Die Ironie der Geschichte
Der Prozess zeigte die Grenzen der (nicht bestrittenen und notwendigen) Strafverfolgung überzeugter Holocaust-Leugner, nicht nur wegen der offensichtlichen Nutzlosigkeit, den Angeklagten von weiteren einschlägigen Straftraten abzuhalten. (Eine unbedingte Gefängnisstrafe die logische Folge für den bis anhin nicht vorbestraften Angeklagten.) Die Konfrontation mit Shoa-Überlebenden riss die Wunden der Zeugnis ablegenden Opfer auf, liessen den Leugner wie auch seine anwesenden SympathisantInnen jedoch unbeeindruckt. «Zeugen können sagen, was sie wollen», bemerkte der Lausanner Altnazi bereits vor der ersten Zeugenbefragung. Und nach der Anhörung eines Zeugen murmelte er nur: Wenn die Aussage schriftlich vorliege, werde er sie Robert Faurisson (einem bekannten französischen Holocaust-Leugner) vorlegen. Vorher wolle er sich nicht äussern.
Ironie der Geschichte: Einst versuchten sich Nazitäter hinter Befehlen zu verstecken, nun wollte der Nazifreund erst auf Anordnungen warten. Die Holocaust-Leugner fürchten sich offenbar nicht vor der Justiz, fraglich jedoch bleibt, ob es ihnen gelingt, den Prozess zu ihren Gunsten zu nutzen. Der Aufmarsch rechtsextremistischer SympathisantInnen war erstaunlich gering. Sicher werden in den kommenden Wochen in den einschlägigen Heftchen auch Lamenti über angebliche politische Justiz an einem angeblich unbescholtenen Bürger erscheinen. Gerade in den vergangenen Monaten haben die Schweizer Holocaust-Leugner vermehrt Aktivitäten entwickelt. Nicht nur dass sie Anfang März erstmals und ungeahndet in Sitten eine öffentliche Veranstaltung durchführten, in den vergangenen Wochen sandte der Verein «Wahrheit und Recht» (Präsident Jürgen Graf) allen Nationalrätinnen und Nationalräten eine Broschüre über den Bergier-Rapport, in der wieder einmal die jüdische Weltverschwörung behauptet wird. In den vergangenen Tagen reichte der Genfer Nationalrat Patrice Mugny (Grüne Partei) nun Strafanzeige gegen die Autoren ein, namentlich gegen Bernhard Schaub, René-Louis Berclaz, Jürgen Graf und Philippe Brennenstuhl. Graf, Berclaz und Brennstuhl bilden auch den Vorstand von «Wahrheit und Recht».
Aber ungeachtet aller Aktivitäten im rechtsextremistischen Milieu bleibt die Gewissheit: Mit der Anwendung der Rassismus-Strafnorm macht die Schweizer Gesellschaft deutlich, dass sie öffentliche rassistische Hetze und Propaganda nicht duldet, auch wenn diese sich nicht gänzlich ausradieren lassen.
Hans Stutz
Jüdische Rundschau, 13. April 2000
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