmführer der Waffen-SS. (50)MIHAG Schweiz veröffentlichte
2002 Brüderlins Erinnerungen Einsichten und Ansichten
eines Schweizer Freiwilligen unter dem Pseudonym Konrad Bergmann.(51)
Sein Erlebnisbericht ist ein nazi-apologetischer Erguss.
Die MIHAG Schweiz wurde Mitte der 90er Jahre gegründet und
ist über eine Postfachadresse im Berner Vorortsdorf Hinterkappelen
erreichbar. Sie schottet sich von der Öffentlichkeit ab. Unklar
ist, wie viele Mitglieder die MIHAG überhaupt hat. Erwiesen
ist jedoch, dass einer ihrer Exponenten, der Berner Bäcker-Konditor
Stefan Kernen, regelmässig an Kameradschaftstreffen
von Ehemaligen der Waffen-SS teilnimmt und dort als Schweizer
Kamerad oder eidgenössischer Freund bezeichnet
wird. (52)
(49) SonntagsZeitung, 24. April 2005
(50) Der Freiwillige, 5/2005, Mai 2005
(51) Konrad Bergmann, Einsichten und Ansichten eines Schweizer Freiwilligen.
Bericht eines Schweizer Kriegsfreiwilligen der Waffen-SS.
(52) SonntagsZeitung, 24. April 2005, gestützt auf Berichten
in Der Freiwillige.
Politische Organisationen
In den vergangenen Jahren haben Rechtsextremisten auch versucht,
politische Parteien aufzubauen, mit dem Ziel sich auch an den Wahlen
zu beteiligen. Diese Projekte wie beispielsweise David Mulas
Nationale Partei der Schweiz (NPS) sind meistens bald gescheitert.
Ausnahme ist die Partei National Orientierter Schweizer (PNOS),
die inzwischen gefestigte Strukturen aufgebaut hat. Keine politischen
Aktivitäten entfaltete 2005 der Basler Eric Weber, der sich
mit seiner "Volksaktion gegen zuviele Ausländer und Asylanten
noch 2003 an den Nationalratswahlen und 2004 auf der Listen der
Schweizer Demokraten (SD) an den baselstädtischen Grossratswahlen
beteiligt hatte. Er hatte bei diesen letzten Wahlen Wahlcouverts
gekauft und war dabei erwischt worden. Eric Weber hat eine lange
Karriere im rechtsextremistischen Milieu hinter sich. 1986 wurde
er auf der Liste der Nationalen Aktion in den Grossen
Rat gewählt, wo er bald durch seine flegelhaften Auftritte
auffiel. Nach seinem Ausscheiden aus dem Grossen Rat übersiedelte
er für mehrere Jahre nach Deutschland, wo er als Journalist
zu arbeiten versuchte. Er war bereits Anfang der 90er Jahre wegen
Urkundenfälschung bei Wahlen verurteilt worden. (53)
(53) Siehe Jürg Frischknecht, Schweiz wir kommen,
Zürich 1991, S. 115f
Partei National Orientierter Schweizer (PNOS)
Ende Dezember kündigte die Partei National Orientierter Schweizer
(PNOS) an, sie werde sich an den Berner Grossratswahlen mit zwei
Kandidaten beteiligen, nämlich mit Dominik Lüthard, Musiker
der rechtsextremistischen Band Indiziert(54), und Tobias
Hirschi, bereits Stadtparlamentarier in Langenthal. Die Kleinpartei
hat in den vergangenen zwei Jahren bereits zwei Wahlerfolge erzielt;
im Oktober 2004 wurde Tobias Hirschi allerdings bei sehr
schwacher Wahlbeteiligung in das Langenthaler Gemeindeparlament
gewählt, im Frühjahr wurde Dominic Bannholzer in die Exekutive
der kleinen Solothurner Gemeinde Günsberg bestellt. Sie sind
seit Ende des Zweiten Weltkriegs die ersten Rechtsextremisten,
die auf rechtsextremistischen Listen gewählt wurden. Nur sehr
bescheidene 0.13 Prozent Wählerstimmen hatte noch Ralph Aschwanden
bei den Nationalratswahlen 2003 im Kanton Aargau erhalten.
Die PNOS betreibt auch einen Weltnetzladen, postalisch
erreichbar über eine Postfachadresse in Interlaken. Das Angebot
ist allerdings verhältnismässig klein, eine PNOS-Fahne,
ein PNOS-Abzeichen, noch vorhandene Archivnummern der Parteizeitschrift
Zeitgeist, weiter acht Buchtitel, darunter ein Buch
des SVP-Nationalrates Luzi Stamm neben einer Broschüre des
Westschweizer Holocaust-Leugners Philipp Brennenstuhl und Friedrich
Schillers Wilhelm Tell. Die Partei vertrieb Ende 2005
auch den Taschenkalender des nationalen Widerstandes 2006,
in dem sich vor allem auch Porträts von Exponenten des Dritten
Reiches fanden.
Die PNOS wurde Anfang September 2000 in Liestal gegründet.
Erster Präsident war Sacha Kunz, vorher Mitglied der rassistischen
Blood and Honour Skinheads, Vizepräsident war Jonas Gysin.
