Den bis anhin letzten Aufrüstungsschritt tat die Schweizer Naziskin-Szene in den letzten Wochen.
Im Gegensatz zu den Schweizer Hooligans verfügten die Naziskins bis vor kurzem über keine eigenen Internet-Homepages. Das ist nun anders. Gleich drei Deutschschweizer Skins schalteten ihre Webseiten kürzlich ins Netz. Einer nennt sich «Saccara», der andere «Dragon88», der dritte «Keyn». Die Saccara-Homepage gibt sich patriotisch und bieder: «Ich bin jetzt so frech und stecke Patrioten und Skinheads zu dem Begriff Skinheads zusammen», schreibt der noch unbekannte Verfasser. «Skins wollen Ordnung in das Land bringen.» Saccara aber hat nicht nur Mühe mit der Rechtschreibung, sondern auch mit den historischen Zusammenhängen: «Wenn Ausländerhass entsteht, wird es einen Grund geben. Bsp: Nicht die Schwarzen wurden als erstes Versklavt, sondern die Weissen!» Das entspricht einer szenenüblichen Vertauschung von Opfer und Täter. Saccara bietet nur einen einzigen «Patriotischen Link» an: die Homepage von SVP-Nationalrat Christoph Blocher. Ein weiteres Beispiel, in wessen politischen Schatten die Skins sich bewegen.
Nationalsozialistisch gibt sich die zweite Homepage eines Deutschschweizer Skins. «Sieg Heil Kameraden», tönt es aus dem Lautsprecher. Auf der Homepage flattert die Hakenkreuzfahne. «Dragon88» nennt sich der Betreiber. 88 steht für «Heil Hitler» - H ist der achte Buchstabe des Alphabets. Erst am vergangenen Wochenende ins Netz geladen wurde die dritte Schweizer Skinhead-Homepage auf der «Parasiten, Kanaken, Homosexuelle, Hippies, Punks und Drogensüchtige» nichts zu suchen hätten, «denn ihr seit es, die unser Land verschmutzen». Sie werden unverblümt zum Selbstmord angehalten. Die Seite ist noch im Aufbau. Einen Hinweis auf den mutmasslichen Betreiber gibt das verwendete Hammerskin-Wappen.
Noch immer beanspruchen die Schweizer Hammerskins die Führungsrolle innerhalb der Glatzen-Szene. Noch immer übernehmen sie die «Security» bei einschlägigen Veranstaltungen, das letzte Mal beim Konzert in Gretzenbach SO. Nach dem Skinhead-Überfall auf eine antifaschistische Musikveranstaltung gaben sich die Schweizer Hammerskinheads (SHS) neue interne Strukturen. Skin-Gruppierungen existieren in der welschen Schweiz (Hammerskinheads Romandie), in der Ostschweiz (Patriotischer Ostflügel), in der Agglomeration Bern (Nationale Offensive) und im Fricktal (Bösen Patrioten Fricktal). Viele Skins bewegen sich zudem in Cliquen und Gruppen ohne Namen und ohne feste Mitgliedschaft. Vermehrt stellt die Bundespolizei fest, sagt Jürg Bühler, dass militante Skinheads auch bei Aktivitäten der völkisch-heidnischen Gemeinschaft Avalon mitmachen. Dort treffen sich Holocaust-Leugner, Alt- und Neonazis und auch vereinzelte Islamisten. Avalon riskiert damit, auf die Beobachtungsliste des Staatsschutzes gesetzt zu werden.
Um die übers ganze Land verstreuten Glatzen zu mobilisieren, wird oftmals auch zum herkömmlichen Telefon gegriffen. Über das «Nationale Infotelefon», das vom 28-jährigen Hammerskin Reini Fischer aus Mutschellen AG betreut wird, verbreiten sie Hinweise auf politische Veranstaltungen - manchmal auch nur auf Saufgelage. Für das letzte Juliwochenende beispielsweise warben sie für eine dreitägige Naziskin-Party bei Mainz. Das sinnige Motto des Treffens lautete: «Freude durch Alkohol». Seit Anfang Jahr ruft das Infotelefon immer wieder zur Solidarität mit «den zwei politischen Gefangenen in Haft» auf. Als politische Gefangene gelten die beiden Hammerskins Pascal Lobsiger und Hermann Legenstein, die im vergangenen Herbst vom Luzerner Obergericht zu unbedingten einjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden sind. Seit Januar befinden sich die beiden Glatzen im Strafvollzug. Sie waren Anfang November 1995 am Skinhead-Überfall in Hochdorf LU beteiligt.
Beliebte Treffpunkte der Nazi-Szene sind Rockkonzerte, die im vergangenen Jahr vor allem in der welschen Schweiz stattfanden und oft von Olivier Kunz organisiert wurden. Meist treten einschlägig bekannte ausländische Gruppen auf. Die Ausnahme bilden Sturmtruppen- Skinheads oder die Newcomer Erbarmungslos, bestehend aus vier Ostschweizer Skins im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Sie hatten ihren ersten Auftritt am letztjährigen Frühlingsfest des Patriotischen Ostflügels (POF). Die Band besteht aus einem Landwirt, einem Zimmermann und einem Maurer. Sänger ist der 22-jährige Landschaftsgärtner und Hammerskin Daniel Bingesser, der bereits 1995 am Hochdorfer Skin-Überfall beteiligt war. In einem Interview macht die Band ihren politischen Anspruch deutlich: «Eine Partei, wie wir sie uns vorstellen, gibt es bei uns in der Schweiz leider noch nicht.» |