| Heftige Szenen Mitte April 1998 in
Lugano anlässlich des Cup-Achtelfinals FC Zürich gegen Lugano.
Die Hooligangruppe «Armata Sezione Nord» kündigte
im Internet ihr Kommen an. Die «City-Boys» haben - laut
ihrer Homepage - eben- falls «sehnsüchtig» auf das
Ereignis gewartet.
In der Pause versuchen sie dann in den Stadionbereich der Luganesi
vorzudringen und beschimpfen ihre Gegner von der «Armata Sezione
Nord» und dem «Commando Ultras 88» unter anderem
als «Juden». Es ertönen nationalistische Sprechchöre
und Slogans deutscher Rechtsextremisten wie «Hier marschiert
der Nationale Widerstand».
Nach dem Spiel versuchen die Zürcher Hooligans den Bus der
Luganesi zu stürmen. Steine fliegen, bei der Abfahrt geht die
Frontscheibe des Busses in die Brüche, aus dem abfahrenden
Bus zischen Leuchtgeschosse in die Menge. In den Medien steht jedoch
nichts über die gewalttätige Auseinandersetzung.
Sie seien «in einer Zwickmühle», sagt Beni Brack,
der seit 1997 als Sachbearbeiter «Hooligan» bei der
Zürcher Stadtpolizei arbeitet. Die Öffentlichkeit habe
- so Brack - einerseits ein Anrecht auf Information, anderseits
wolle man nicht, dass «sich die Hooligans schaurig wichtig
vorkommen».
Am 1. Mai 1998 seien in Zürich «rund achtzig Hooligans
und Skins» unterwegs gewesen, sagt Brack, die «Linken»
gehörten seit Jahren zum bevorzugten Feindbild der Szene. Zwar
würden Hooligans und Skins sich bei Bedarf voneinander distanzieren,
«doch treten sie immer wieder gemeinsam auf». Die Zahl
der Rechtsextremen ist laut Brack in den letzten drei Jahren kontinuierlich
gestiegen.
Ähnlich schätzt Dieter Schaub, Hooligan-Verantwortlicher
der baselstädtischen Kantonspolizei, die Situation ein. Für
ihn begann Ende Februar die Finalrunde der Fussball-Nationalliga
A mit einer Überraschung. So viele «Bomberjäckli»
hatte Schaub, der «das Wort 'Rechtsextremist' nicht gern in
den Mund nimmt», noch nie an einem Fussballmatch gesehen.
Während des Spiels FC Basel gegen FC Luzern hörte man
auf der Luzerner Allmend von den Basler Hooligans wiederholt antisemitische
Sprechchöre. Kurz vor Spielende zogen vierzig bis fünfzig
Skinheads geschlossen ab, viele von ihnen noch halb in der Pubertät.
Es drohte zu Ausschreitungen zu kommen wie Anfang April 1995, als
es in Luzern fünfzehn Verletzte gegeben hatte; schon damals
traten rechtsextreme Skins in Vollmontur auf (siehe WoZ Nr. 16/95).
POLITISCHE GEFECHTE
Der Psychologe David Zimmermann sieht es anders. Zimmermann arbeitet
in Fribourg als Jugendarbeiter und betreibt beim Hooli-gan-Club
«Hardturmfront» ein Fan-Projekt. Bereits im vergangenen
August sprach Zimmermann die Schweizer Hooligan-Szene in einem Leserbrief
vom Rechtsextremismus-Verdacht frei. Es gehe, so behauptet er, bei
den Auseinandersetzungen nach dem Spiel ausschliesslich um den «Kick»
in der «dritten Halbzeit». Zwar stellt auch Zimmermann
heute fest, dass «vermehrt Rechtsextremisten in den Stadien»
auftauchen, doch die «Dumpfbacken-rechts-Fans» würden
«nicht zum harten Kern der Hooligan-Szene» gehören.
Und wenn, wie beim Spiel FC St. Gallen gegen Grasshoppers geschehen,
bei Ballkontakten des israelischen Spielers Avraham Tikva Sprechchöre
wie «Wir wollen keine Judenschweine» ertönten,
dann seien das «keine Hooligans» gewesen.
Zimmermann übernimmt damit zwei ideologische Lügen der
Szene: Hooligans sind nicht politisch, und sie wollen lediglich
faire Kämpfe zwischen Gleichgesinnten ausfechten. Dass dies
nicht zutrifft, lässt sich anhand mehrerer Beispiele belegen.
