Knapp 5000 Rechtsextreme stehen vor dem auf einem Lastwagen installierten Rednerpult vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal. Sie sind weiträumig umstellt von der Polizei und kontrolliert durch die eigenen, mit Armbinden gekennzeichneten Ordner, vielfach junge Skinheads oder stramm gescheitelte Recken. Die Organisatoren hatten es für zweckdienlich erachtet, den Teilnehmern ein "absolutes Alkoholverbot" zu verordnen.
Noch am Donnerstagabend hatte die rechtsextremistische Nationaldemokratische Partei Deutschland (NPD) den Aufmarsch von bis zu 15 000 Anhängern angekündigt, die Kundgebung vom Freitag blieb weit hinter diesen Erwartungen zurück. Dem NPD-Aufruf zur "Demonstration des nationalen Widerstandes" gefolgt sind vor allem junge Männer, meist Skins in Springerstiefeln und Bomberjacken. An die Tradition von Mai-Umzügen der untergegangenen DDR erinnern einige Glatzköpfe, die in voller Arbeitsmontur herumstehen. Der Kundgebungsaufruf beklagt die "rapid zunehmende soziale Verelendung von grossen Teilen unseres Volkes".
Den Rednern, angefangen beim schreienden NPD-Vorsitzenden Udo Voigt, fällt allerdings wenig mehr ein als die Beschimpfung von Nichtdeutschen. Der ehemalige Bundeswehr-Hauptmann Wolfgang Juchem, ein 58jähriger Dauerredner an Treffen militanter Neonazis, lobt die NSDAP, die 1933 den 1. Mai zum allgemeinen Feiertag erklärt habe. Unerwähnt lässt er die gleichzeitige und blutige Zerschlagung der Gewerkschaften damals. Juchem fordert den Austritt aus dem Gewerkschaftsbund und die Bildung nationalistischer Arbeitnehmerorganisationen. Eine Idee, die in anderen Ländern bereits umgesetzt wurde. Nach dem französischen Front national hat am Freitag auch Jörg Haiders FPÖ eine Gewerkschaft "nur für Inländer" gegründet.
Den heftigsten Beifall erhält Frank Rennicke, beliebtester
Sänger der deutschsprachigen Rechtsextremen, der Mitte Oktober
1997 auch in der Schweiz aufgetreten war. Organisiert hatte das
konspirative Treffen der völkisch-heidnische "Avalon Kreis"
an einem unbekannten Ort in der Ostschweiz. Rennicke erklärt
die 1955 vereinbarte Grenze mit Polen als "Unrechtsgrenze",
denn "Deutschland ist grösser als die Bundesrepublik".
Das Treffen wurde verboten - dann wieder
erlaubt
Die Neonazis haben nichts mitzuteilen, verteilen keine Flugblätter.
Nur eine einschlägig bekannte Zeitung wirbt für den Aufkleber
"Wohnraum und Arbeit zuerst für Deutsche". Und die
Jungen Nationaldemokraten Köln bieten Springerstiefel an. "Nur
ungern", so der Verteiler, gibt er den Prospekt an den Journalisten
ab. Denn "Gegenüber der Presse besteht ein absolutes Interview-
und Auskunftsverbot", Befehl der Kundgebungsführung.
Die Stadt Leipzig hatte sich bis Donnerstagabend gegen die Abhaltung der "Grossdemonstration" (NPD-Ankündigung) gewehrt. Dreimal hatte sie die Veranstaltung verboten. Einmal hatte das Oberverwaltungsgericht, zweimal das Verwaltungsgericht das Verbot wieder aufgehoben. Die im Grundgesetz festgeschriebene Versammlungsfreiheit gelte auch für die NPD, solange sie nicht vom Bundesverfassungsgericht verboten sei, lautet die Begründung. Verwehrt blieb der NPD jedoch der Marsch durch die Stadt.
An der 1.-Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes kritisiert
Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube noch am Freitagmorgen:
"Ich kann den Richterspruch nicht akzeptieren, aber ich muss
ihn respektieren."
Knapp eine Woche nach dem Wahlerfolg der rechtsextremen DVU in
Sachsen-Anhalt ist der Aufmarsch in Leipzig für die NPD ein
Flop. Erfolgreicher mobilisieren die Nazi-Gegner. Einiges mehr als
5000 Menschen besuchten am Vorabend ein Konzert "Leipzig zeigt
Courage", prominentester Act war die Kölner Gruppe BAP.
Ihr Sänger Wolfgang Niedecken rief die Zuhörenden auf,
"in den Maien zu tanzen und die Neonazis nicht laufen zu lassen".
Steinwürfe für die Polizei von
links und rechts
Mehrere hundert junge Linke standen bereits am frühen Freitagmorgen
vor dem Polizeikordon, der die Parkanlagen rund um das Völkerschlachtdenkmal
absperrte. Als die ersten Neonazis in Viererkolonne zum Kundgebungsplatz
marschieren, fliegen Pflaster- und Ziegelsteine gegen die Polizisten.
"Menschenverachtend", sei dies gewesen, kommentiert ein
Polizist aus Düsseldorf, dessen Helm durch einen Stein ein
Loch abbekam.
Am Abend zählte die Polizei 35 Verletzte und 36 beschädigte Einsatzfahrzeuge. Unter dem Völkerschlachtdenkmal, an dessen Spitze noch das Gegentransparent "Nie wieder Faschismus" hängt, langweilen sich die Neonazis bald. Bereits nach einer halben Stunde verkrümeln sich die ersten in die Büsche. Am frühen Nachmittag versucht plötzlich eine grössere Skingruppe den Polizeikordon zu durchbrechen, bewirft die überraschten Polizisten mit Steinen. Ein Fotograf bleibt mit Kopfverletzung liegen.
Hans Stutz
Sonntags-Zeitung, 3. Mai 1998
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