In ihrem ersten Parteiprogramm fordert die PNOS unter anderem, Ausländer
aus dem Sozialversicherungswesen auszugliedern, und
Kindergelder dürften nur an Schweizer Familien ausgezahlt
werden. Ein später veröffentlichtes 20-Punkte
Programm enthält auch direkte Anklänge an das Programm
der einstigen NSDAP, so bei der Frage der Staatsangehörigkeit:
Staatsangehöriger könne, so die PNOS-Forderung, nur derjenige
sein, der dem Volk angehört oder der ihm durch Abstammung
und Kulturverwandtschaft so nahe stehe, dass er sich einfügen
könne. Die PNOS wolle ein europäisches Europa
und die zügige Rückführung kulturfremder Ausländer
in ihre Heimat. Weiter fordert die Partei die Abschaffung
der Rassismus-Strafnorm, insbesondere auch wegen der Holocaust-Leugner.
Die Partei will ebenso die Parteienwirtschaft beseitigen,eine
Verstaatlichung der Medien und Familienförderung nur für
Einheimische, also Schweizer Staatsangehörige. Im Frühjahr
2005 verurteilte das Bezirksamt Aarau den damaligen PNOS-Präsidenten
Jonas Gysin und drei weitere Vorstandsmitglieder wegen Widerhandlung
gegen die Rassismus-Strafnorm zu Bussen, da das PNOS-Parteiprogramm
eine kollektive Schmähung der Ausländer enthalte.
(55)Die Verurteilten appellierten an die nächste Instanz. Einen
Monat später trat Jonas Gysin von seinem Amt zurück, seither
ist ein fünfköpfiger Vorstand für die Partei verantwortlich:
Dominic Bannholzer (Mediensprecher), Denise Friederich, André
Gauch, Michael Haldimann und Adrian Spring.
Ende 2005 verfügte die PNOS über Sektionen in den Kantonen
Aargau, Bern, Freiburg und Solothurn und eine Ortssektion in Langenthal.
In einem Interview behauptete die PNOS-Mediensprecherin Denise Friedrich,
die Partei habe mehrere hundert Mitglieder(56). Diese Angaben lassen
sich nicht überprüfen. Wie schnell die PNOS weitere Kantonalsektionen
aufbauen wird, lässt sich nicht zuverlässig sagen. Interviewt
für ein rechtsextremistisches Forum erklärte PNOS-Langenthal-Exponent
Stephan Wüthrich Ende 2005: In der Innerschweiz haben
wir bereits potenzielle Personen, sowie in Zürich, es fehlt
nur noch am Feinschliff. In nächster Zeit wird das aber nicht
unser Hauptthema sein, da die Grossratswahlen wichtiger sein werden.
Fazit: Der PNOS ist es innerhalb von fünf Jahren gelungen,
konstante Strukturen aufzubauen, trotz relativ häufigen Personalwechsels
an der Spitze. Weiter gelingt es der PNOS inzwischen, auch bei lokalen
und kantonalen Wahlen Kandidaten aufzustellen. Damit ist es einer
rechtsextremistischen Partei erstmals seit Ende des Zweiten
Weltkrieges gelungen, für einige Zeit konstant an der
institutionalisierten Politik teilzunehmen. Sie strebt einen Eidgenössischen
Sozialismus an, der nicht expansionistisch sei, wirtschaftlich
und völkisch jedoch grosse Analogien mit dem Nationalsozialismus
und dem italienischen Faschismus aufweise. (57)
(54) Siehe Kapitel Musikgruppen, Abschnitt Indiziert
(55) Aargauer Zeitung, 19. Juli 2005, PNOS wegen Rassendiskriminierung
verurteilt
(56) Die Weltwoche, 22. Dezember 2005
(57) Michael Haldimann, Jedem sein Sozialismus, Zeitgeist, August
2005, S. 11
Rechtsextremistische Vorgesetzte in der
Armee
Sichtlich aufgebracht verliess am 1. August der Redner Samuel Schmid,
Bundespräsident und Chef des Departements für Verteidigung,
Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) das Rütli. Kurz darauf
liess das VBS verlauten, es suche in seinen eigenen Reihen nach
Rechtsextremisten und verhänge allenfalls Sanktionen: Leute
mit rechtsradikaler Gesinnung haben im Militär definitiv nichts
zu suchen(58). Die Fachstelle für Extremismus in der
Armee überprüfe namentlich bekannte Rechtsextreme bezüglich
ihrer Dienstpflicht, Einteilung und ihres militärischen Grads.
Abgeklärt werde, ob Rechtsradikale Militärdienst leisten,
ob es darunter Kaderleute gibt und ob dadurch ein Sicherheitsrisiko
besteht. Die Armee will nicht, dass Leute mit einer solchen
Gesinnung befördert werden, eine Kaderposition einnehmen und
so ihre Denkhaltung weiterverbreiten können, sagte Sievert,
Sprecher im VBS. Findet die Fachstelle Leute, die ein Sicherheitsrisiko
darstellen, wird gehandelt. Die Armee teile die Person in einen
nicht sensiblen Bereich um oder schliesse sie aus der Armee aus.
Der Ankündigung folgten keine Taten, sondern ein Widerruf.
Anfang Dezember erklärte VBS-Chef Samuel Schmid vor dem Nationalrat:
Ein Ausschluss von der Militärdienstleistung wegen extremistischer
Tätigkeiten im zivilen Bereich ist nicht möglich, weil
dafür nicht nur die gesetzlichen Grundlagen, sondern derzeit
auch die Abgrenzungskriterien fehlen. (59)Anlass für
die Intervention des Luzerner SP-Nationlrates Hans Widmer waren
Medienberichte, wonach mehrere Rechtsextremisten in der Armee Karriere
als Unteroffizier oder Offizier gemacht hatten(60), auch solche,
die rechtskräftig wegen des Angriffes auf missliebige Personen
verurteilt worden waren.
