Spiel mit Emotionen
Unmittelbar nach dem Tod erscheinen – neben Schilderungen des Tatherganges – Porträts über das Opfer, illustriert mit einem Foto, das einen jungen Mann mit lockigem Haar zeigt. Vor allem «Le Matin», dessen Chefredaktor Peter Rothenbühler die Romands vom boulevardigen People-Journalismus überzeugen will, zeichnet das Bild eines «guten Burschen. Normal. Nicht gewalttätig. Verbunden mit seinen Eltern und verliebt in seine kleine Freundin aus Payerne.» Eine Darstellung, die die Täter (darunter besonders den Haupttäter, einen 21-jährigen Kapverdier mit portugiesischem Pass, der seit bald zehn Jahren in der Schweiz lebt) als skrupellose Bösewichte erscheinen lässt – eine gute Vorlage für rassistische Projektionen. Nur die Tatsache, dass das Tatmesser offenbar dem Opfer gehörte, nötigt auch «Le Matin» zu einigen argumentativen Windungen.
Da der Untersuchungsrichter keine Details zum Tatablauf veröffentlicht, lässt er den Medienschaffenden Raum zu Vermutungen. «Le Matin» spielt die Emotionen hoch, bis er von einer sich entwickelnden «Bewegung» schreiben kann, die den Behörden Laschheit vorwerfe, da zumindest einige Täter bereits Tage zuvor polizeilich angehalten worden waren. Am Samstag, 14. Juni, finden sich in La Chaux-de-Fonds über tausend Menschen zur Kundgebung gegen Gewalt zusammen, unter den Anwesenden einige Naziskins.
Am Sonntag, 15. Juni, veröffentlicht die Journalistin Françoise Boulianne in «dimanche.ch» eine «contre-enquête». Boulianne schreibt, der Junge habe in jüngster Zeit seine Haare sehr kurz getragen und in der Techno-«Hardcore»-Szene verkehrt. Er sei Teil einer Clique gewesen, die erstens sehr nationalistisch sei und zweitens Schlägereien nicht aus dem Wege gehe. Unklar bleibt allerdings, wie weit sich Michaël an solchen Schlägereien beteiligt hat.
Bouliannes Text relativiert die Scheusslichkeit der Tat nicht, aber demontiert das stilisierte Bild des biederen Opfers. Die Eltern des Opfers haben über ihren Anwalt verlauten lassen, sie würden wegen des Artikels eine Strafanzeige einreichen. Bouliannes Recherche wird in der Westschweizer Presse zwar erwähnt, deren Inhalt jedoch nur mit Vorbehalten aufgenommen. Zwar hatte bereits am Sonntagabend ein Freund des Opfers am Westschweizer Fernsehen gesagt, Michaël sei «sehr nationalistisch» gewesen, habe seine Kleider mit «Schweizerkreuzen» verziert, gerne die «Nationalhymne» gehört und den linksextremen «Abschaum» verabscheut.
Heftige Reaktionen löste Bouliannes Artikel auch auf der rechtsextremen Internetseite «Avant Garde Suisse. Jeunesse Identitaire Suisse» aus. Die Seite ist seit dem 1. Mai 2003 aufs Netz aufgeschaltet, wurde aber bislang kaum beachtet. Am selben Tag, als Bouliannes Text in «dimanche.ch» erschienen war, bedienten die Betreiber der Homepage die Eingeschriebenen mit einem Newsletter: Michaël sei «einer unserer Kameraden» gewesen, und man wolle am letzten Juni-Wochenende in Yverdon demonstrieren. (Eine Ankündigung, welche die Rechtsextremisten später zurückziehen.) Ein «Avant Garde Suisse»-Exponent publiziert zudem im «Forum» Adresse und Telefonnummer von Françoise Boulianne, mit der Aufforderung, sie anzurufen oder ihr zu schreiben, unter anderem, dass man sich einmal mit dem «Abschaum» beschäftigen müsse und aufhören solle, deren Verbrechen zu rechtfertigen. Ein weiterer «Avant Garde»-Exponent erachtet es dann als notwendig, beizufügen, Ziel sei es nicht, die Wohnung auseinander zu nehmen (plastiquer son appartement) oder ihr zu drohen.
«Le Temps» zieht später nach und demontiert endgültig das stilisierte Medienbild: Michaël war zwar nicht Mitglied der im Aufbau begriffenen, rechtsextremistischen Bewegung «Avant Garde Suisse» – die über Kontaktpersonen in Genf, Neuenburg und im Wallis, verfügt –, hatte aber seinen Beitritt angekündigt. Er war unter den zehn Ersten, die sich im «Avant Garde Suisse»-Forum eingetragen hatten, verfasste aber keinen eigenen Beitrag. Er ergänzte allerdings – was «Le Temps» nicht erwähnte – seine «signature» mit dem Eintrag «88», dem szeneninternen Code für «Heil Hitler». Diese Informationen interessieren «Le Matin», der so ergreifend über Michaël F. geschrieben hat, wenig. |