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Das
Büchlein von knapp hundert Seiten ist ein Riesenerfolg: rund
10000 verkaufte Exemplare allein in der Westschweiz, und dies innert
weniger Wochen. Doch dem Autor Jacques Chessex, der dieser Tage seinen
75. Geburtstag feierte, hat der Roman "Un Juif pour l'exemple"
(etwa: "Am Juden ein Exempel statuiert") herbe Kritik in
seinem Geburtsstädtchen Payerne beschert. Für den Karnevalsumzug
vom letzten Februarsonntag malten "Narren" seinen Namen
auf eine Milchkanne, die einen Grabstein darstellen sollte, und versahen
ihn mit der gezackten Doppelrune der Nazi-Terrortruppe SS. Andere
Fasnächtler aber taten Chessex die Ehre an, mit offiziell aussehenden
Aufklebern mehrere Strassentafeln auf seinen Namen abzuändern.
Schon Wochen vor der Fasnacht beklagte der parteilose Gemeindepräsident
Michel Roulin die Veröffentlichung des Bestsellers. Er hatte
diesen zwar nicht gelesen und wollte dies auch nicht tun, sondern
- wie er in mehreren Interviews betonte - die Waadtländer Kleinstadt
in eine grossartige Zukunft führen, mit ziviler Nutzung des Militärflughafens
und neu angesiedelten Firmen. Wie viele Leute der älteren Generation,
so erklärte Roulin, wolle er sich nicht "jener schwierigen
Zeiten, die man heute kaum verstehen kann, erinnern". Der Gemeindepräsident
betonte zwar, er wisse um den "Schrecken dieses schmutzigen Verbrechens".
Ein anderes Mal erklärte er aber auch, diese Tat sei nichts anderes
als ein "fait divers", tragisch zwar, doch üblicherweise
vergesse man solche Geschichten nach ein paar Tagen.
Täter und Hintermann verurteilt
Das Verbrechen: Am 16. April 1942 verlässt Arthur Bloch, Viehhändler
jüdischen Glaubens, frühmorgens seine Wohnung in Bern, um
an den Viehmarkt nach Payerne zu fahren. Acht Tage später findet
die Polizei nachmittags seine Leiche im Neuenburgersee, sie ist zerstückelt
und steckt in drei Milchkannen. Der örtliche Rädelsführer,
Hilfsarbeiter in der Autogarage seiner Brüder und Anführer
einer lokalen Nazigruppe, hat am Vormittag gestanden und den Ermittlern
den Weg gewiesen. Innert Stunden verbreitet sich im Städtchen
die Botschaft, der seit dem Markttag vermisste Bloch sei von Nazis
ermordet worden. Als die fünf geständigen Verhafteten, alles
Einwohner der Kleinstadt, abends für den Transport ins Untersuchungsgefängnis
aus dem Polizeiposten in Handschellen in einen Gefangenenwagen geführt
werden, verlangen Gaffer und Schaulustige Schnelljustiz.
Ein Jahr später werden die Täter wegen Mordes verurteilt,
dreimal zu lebenslänglich, einmal zu 20, einmal zu 15 Jahren
Gefängnis. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges verurteilt ein anderes
Waadtländer Gericht Philippe Lugrin, einen militanten Fröntler
und Antisemiten aus Lausanne, wegen Anstiftung zum Mord ebenfalls
zu 20 Jahren Gefängnis. Dieser ist wenige Tage nach der Tat mithilfe
von nazideutschen Stellen zuerst ins besetzte Frankreich, dann ins
Dritte Reich geflohen. Er hatte den Anführer der Payerner Nazis
angewiesen, sie müssten auf Befehl von "ganz oben"
einen Juden verschwinden lassen. Auch weitere Gruppen würden
nun zur Tat schreiten.
Als Nestbeschmutzer beschimpft
Damals lebte im Landstädtchen Payerne auch ein achtjähriger
Knabe: Jacques Chessex. Sein Vater war Direktor der Gemeindeschulen
und bekannt als verklärender Beschreiber des Landstädtchens,
dessen Bewohner sich gerne ihres kunsthandwerklichen Umgangs mit Schweinefleisch
rühmen. Jacques Chessex ist heute der bekannteste Westschweizer
Schriftsteller und wird auch über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen.
Die Erinnerungen an die schreckliche Tat hätten ihn seit 67 Jahren
verfolgt, erklärt er in einem Interview. Er hat die Tat bereits
vor vierzig Jahren in einem kurzen Text behandelt, sodass ihm nun
die Regionalzeitung "La Broye" vorwirft, Chessex spucke
seit Langem auf seine Geburtsstadt. Auf viel Widerstand stiess denn
auch Chessex' Vorschlag, in Payerne mindestens eine Gedenktafel für
Arthur Bloch aufzustellen, allenfalls auch einen Platz in "Arthur-Bloch-Platz"
umzutaufen. Man habe nun "Bloch ein zweites Mal umgebracht",
sagte er letzte Woche über die Milchkanne am Karneval.