Jedoch auch die Schweizer Armee ist vielgestaltig, Militärdienst
leisten Männer und Frauen, die in verschiedenen religiösen
Traditionszusammenhängen leben, die unterschiedliche Hautfarben
haben und die unterschiedliche sexuelle Präferenzen leben.
Sie alle sollten auch in der Armee - die Gewissheit haben
können, dass sie nicht wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder
sexueller Präferenz gemobbt, schikaniert oder diskriminiert
werden. Rechtsextremistische Unteroffiziere und Offiziere bieten
dafür keine Gewähr.
Dies ist offensichtlich noch nicht der Fall. Mitte August 2005
liessen in der Grenadier-Rekrutenschule Isone zwei Unteroffiziere
und zwei Rekruten auf einem Marsch Sprüche wie Man sollte
alle Juden vergasen und Neger umbringen fallen(61). Die vier
Armeeangehörigen waren auch dadurch aufgefallen, dass sie sich
mit Hitlergruss begrüssten. Elf Rekruten beschwerten sich beim
Schulkommandanten, der die vier sofort nach Hause schickte und eine
Untersuchung anordnete. So weit, so gut! Doch der Untersuchungsrichter
wollte in den Sprüchen keine Verletzung der Rassismus-Strafnorm
sehen, da sie im privaten Rahmen einer Kompanie gefallen seien.
Marcel Alexander Niggli, Verfasser des juristischen Kommentars zur
Rassismus-Strafnorm, erachtete diesen Entscheid als schlichtweg
falsch. Der zuständige Schulkommandant folgte dem
Antrag des Untersuchungsrichters zwar nicht und ordnete eine Untersuchung
an, nichtsdestotrotz ist der Entscheid symptomatisch für den
Umgang der Armee mit den Rechtsextremisten.
(58) Berichte dazu in: Blick, 13. August 2005, SonntagsZeitung,
14. August 2005, NZZ, 15. August 2005 Zitat aus: Aargauer Zeitung,
15. August 2005
(59) Amtliches Protokoll, Nationalrat, Fragestunde vom 5. Dezember
2005
(60) Jürg Frischknecht, Schlagt die Roten, Die
WochenZeitung WOZ, 1. September 2005, Hans Stutz, Neonazi macht
Karriere in Armee, SonntagsZeitung, 18. September 2005 und Neonazis
dürfen Offiziere bleiben, SonntagsZeitung, 6. November 2005.
(61) Siehe Eintrag, Isone TI, 18. August 2005
Ausserparlamentarische Opposition (NAPO)
Die Nationale Ausserparlamentarische Opposition (NAPO) trat 2005
nur mit zwei Kundgebungen in Erscheinung, zuerst in Schaffhausen,
dann in Aarau. Am Samstagabend, 12. März 2005 marschierten
zuerst von der Öffentlichkeit kaum bemerkt rund
150 Rechtsextremisten in Schaffhausen durch die leeren Strassen.
NAPO-Inspirator Bernhard Schaub hielt eine Rede, die KundgebungsteilnehmerInnen
verteilten an die wenigen PassantInnen ein Flugblatt. Es behauptet,
dass in der Schweiz nicht das Volk herrsche, sondern - wie überall
in der westlichen Welt - "eine Clique der internationalen Geldmafia".
Und weiter: "Diese internationalen Verbrecher des staatenlosen
Kapitals haben zwei Weltkriege gegen Deutschland geführt und
dann auf den Ruinen Europas ihre Weltherrschaft aufgebaut".
Sie seien sowohl "die Herren des Kapitalismus" als auch
des Kommunismus und würden die "wahre Fremdherrschaft"
bilden.
Am 30. April folgten rund 50 Rechtsextremisten einem nur
intern verbreiteten - NAPO-Aufruf für eine überraschende
Kundgebung zum Tag der Arbeit(62). Redner Schaub erging sich in
antisemitischer Hetze. Die Aargauer Kantonspolizei unterband die
Hetze nicht, eröffnete aber im Nachhinein ein Strafverfahren
wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm.
Die NAPO trat erstmals Anfang 2003 in Erscheinung. Gemäss
ihrem Aktionsprogramm ist das Ziel von NAPO-Aktionen
die Störung der Medienherrschaft in unserem politischen
System und die Vorbereitung eines Machtwechsels innerhalb der Schweiz
im Sinne der Volksstaats-Idee. Das heisst unter anderem die
Ausweisung von EinwohnerInnen nichteuropäischer Herkunft, denn
die NAPO betrachtet Kulturfremde und Fremdrassige in unserem
Land und in Europa als Zivilbesatzer. Und weiter: Wir
treten ein für die Rückführung der Fremdrassigen
und Kulturfremden. Und zu ihren Visionen zählt
die NAPO kinderreiche weisse Familien. Rassistischer
Klartext also. In den Jahren 2003 und 2004 produzierte sie noch
mehrere Flugblätter, die an verschiedenen Orten in der Deutschschweiz
mit sehr beschränkter Beobachtung - verteilt wurden.