In einem «Spielbericht» (FC Sion-FCZ, Mai 1998) auf
der Internet-Seite der «City-Boys» prahlt zum Beispiel
ein Zürcher: «Die nächste Zecke mit Irokesenkamm
und Che Guevara T-Shirt wurde schon beim Betreten unseres Sektors
gesichtet und umgeknallt, der Scheisser wusste gar nicht wie ihm
geschah.» Ähnliches passierte am 17. April in Aarau,
als die Berner Hooligans von der «East-Side» den Aarauer
Fan-Sektor stürmten und ein fünfzehnjähriges Mädchen
spitalreif schlugen. Die YB-Klubleitung distanzierte sich zwar umgehend
von den YB-Hooligans: «Für die von den Aargauer Behörden
identifizierten Rädelsführer wird der BSC YB ein totales
Stadionverbot verhängen.» Nur hat es YB in den vergangenen
Jahren versäumt, die Stadionverbote auch durchzusetzen.
EIGENE HOMEPAGES
Im Gegensatz zu den Schweizer Skin-heads, die noch keine eigene
Homepage betreiben, verfügt die Hooligan-Szene über mehrere
Homepages, so die bereits erwähnten «City-Boys-Zürich»,
wie auch deren Jugendabteilung «Boys Zürich» und
die Luganeser «Commando Ultras 88» (die Zahl «88»
steht für «Heil Hitler»). Unlängst verschwunden
ist die Homepage von Basler Hooligans, «NoLuzern», deren
Gästebuch besonders eifrig benutzt wurde.
Viele Einträge in den Gästebüchern dokumentieren
die antisemitische und rassistische Gesinnung der Schreiber. Die
Wörter «Jude» beziehungsweise «jüdisch»
sind häufig gebrauchte Verwünschungswörter. «Ihr
Juden-Luzerner seid alles Lutscher, hinter den Bullen den Lauten
markieren kann jeder», schrieb beispielsweise ein Basler Hooligan
nach dem Spiel gegen den FCL. Bereits Ende Januar 1998 hatten Basler
Hooligans das Internet-Gästebuch des FC Luzern mit rassistischen
Sprüchen und Belästigungen eingedeckt, bis der FCL das
Gästebuch schloss.
Selten sind auf den Hooligans-Internet-seiten hingegen Einträge
anzutreffen, die gegen das «Nazi-Gesüüse»
(ein Unbekann- ter auf der «City-Boys»-Homepage) anschreiben.
Auf den Internet-Seiten finden sich auch Hinweise über das
rechtsextreme Beziehungsnetz. Auf der «City-Boys-Zürich»-Homepage
werden beispielsweise die Schweizer Hammerskins gegrüsst; und
wenn man den Link «Siegener Bärensturm» anklickt,
landet man auf einer Seite, die zum harten Kern der deutschen Rechtsextremismus-Szene
gehört. Die Verbindungen zum «Siegener Bärensturm»
gehen sogar über die Internetverbindung hinaus: In der neuesten
Ausgabe von «Sprung auf ..., Marsch, marsch!!!» - gemäss
Untertitel eine «Publikation des Nationalen Widerstandes Siegerland/Sauerland»,
die vom «Siegener Bärensturm» herausgegeben wird
- finden sich gleich zwei Artikel von «Peter (City-Boys-Zürich)».
«Peter» berichtet in einem Beitrag über die Murtener
Skinhead-Demo gegen die Konzertverbote für Skin-head-Bands;
«Protestmarsch des Nationalen Widerstandes Schweiz»
nennt der Zürcher Hooligan den Aufmarsch von rund achtzig Skins.
Im andern Text schreibt «Peter», wie «eine Abordnung
der City-Boys-Zürich» am vergangenen 1. August in Richterswil
ver- suchte, Festredner Christoph Blocher vor Linken zu schützen.
Auch auf der «NoLuzern»-Homepage hatten die Hooligans
damals für eine 1.-August-Rede mit Blocher mobilisiert: «Patrioten,
Hooligans und Schweizer vereinigt euch morgen und zerschlagen wir
gemeinsam die linken Zecken!», hiess es dort unter anderm.
Die Internet-Gästebücher liefern manchmal auch unfreiwillig
Informationen. Der Hooligan «Armani», ein besonders
reger Schreiber auf den Hooligans-Seiten, grüsste zum Beispiel
plötzlich als «Benny» aus der Karibik. Von dort
gab er gute Ratschläge zu einem bevorstehenden Spiel FCB gegen
FCZ - Tenor: Die Zürcher Hooligans getrauten sich ja gar nicht
zu kommen. Wochen später dann die besorgte Frage eines anderen
Gästebuchschreibers: «Stimmt es, dass Armani zusammen
mit Don Raffi verhaftet wurde?» Die Antwort kam postwendend
von einem Basler, der sich «Steinen-Mob!» nennt: «Ja,
leider siehts so aus, als ob Armani nun seine 22 Monaten absitzen
muss!! Schade ... scheiss Interpol.» Gegen Don Raffi liefen
verschiedene Verfahren wegen Kreditbetrugs, weshalb er sich im vergangenen
Jahr mit seinem Freund «Armani» in die Karibik absetzte.
Inzwischen sitzen beide in der Schweiz im Gefängnis
Hans Stutz
Die WochenZeitung WoZ, 25. Februar 1999
Alle Rechte beim Verfasser.
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