Ein Jude musste es sein
Chessex schreibt über seine Erinnerungen
an die Fakten, aber auch über die inzwischen entstandenen Gerüchte,
insgesamt ist sein Roman eine Zusammenfassung der örtlichen Oral
History, der mündlichen Überlieferung. Doch die Erinnerung
ist sowohl Muse wie Falschspielerin, wie die seit über zehn Jahren
zugänglichen Gerichtsakten aufzeigen. Diese Dokumente hat Chessex
nicht eingesehen. Er behauptet beispielsweise, die fünf Täter
wie auch der ferne Anstifter hätten Tage vorher Bloch gezielt
als Opfer auserkoren.
In Tat und Wahrheit wollte die Payerner Gruppe am Vorabend des Marktes
einen Viehhändler Braun aus Basel umbringen, doch dieser war
nicht auf dem Platz. Am Markttag dann lungern zwei, manchmal drei
Tatwillige auf dem Markt herum. Schliesslich spricht einer Bloch an:
Sein Bruder habe zwei Kühe im Stall, die er verkaufen wolle.
Bloch folgt ihm in einen Stall unweit des Marktplatzes. Drei Tatwillige
stehen im Stall und beobachten die Kaufverhandlungen. Nach längerem
Zögern schlägt einer der Täter Bloch mit einem Eisenstab
nieder.
Männer mit gutem Leumund
Unmittelbar nach der Verhaftung beschreibt die Polizei die Täter
sofort als aussergewöhnlich gewalttätig. Allerdings sind
sie alle ohne einschlägige Vorstrafen. Ja, just am Tattag bestätigt
ein Gemeindepolizist in einem Leumundsbericht den guten Ruf des lokalen
Anführers: Dieser sei zwar der lokale Chef einer politischen
Gruppe, die mit dem Nazi-Regime sympathisiere, man betrachte ihn aber
als guten Mitarbeiter, arbeitsam und zurückhaltend, charakterlich
sei er ein wenig verschlossen.
Chessex erwähnt, dass sein Vater eine Zeugenaussage machen musste,
weiss jedoch nicht, dass sich der Schulleiter sehr nachsichtig über
den jüngsten Täter, einen ehemaligen Schüler der Schule,
äusserte, wie übrigens auch ein Klassenlehrer und ein Kadettenführer.
Das Geschehen hinter den Kulissen des Amtsgeheimnisses und der Medienzensur
leuchtet Chessex in seinem Buch nicht aus.
"Widerwärtiges Blatt
wenden"
In der Tat lebten die örtlichen Nazitäter bis zum Mord unangefochten
in der Kleinstadt. Nach der Verhaftung werden sie sofort zu Ausgestossenen,
auch in der Vergangenheit. Die Payerner Meinungsführer wollten
sich ihre Untätigkeit gegenüber den örtlichen Nazis
nicht vorhalten lassen. Bereits wenige Tage nach der Tat schrieb eine
der beiden Lokalzeitungen, je weniger man von dieser Ungeheuerlichkeit
spreche, desto besser sei es. Und nach dem Prozess klagte das Blatt
zuerst, die Gerichtsverhandlung habe den Namen der Stadt "in
traurige Schlagzeilen" gebracht, aber nun gelte es, "dieses
widerwärtige Blatt zu wenden".
Als der Fotograf und Filmer Yvan Dalain und der Journalist Jacques
Pilet in den Siebzigerjahren einen Dokumentarfilm über den antisemitischen
Mord drehten, sperrten sich Payernes Notabeln gegen das Unternehmen.
Der Stadtarchivar, heute noch im Amt, erklärte damals, es sei
"ein verrückter und bedauerlicher Zwischenfall". Aber
er denke nicht, dass man viel darüber sprechen müsse. Dieser
Film, der bei seiner Ausstrahlung 1977 einige Diskussionen auslöste,
fasste das bekannte Wissen erstmals zusammen. Jacques Chessex allerdings
tat ihn unlängst als "schwatzhaft" ab.
Erinnerungsarbeit
Immer wieder dokumentiert
Wenn Jacques Chessex "nicht von Zeit zu Zeit mit diesem Thema
käme", würde man nicht mehr über diese Tat sprechen,
behauptet der Payerner Staatsarchivar Michel Vauthey. Er spricht
an den Fakten vorbei. Chessex hatte zwar bereits früher über
die Tat geschrieben, nämlich 1965 und 1967 zwei Kurztexte,
die in Sammelbänden erschienen. Er ist damit aber nicht der
Einzige, weder in der Romandie noch in der Deutschschweiz.