(62) Siehe Eintrag Aarau, 20. April 2005
Holocaust-Leugner
Holocaust-LeugnerInnen bestreiten drei offensichtliche historische
Tatsachen: erstens, dass es einen Plan zur Ermordung der europäischen
Juden gegeben habe; zweitens, dass Gaskammern zur Ermordung der
Opfer gebaut worden seien; und drittens, dass die Zahl der durch
die nationalsozialistische Judenverfolgung umgekommenen Jüdinnen
und Juden annährend sechs Millionen betrage. Im Jahr 2005 hat
die Internationale der Holocaust-Leugner einen offensichtlichen
Rückschlag erlebt. Exponenten wie der Franzose Robert Faurisson
hatten zwar bereits seit mehreren Jahren die Krise der Holocaust-Leugner-Szene
beklagt(63), doch im Spätherbst 2005 wurde auch noch ein massgeblicher
Teil ihrer Infrastruktur lahm gelegt: Durch die Verhaftung und Auslieferung
von Germar Rudolf wurde der grösste und zweisprachig publizierende
Verlag inaktiv, ebenso die wichtigste, sowohl deutsch wie englisch
erscheinende Szene-Zeitschrift und die materialreichste Internet-Homepage.
Zwar werden Äusserungen iranischer Politiker wie jene
des neu gewählten Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad
gerne zitiert, allerdings sind sie noch kein Beleg für eine
verstärkte Zusammenarbeit von Holocaust-Leugnern und Islamisten.
Anfang der 90er Jahre traten auch die ersten Schweizer Holocaust-Leugner
an die Öffentlichkeit. Während des Referendumskampfes
um die Einführung der Rassismus-Strafnorm organisierten sich
die vier Hauptexponenten Jürgen Graf, Arthur Vogt, Andres J.
Studer und Bernhard Schaub, zuerst in der Arbeitsgemeinschaft
zur Enttabuisierung der Zeitgeschichte (AEZ), später
umbenannt in Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Zeitgeschichte
(AEZ). In der zweiten Hälfte der 90er Jahre reduzierte
die AEZ ihre Aktivitäten, woraufhin sich die Deutschschweizer
Holocaust-Leugner mit Westschweizer Gesinnungskameraden zur Vereinigung
Vérité et Justice zusammentaten. (64)
(63) Siehe beispielsweise Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung,
4/2004, S. 97-101
(64) Eine ausführliche Darstellung der Aktivitäten dieser
Epoche findet sich in Peter Niggli/Jürg Frischknecht, Rechte
Seilschaften, Zürich 1998, S. 653-701
Vérité et Justice
In der Dezember-Ausgabe 2005 veröffentlichte Gaston Armand
Amaudruz Courrier du continent eine Mitteilung
des Vereins Vérité et Justice(65), wonach
deren Generalsekretär René-Louis Berclaz nach 344 Tagen
nun aus dem Gefängnis entlassen worden sei. Berclaz führt
die Rassismus-Strafnorm und damit auch seine Haft auf Informationskontrolle
zurück, alles so Berclaz gemäss den Weisungen
der Protokolle der Weisen von Zion.
Fakt ist: Der Verein Vérité et Justice
konnte im Jahr 2005 erstmals keine nennenswerten Aktivitäten
entfalten, nachdem er bereits im März 2002 vom Bezirksgericht
Veveyse in Châtel-Saint-Denis aufgelöst worden war. Ende
2005 verfügte Verité et Justice auch nicht
mehr über einen Auftritt im Weltnetz. Auch der einstige Verité
et Justice-Präsident Jürgen Graf ist nicht mehr
in der Schweiz aktiv. Er flüchtete vor einer 15-monatigen Gefängnisstrafe
und lebt heute in Russland. Allerdings hat ein Berclaz-Unterstützungskomitee
im Herbst 2005 angekündigt, dass es für den Frühling
2006 die Publizierung eines Buches mit bereits veröffentlichten
und einigen unpublizierten Artikeln plane, und dafür um Spenden
gebeten. (66)
(65) Courrier du continent, No. 476, Décembre 2005, Seite
9
(66) Courrier du continent, No. 475, November 2005, Seite 5
Bernhard Schaub
Auch Schaubs neuestes Projekt scheint politisch motiviert. In Dornach,
dem Zentrum der anthroposophischen Bewegung, hat er ein Zentrum
für Nordische Gymnastik aufgezogen. Nordisch heisse
sie, weil sie dem Bewegungstyp des mittel- und nordeuropäischen
Menschen entspreche. Sie stütze sich auf Graf Fritz von
Bothmer und Hinrich Melau. Von Bothmer war Anthroposoph, Hinrich
Melau ist Begründer einer Deutschen Gymnastik,
die im Dritten Reich besonders beim Bund Deutscher Mädchen
verbreitet war.
In der Schweiz hatte Schaub 2005 nur wenige Auftritte, die von
ihm begründete Nationale Ausserparlamentarische Opposition
(NAPO) trat nur zweimal in Erscheinung (67) Sowohl in Schaffhausen
wie in Aarau war Schaub jeweils der Redner. Anders als in den Vorjahren
hielt Schaub 2005 an der rechtsextremistischen 1.August-Kundgebung
in Brunnen keine Megafon-Ansprache. Gemäss Augenzeugen war
er zwar in Brunnen anwesend. Aktiv war Schaub aber wieder in Deutschland,
mehrmals trat er dabei mit dem Holocaust-Leugner Horst Mahler auf,
beispielsweise Ende Februar 2005 im Collegium Humanum
im norddeutschen Vlotho, wo die beiden zum Thema Das Deutsche
Reich als das Reich der Freiheit oder Die Zukunft der Demokratie
ist ihr Untergang referierten, offenbar im Bestreben des Aufbaus
einer Reichsbewegung. Ebenfalls in Vlotho traten Schaub und Mahler
auch im November auf, an einer Tagung des Vereins zur Rehabilitierung
der wegen Bestreiten des Holocausts Verfolgten, dessen Präsident
Schaub seit der Gründung im November 2003 ist. Tage zuvor war
er zusammen mit rund 100 weiteren Rechtsextemisten
bei der Eröffnung des Prozesses gegen den Holocaust-Leugner
Ernst Zündel in Mannheim präsent. (68)Und Ende Oktober
2005 bestritt Schaub im thüringischen Mosbach bei Eisenach
zusammen mit Horst Mahler und Ursula Haverbeck ein Seminar der Reichsbewegung,
dessen Lernziel so ein Teilnehmer es gewesen
sei, den Distanzierungsreflex zu besiegen, der
auch in nationalen Kreisen üblich ist, wenn man auf Adolf Hitler
zu sprechen komme. Schaub habe dabei über den Volksgeist
gesprochen und dass Hölderlin den Genius der Deutschen,
den deutschen Volksgeist leidenschaftlich beschworen habe,
der dann rund zwölf Jahrzehnte später in Adolf Hitler
wie in einem Brennglas gebündelt Gestalt angenommen habe.
