Am Donnerstag kommender Woche stehen zwei führende Schweizer Auschwitz-Leugner vor den Schranken des Bezirksgerichts Baden: Rund drei Jahre nach Beginn der Strafuntersuchung muss sich Jürgen Graf, ehemaliger Baselbieter Lehrer und Publizist antisemitischer Propagandaschriften, vor d em Richter verantworten. Er ist, ebenso wie sein Verleger, der 78jährige Gerhard Förster aus Würenlos AG, wegen mehrfacher Rassendiskriminierung angeklagt. Zwar hat der Aargauer Staatsanwalt Dominik Aufdenblatten beim Badener Bezirksgericht vor mehr als zwei Jahren eine erste Anklageschrift abgeliefert. Doch der zuständige Gerichtspräsident Guido Näf (CVP) liess die Sache liegen, bis ihm Mitte Februar 1998 der Prozess wegen «unhaltbarer Verfahrensverzögerung» entzogen wurde. Die Inspektionskommission des Aargauer Obergerichtes erwog die Eröffnung eines Disziplinarverfahrens gegen Näf; sie hat inzwischen darüber entschieden, will die Öffentlichkeit und damit die Stimmbürger, die im Kanton Aargau die Gerichtspräsidenten wählen, aber nicht informieren.
Die neu berufene Gerichtspräsidentin Andrea Staubli wird auch über die seit April 1996 von Staatsanwalt Aufdenblatten eingereichten fünf Zusatzanklagen gegen Graf und eine Zusatzanklage gegen Förster befinden müssen. 18 Monate Gefängnis unbedingt beantragt der Anklagevertreter für Graf, 16 Monate unbedingt für Förster. Neben den Haftstrafen fordert er Bussen von 27 000 und 22 000 Franken plus die Einziehung eines Teiles des Verkaufserlöses. Es sind die höchsten je in der Schweiz geforderten Strafen für Verstösse gegen die Antirassismus-Strafnorm, obwohl der Staatsanwalt nur die Hälfte der möglichen Höchststrafe von drei Jahren Gefängnis fordert. Allerdings wird Förster, pensionierter Diplomingenieur und ehemaliger Angehöriger der Deutschen Wehrmacht, eine allfällige Haftstrafe kaum absitzen. Der Gehbehinderte erachtet sich als nicht hafterstehungsfähig, amtet jedoch, trotz drei Hausdurchsuchungen, weiterhin als Geschäftsführer seines Verlages Neue Visionen. Vor wenigen Wochen versandte Förster sein Verlagsprogramm 1998: rund ein Dutzend Titel, vielfach antisemitisch, alle innerhalb von vier Jahren produziert. Die Verbreitung von Prospekten hat Förster in Deutschland bereits eine Busse wegen Volksverhetzung eingetragen.
Hauptperson des Prozesses ist jedoch Jürgen Graf. Der 47jährige ist erstmals vor neun Jahren mit seinem Buch «Das Narrenschiff» einschlägig bekannt geworden. Graf hatte seine fremdenfeindliche Abrechnung mit dem Asylwesen verfasst, nachdem er drei Jahre lang als Asylbefrager gewirkt hatte. Drei Jahre später machte er den Schritt zum Holocaust-Leugner: Im Dezember 1992 veröffentlichte Graf, damals Lehrer in Therwil BL, im Eigenverlag das Buch «Der Holocaust auf dem Prüfstand». Darin bestritt Graf, wie er damals in einem Leserbrief an die «Weltwoche» schrieb, «die Gaskammern, die behauptete Opferzahl und die Existenz eines Plans zur Judenvernichtung». Darauf wurde er umgehend vom Lehramt dispensiert.
Staatsanwalt Aufdenblatten wirft Graf vor, dieses Buch sowie eine erweiterte Fassung des Buches «Der Holocaust-Schwindel» nach Inkrafttreten der Antirassismus-Strafnorm weiter vertrieben zu haben. Nach seiner fristlosen Entlassung lernte Graf den Würenloser Gerhard Förster kennen. Er besass damals zwar noch keinen Verlag, engagierte Graf aber als Buchautor und gab ihm gleich noch die Idee für ein neues Machwerk mit. Das Buch «Auschwitz. Tätergeständnisse und Augenzeugen des Holocaust» funktioniert nach der Logik: Wenn nach einem Zugsunglück Zeugen über den Hergang verschiedene Aussagen machen, kann die Katastrophe gar nicht stattgefunden haben. Im August 1995 erschien ein weiteres Graf-Pamphlet mit dem Titel «Todesursache Zeitgeschichtsforschung» in Försters Verlag. Es handelt sich dabei um einen fiktiven Text über eine deutsche Geschichtslehrerin, die im Unterricht den Zweiten Weltkrieg behandelt und innert kurzer Zeit zur Holocaust-Leugnerin wird. Im Strafverfahren gegen Arthur Vogt, der Grafs Buch nach Deutschland versandt hatte, befand das Bezirksgericht Meilen im vergangenen Jahr, Graf vertrete in diesem Buch die «qualifizierte Auschwitz-Lüge». Er bestreite also nicht nur die systematische Ermordung der Juden, sondern verbinde damit auch noch Angriffe gegen die Menschenwürde aller Juden. Damit habe er «letztendlich die nationalsozialistische Rassenideologie propagiert».
Innert kurzer Zeit stieg der sprachenkundige Graf damit weltweit zur ersten Garde der zahlenmässig kleinen Schar Holocaust-leugnender Autoren auf, die sich selber Revisionisten nennen. Seine Aktivitäten haben ihm in Deutschland bereits eine rechtskräftige Verurteilung (ein Jahr Gefängnis bedingt) eingetragen, ebenso einen Haftbefehl, weil er im Frühling 1997 einem Gerichtstermin unentschuldigt fernblieb. Graf bezeichnet sich als «den ersten unter der zweiten Garnitur der Revisionisten». Was Graf die «erste Garnitur» nennt, ist jedoch inzwischen nicht mehr aktiv oder ist gestorben. |