Eine ausführliche Recherche, mit vielen Interviews und Nachforschungen
in der Presse der Kriegsjahre, unternahm 1977 der damals junge Journalist
Jacques Pilet, zusammen mit dem Filmer Yvan Dalain. Ihr Film "Analyse
d'un crime" führte zu einer kurzen und heftigen Auseinandersetzung.
Das ebenfalls 1977 veröffentlichte Buch Pilets, "Le Crime
nazi de Payerne", verschwand bald wieder aus der öffentlichen
Wahrnehmung.
In der Deutschschweiz verarbeitete der Schriftsteller Walter Matthias
Diggelmann das Thema in einer Kurzgeschichte, die jedoch viele Ungenauigkeiten
enthält. Das neue Buch von Jacques Chessex wird in den ersten
Monaten 2010 auch auf Deutsch erscheinen.
Der Autor dieser "Bund"-Seite hat die antisemitische Tat
vor bald zehn Jahren in einer historischen Reportage dargestellt.
Dieses Buch ist bis anhin das einzige Werk, das sich auch auf die
seit Längerem zugänglichen Untersuchungs- und Gerichtsakten
stützt. Es leuchtet zudem den damaligen Hintergrund aus: Antisemitismus
war in der Zwischenkriegszeit im Waadtland keine Haltung, die das
gesellschaftliche Ansehen schmälerte. In der offen antisemitischen
Ligue vaudoise organisierten sich demokratiefeindliche Intellektuelle
und erfreuten sich des Wohlwollens einflussreicher Kreise. (H.S.)
Befragungen und Aufwallungen
Zählebiger Antisemitismus
In den ersten Wochen 2009 erhielten jüdische Vereine und Exponenten
massiv mehr antisemitische Zuschriften und Drohungen - wie immer,
wenn die kriegerischen Auseinandersetzungen sich im Nahen Osten
intensivieren und die israelische Armee ihr Waffenübergewicht
ausspielt. In Zürich beispielsweise landeten anonyme Flugschriften
in Briefkästen, vertrieben von einem unbekannten "Verein
Schweiz ohne Juden".
Die Aktualität hatte den latenten Antisemitismus, der auf viele
gesellschaftlich verankerte Ideologiefragmente zurückgreifen
kann, aufgeweckt, wenn auch nicht in jenem Ausmass wie 1997, als
Bundesrat Pascal Delamuraz während der Diskussionen um die
nachrichtenlosen Vermögen von "Lösegeldforderungen"
sprach.
In den vergangenen Jahren haben mehrere Befragungen das Ausmass
antisemitischer Einstellungen in der Schweiz zu bestimmen versucht,
mit unterschiedlichen Ergebnissen. 1998 war eine Befragung auf 7
Prozent Antisemiten gekommen, 2000 eine andere auf 16 Prozent, und
2006 hatte eine Nationalfonds-Studie rund 20 Prozent "misanthropische"
Einstellungen geortet. Darunter subsumieren Sozialforscher um den
Genfer Sandro Cattacin Antisemitismus (20 Prozent), Islamfeindlichkeit
(30 Prozent) und Fremdenfeindlichkeit (50 Prozent). Die Befragungen
waren - soweit überhaupt feststellbar - von unterschiedlichen
Kriterien ausgegangen.
2007 veröffentlichte das Berner Forschungsinstitut GFS von
Claude Longchamp eine breit angelegte und strukturell neu konzipierte
Studie. Das Ergebnis: Bei 10 Prozent der Befragten liessen sich
"systematisch antijüdische Einstellungen" nachweisen.
Diese Befragten teilten "grossmehrheitlich alle negativen Stereotype
über Jüdinnen und Juden"; rund 28 Prozent wiesen
ferner punktuell antijüdische Einstellungen auf. 15 Prozent
seien emotional verstimmt wegen der Politik Israels, wobei Kritik
an Israel nicht zwangsläufig antisemitisch sei, wogegen Antisemiten
fast immer Israel kritisierten. (H.S.)
Die Bücher
Jacques Chessex: Un Juif pour l'exemple. Grasset, Paris 2009, 104
Seiten. 28 Franken.
Hans Stutz: Der Judenmord von Payerne. Rotpunkt, Zürich 2000.137
Seiten, 29 Franken.
Der Film:
tinyurl.com/payerne
Hans Stutz
Der Bund, 23. März 2009
Alle Rechte beim Verfasser
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