An seinem neuen Wohnort Dornach führt Schaub, der zur Zeit
der einzige Schweizer Rechtsextremist mit einer Ausstrahlung über
die Landesgrenzen hinaus ist, auch seinen Verlag WotansWort
weiter, obwohl der entsprechende Verweis auf der NAPO-Weltnetzseite
seit längerem nicht mehr aktiv ist. Schaub hat 2005 als Privatdruck
für den Freundeskreis einen Teilnachdruck des hitlerapologetischen
Buches Gold im Schmelztiegel. Eine Huldigung an Deutschland
von Savitri Devi Mukherji herausgegeben. Diese Vertreterin eines
esoterischen Hitlerismus schreibt darin, dass es im Dritten Reich
niemals Gaskammern gegeben habe, und bezeichnet die Aussagen von
KZ-Überlebenden als jüdische Lügen(69).
(67) Siehe Abschnitt Nationale Ausserparlamentarische Opposition
(NAPO), Seite ..
(68) Tachles, 18. November 2005, Der Wanderzirkus der Holocaust-Leugner
(69) Diese Inhaltsangabe stützt sich auf Eduard Gugenberger,
Franko Petri, Roman Schweidlenka. Weltverschwörungstheorien.
Die neue Gefahr von rechts. Wien/München, 1998. S. 152
Schweizer Rechtsextremisten im Internet
In der Schweiz verfügt die rechtsextremistische Szene nur
über wenige Medien, insbesondere wenige Printmedien. Doch seit
mehreren Jahren können sich im Internet einige Nachrichtenportale
halten, die mehr oder weniger regelmässig das aktuelle Geschehen
kommentieren und manchmal auch Medienmitteilungen rechtsextremistischer
Organisationen verbreiten. Unklar ist, wie weit diese Portale über
den engsten Kreis hinaus überhaupt beachtet werden.
Neben diesen Portalen existieren seit Jahren noch mehrere Foren,
wo meist erst nach vorheriger Einschreibung zugänglich
Angemeldete diskutieren. Ende 2005 waren unter anderem aktiv:
das Nationale Forum Schweiz auf der Site des Plattenvertriebs
White Revolution, das Hammerskin-Forum und das Forum
von Blood and Honour Schweiz, wo vor allem Westschweizer
aktiv sind.
Freie Stimme/Altermedia Schweiz
Mitte September 2005 liess das Nachrichtenportal Freie Stimme
verlauten, es stelle seine Tätigkeit weitgehend ein, und begründete
dies damit, dass sich die Politik oder zumindest das
Spiel, welches der demokratische Musterbürger zu sehen bekommt
(70) häufig nach dem immer gleichen Schema abspiele und
folglich die Motivation geschwunden sei. Zwei Monate später
liess eine nächste Meldung diese Aussage in einem anderen Licht
erscheinen: Vor einer Woche wurde das private Wohnzimmer der
Schriftleitung von Freie Stimme durch drei Polizeibeamte
durchsucht und dabei zwei Computer sowie mehrere Datenträger
und andere persönliche Unterlagen beschlagnahmt. Zeitgleich
fand bei einer weiteren Person, bei welcher die Polizei eine Mittäterschaft
bei Freie Stimme/Altermedia Schweiz vermutet, ebenfalls
eine Hausdurchsuchung statt. (71)
Das Strafverfahren ausgelöst hat eine Freie Stimme-Meldung
von Ende Mai, worin über die Eröffnung des Holocaust-Denkmals
in Berlin berichtet und vorgeschlagen wurde, dass dereinst
getreu dem Verursacherprinzip diejenigen Menschen,
welche dieses Denkmal zu verantworten haben, mit einem Hammer ausgerüstet
jeden einzelnen dieser 2711 Betonklötze derart verkleinert,
dass nur noch Staub übrig bleibt. Staub aus der vergangenen
Zeit Deutschlands und Europas grösster Erniedrigung.
Eine Privatperson erstattete daraufhin Strafanzeige wegen Widerhandlung
gegen die Rassismus-Strafnorm.
Freie Stimme veröffentlichte seit Mitte 2002 regelmässig
Kommentare zum Zeitgeschehen aus einer nazifreundlichen und rassistischen
Perspektive, gelegentlich mit antisemitischen Untertönen, gelegentlich
mit Andeutungen, die Sympathien für Holocaust-Leugner erkennen
liessen. Wenn auch die Aktivitäten des nationalkonservativen
Lagers von der Freien Stimme meist wohlwollend kommentiert
werden, so erntete doch Bundesrat Christoph Blocher Kritik für
seine Migrationspolitik: Er betreibe wie seine Partei SVP
übrigens ein Doppelspiel, denn er habe immer
wieder erklärt, dass die Schweiz Ausländer und Einwanderung
brauche. Im Klartext: In der Ausländerpolitik sind Blocher
und SVP zumindest für die Freie Stimme
nicht konsequent genug.
(70) Meldung von Die Freie Stimme, vom 15. Oktober 2005
(71) Meldung von Die Freie Stimme, vom 28. November 2005
Altermedia Suisse und Novopress
Suisse
Weiterhin aktiv ist der Westschweizer Ableger des Infoportals Altermedia.
Letzteres ist ein international aktives Infoportal und will World
Wide News for People of European Descent (Neuigkeiten aus
aller Welt für Menschen europäischer Herkunft) verbreiten.
Das Portal will die Stimme jener sein, die ihre Meinungsäusserungsfreiheit
nicht dem Politisch Korrekten opfern wollen, in concreto:
des ganzen rechtsextremistischen Spektrums von Nationalisten.Der
französischsprachige Schweizer Ableger vermittelt vor allem
Meldungen über Parteien von der SVP bis zur PNOS beziehungsweise
deren Exponenten. Allerdings beschränkte sich das Angebot im
Jahr 2005 weitgehend auf die Weiterverbreitung andernorts erschienener
Meldungen oder Texte. Ungeklärt ist, wer diesen Westschweizer
Ableger betreibt.
Neben Altermedia Suisse besteht noch ein zweites Westschweizer
Nachrichtenportal, nämlich Novopress Suisse.Auffällig
sind die wöchentlichen Kommentare eines Saint Martin.
Novopress Suisse steht der Bewegung des Identitaires
nahe und verbreitet auch die Mitteilungen der Identitaires
Romandie.
Musikgruppen
Musik spielt in allen Jugend-Subkulturen eine identitäts-
und wertstiftende Rolle, einerseits als Vermittlerin eines Lebensgefühls,
andererseits aber auch als Medium zur Verbreitung politischer Botschaften(72).
Konzerte dienen einerseits dem Szenen-Zusammenhalt, andererseits
auch der Verbreitung der politischen Botschaft insbesondere bei
Naziskin-Konzerten, da an diesen Veranstaltungen meist an entsprechenden
Ständen sowohl Tonträger und Bücher/Broschüren
wie weitere szenetypischen Artikel angeboten werden. Bis zum Grundsatzurteil
des Bundesgerichtes zu Rassismus-Strafnorm und Öffentlichkeit
(73) erachteten Polizei und Untersuchungsrichter Naziskin-Konzerte
als private Veranstaltungen, auch wenn über tausend Personen
anwesend waren und die Konzert-Ankündigungen ebenfalls Medienschaffenden
zugänglich waren.
In den vergangenen Jahren sind mehrere rechtsextremistische Schweizer
Bands an die Öffentlichkeit getreten, vor über zehn Jahren
bereits die Basler Gruppe Sturmtruppen Skinhead, später
die Ostschweizer Hammerskin-Band Erbarmungslos. Ebenfalls
aus der Hammerskin-Bewegung stammen Mitglieder der Luzerner Band
Dissens.2005 traten die Zürcher Gruppe Amok
und die Walliser Band Helvetica aktiv an Konzerten auf,.
Diese beiden Bands veröffentlichten noch keinen Tonträger,
im Gegensatz zur bekanntesten einschlägigen Schweizer Rechtsextremisten-Combo
Indiziert.
Ein
Konzert und seine Folgen
Zuerst
lief alles wie gehabt. Einige hundert Naziskins trafen sich zu einem
Gedenkkonzert für den verstorbenen Blood-and-Honour-Gründer
Jan Stuart. Die Walliser Kantonspolizei gab sich verantwortungsbewusst,
das Konzert sei zwar illegal, da nicht angemeldet gewesen. Sie habe
auch rund sechzig Personen kontrolliert, doch nichts Illegales festgestellt.
Im Übrigen sei es beim Veranstaltungsort sehr ruhig gewesen,
ausserhalb habe man vom Konzert nichts mitbekommen. (74)
Doch
zehn Tage später strahlte das Nachrichtenmagazin Rundschau
des Schweizer Fernsehen SF einen mit versteckter Kamera gedrehten
Film, der eklatante Widerhandlungen gegen die Rassismus-Straform
dokumentierte. (75)Die Zürcher Neonazi-Band Amok
sang unter anderem: Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig,
lasst die Messer flutschen in den Judenleib. Blut muss fliessen
knüppelhageldick und wir scheissen auf diese Judenrepublik.
Weiter zeigte der Film auch, dass an mehreren Verkaufsständen
einschlägige Tonträger und Bücher verkauft wurden.
Die Walliser Kantonspolizei eröffnet daraufhin Strafverfahren,
unter anderem wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm.
Fazit:
Der Rundschau-Beitrag machte publik, dass bei Naziskin-Konzerten
die Widerhandlungen gegen die Rassismus-Strafnorm im Konzertsaal
stattfinden. Da das Tatbestandsmerkmal Öffentlichkeit
gegeben ist, wird die Polizei in Zukunft einschlägige Konzerte
entweder verbieten oder im Innern überwachen müssen.
(72) Eine ausführliche und überaus materialreiche Darstellung
der rechtsextremistischen Rockmusik bieten Christian Dornbusch,
Jan Raabe (Hg.), RechtsRock Bestandsaufnahme und Gegenstrategien,
Hamburg/Münster, 2002.
(73) Bundesgerichtsurteil 6S.318/2003, publiziert als BGE 130 IV
111ff.
(74) Siehe beispielsweise Le Temps, 19. September 2005
(75) Siehe Eintrag, Brig VS, 17. September 2005
Indiziert
An einer NPD-Wahlveranstaltung in Bayern sind sie 2005 aufgetreten,
aber auch an einem Konzert der Blood and Honour-Sektion Österreich,
die vier Musiker der Oberaargauer Rechtsrockband Indiziert.
Über insgesamt sechs Auftritte berichten sie auf ihrer Homepage,
und auch davon, dass sie Ende 2005 zwecks Aufnahme einer neuen CD
ins Tonstudio gehen würden. Dabei haben sie die Probleme mit
ihrem ersten Tonträger Eidgenössischer Widerstand
noch nicht ausgestanden. Die Botschaft ist eindeutig rassistisch
inspiriert, wenn auch in holperigen Versen vermittelt: Für
eine reine, weisse Schweiz/Wir müssen kämpfen, und das
mit Fleiss/Eine starke Einheit müssen wir werden/sonst wird
unser Volk bald aussterben/Die Zeit ist gekommen jetzt sofort/Jagt
die fremde Brut wieder fort. (76)In Deutschland setzte die
Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien den
Indiziert-Tonträger auf den Index, weil die Liedtexte
teilweise zum Rassenhass aufrufen würden. (77)
Die Band Indiziert besteht aus den Brüdern Alex
und Cedric Rohrbach, Dominic Lüthard und Benjamin Lingg. Ende
2005 kündigte Dominic Lüthard an, dass er auf der Liste
der PNOS für den Grossen Rat des Kantons Bern kandidieren werde.
Der Tonträger Eidgenössischer Widerstand wurde
durch Ulfhednirs Records, mit Postadresse in Niederhasli ZH produziert
und auch vertrieben. Dieses Plattenlabel vertreibt sonst vorwiegend
NS-Heavy-Metal. Die Betreiber konnten bis anhin namentlich unbekannt
bleiben.
(76) Christoph Lenz, Rechtsrock: Hass, Hetze und griffige Akkorde,
Schaffhauser Nachrichten, 24. November 2005
(77) Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.
Entscheidung Nr. 7055 (V) vom 13. Oktober 2005
Dark-Wave und NS-Black Metal zwei Subkulturen
mit rechtsextremistischen Tendenzen
Am 11. Juni 2005 trafen sich in Ennenda, Kanton Glarus mehrere
hundert Rechtsextremisten zu einem Konzert. Es endete in einer Massenschlägerei,
die von der Polizei beendet wurde. Gemäss Eintragen in verschiedenen
rechtsextremistischen Foren waren sich Hammerskinheads einerseits
und Blood-and-Honour-Skins andererseits an die Glatzen geraten.
Das Konzert war als Helvetischer Klangsturm angekündigt
worden, veranstaltet von den MacherInnen der Ulfhednirs Records
im Zürcherischen Niederhasli. Es war in der Schweiz im Jahr
2005 das einzige grössere Konzert jenes Teil der Heavy-Metal-Szene,
die sich offen zum Nationalsozialismus bekennt. (78)
Auch in einem kleinen Teil der Dark Wave/Neofolk-Szene konnte sich
eine neofaschistisch orientierte Richtung festsetzen, und auch in
der Schweiz, vorwiegend in der Westschweiz, finden einschlägige
Konzerte statt. So trat Ende Oktober 2005 in Yverdon der Wiener
Gerhard Petak (alias Kadmon) als Allerseelen auf. Petak
gehört seit vielen Jahren zu den bekanntesten Exponenten des
neofaschistisch inspirierten Teils der Neofolk-Szene (79). Organisiert
wurde der Abend von der Vereinigung Soleil Noir, die
vom Lausanner Lars Kophal präsidiert wird. Auch in der Selbstdarstellung
von Soleil Noir wird die ambivalente Weltanschauung
deutlich, zuerst behauptet sie unpolitisch zu sein,
um dann allerdings auch festzuhalten, dass Soleil Noir
auf die wurzellose Moderne kotze, wie auch auf den geistlosen Materialismus
und den zerstörerischen Ultraliberalismus, die Arbeiterausbeutung
durch das internationale Finanzkapital, die planetweite Globaliserungs-Vereinheitlichung,
die grosse seichte Suppe des Multikulturalismus, die Amerikanisierung
wie auch die Dritt-Weltisierung. Sie seien Schweizer und Europäer,
und dies ohne Schande oder Schuld zu fühlen (80). Dieses pessimistische
und europazentrierte Kulturverständnis wird politisch verdeutlicht
durch lobende Erwähnungen des faschistischen Ideologen Julius
Evola. Ein grosser Teil der Dark Wave/Neofolk-Szene steht diesen
neofaschistisch-inspirierten Minderheit unkritisch gegenüber,
gelegentlich übernehmen auch unkritische Medienschaffende diese
Sichtweise. (81)
Für die Ostertage 2006 haben drei verschiedene Organisationen
darunter auch Soleil Noir ein zweitägiges
Festival in Yverdon angekündigt.
(78) Christian Dornbusch & Hans-Peter Killguss. Unheilige Allianzen.
Black Metal zwischen Satanismus, Heidentum und Neonazismus. Hamburg/Münster
2005.
(79) Einen Überblick über diese Entwicklung bietet Andreas
Speit (Hg.). Ästethische Mobilmachung, Hamburg/Münster,
2002
(80) Im Orginalton: Nous vomissons la "modernité"
sans racines, le matérialisme sans âme, l'ultralibéralisme
destructeur, l'exploitation des travailleurs par le grand actionnariat
international, la globalisation-standardisation planétaire,
la grande soupe fade du multiculturalisme, l'américanisation
comme la tiers-mondisation. Accessoirement, nous sommes Suisses
et Européens et n'en ressentons ni honte ni culpabilité.
(81) Siehe beispielsweise Elisabetta Antonelli, Schwarz, aber herzlich.
Der Beobachter, 28. Oktober 2005
Buch- und Musikversände
Bis vor wenigen Jahren mussten Schweizer Rechtsextremisten sowohl
einschlägige Bücher wie Tonträger aus dem Ausland,
insbesondere aus Deutschland beziehen. Wenn auch heute noch vielfach
solche Materialien aus dem Ausland (vorwiegend Deutschland) bezogen
werden, so bestand zumindest bis in den Spätherbst 2005 ein
einschlägiger Schweizer Vertrieb.
White Revolution/Helvetia Versand
Bereits im Jahr 2004 hatte Sacha Kunz, vormals PNOS-Präsident,
mit dem Aufbau eines grösseren Werkes begonnen. White
Revolution sollte einerseits Plattenvertrieb wie auch -label
sein. (82) White Revolution Records wolle, so die Ankündigung
auf der Homepage, ein Schweizer Musik-Label seine, das sich
zum Ziel gemacht hat, in der Nationalendenkenden Musik Szene mitzumischen
(Orthografie im Original). Angegliedert sei dem Label das
Tonstudio Swastika Records, wo professionelle Musikproduktionen
realisiert werden.
Über die Internet-Site von White Revolution betreibt Kunz
auch das Nationale Forum Schweiz, das vor allem in Sommer
2005 rege benutzt wurde, insbesondere auch zur Mobilisierung für
den rechtsextremistischen Rütli-Aufmarsch. Im Herbst gab Kunz
seinem Versand den unverfänglicheren Namen Helvetia Versand.
Das Angebot blieb unverändert und wurde auch noch kurze Zeit
über Internet angeboten, nämlich bis die Aargauer Kantonspolizei
bei Kunz im Rahmen eines Verfahrens wegen Widerhandlung gegen die
Rassismus-Strafnorm eine Hausdurchsuchung durchführte. Der
Versand hatte eine wachsende Kundschaft, wie die Berner Antifa bereits
Mitte August 2005 nachgewiesen hatte. Sie hatte die Kundendatenbank
mit über 150 Kundennamen zugespielt erhalten. (83).
Kunz ist auch Mitglied des Duos Die Eidgenossen, das
unter anderem Mitte Juli 2005 in Baden an der Veranstaltung einer
sonst unbekannten Kameradschaft Baden auftrat (84).
Kunz und sein Kollege sangen dabei das rassistische Afrikalied
der deutschen Gruppe Landser wie mitteilsame KonzertteilnehmerInnen
und auch Kunz selbst in rechtsextremistischen Foren
feilboten. Ansonsten veröffentlichte das Duo Die Eidgenossen
eine CD mit drei Liedern, fantasielosem Gitarrengeschrammel mit
einschlägigen Texten, darunter das frontistische Harstlied.
(82) Siehe Eintrag Baden-Dättwil AG, 17. Juli 2005
(83) Siehe beispielsweise Der Tages-Anzeiger, 17. August 2005
Buchversand Neue Zeitenwende
Seit November 2005 veröffentlicht der Buchversand Neue Zeitenwende
sein Angebot auch im Weltnetz. Der Versand bietet gemäss
Eigeneinschätzung Bücher zu diversen Themen
an, wie Geschichte, Kultur und Brauchtum, Politik und anderen
Themen. In Realität verbreitet er verschwörungsfantastische
Bücher über Geheimbünde, verherrlichende Literatur
über die Waffen-SS, dazu Bücher von rechtsextremistischen
Autoren wie Jürgen Schwab oder Peter Dehoust.
Erreichbar ist der Versand über ein Postfach in Flumenthal
(Nähe Solothurn), angemeldet ist die Homepage von Adrian Segessenmann,
Flumenthal. Der 26jährige Segessenmann ist seit vielen Jahren
in der Rechtsextremen-Szene aktiv, unter anderem war er am Hammerskin-Überfall
auf ein antifaschistisches Musikfestival in Hochdorf (4.11.1995)
beteiligt. Auch gehörte er zu den Organisatoren jener Vortrags-Veranstaltung,
die zu einem Paradigma-Wechsel beim Tatbestandsmerkmal Öffentlichkeit
führte (85).
Fazit: Im Jahr 2005 ist die rechtsextremistische
Subkultur zumeist aus Naziskinheads bestehend - zahlenmässig
wohl nur wenig angewachsen. Gleichwohl ist sie gestärkt, da
sie inzwischen über ein konstantes Netz von Szene-Angeboten
verfügt: Musikgruppen, Tonträger- und Bücherversände,
Nachrichtenportale im Internet, dazu eine Partei, die stabile Strukturen
aufgebaut hat. Noch nicht ausgestanden für die PNOS ist allerdings
ein Gerichtsverfahren wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm;
in erster Instanz hat das Bezirksgericht Aarau festgehalten, dass
verschiedene Punkte des Parteiprogramms eindeutig rassistisch seien.
(84) Siehe Eintrag Baden-Dättwil AG, 17. Juli 2005
(85) Siehe Bundesgerichtentscheid 6S.318/2003, siehe auch Eintrag
Seedorf BE, 26. September 1999
Luzern, Mitte Januar 2006
Hans Stutz
erschienen in "Rassismus in der Schweiz, Ausgabe 2005".
Alle Rechte beim Verfasser.
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