Von Daniel Dunkel und Hans Stutz
Der glatzköpfige Rechtsextremist Gary Albisser gibt sich am Telefon ungehalten: «Wir sagen gar nichts.» Der 25jährige Malarbeiter aus dem luzernischen Littau, einer der Anführer der Schweizer Hammer-Skinheads, hält sich an das vereinbarte Schweigegebot. Wer das Redeverbot bricht, riskiert rechte Kameradenprügel. Auch die Skinheadfrauen halten den Mund: «Wir dürfen nichts verraten», sagt die Lebenspartnerin eines Aargauer Skins. Die Schweizer Hammer-Skinheads (SHS) scheuen die Öffentlichkeit. Am Samstag, 4. November, jedoch brachte sich die rassistische Bewegung selber in die Schlagzeilen. Etwa 30 vermummte Männer stürmten in Hochdorf im luzernischen Seetal ein «Festival für Völkerfreundschaft», veranstaltet von der «Antifaschistischen Aktion Luzern». Die rabiaten Angreifer schlugen wahllos auf Anwesende ein und verwüsteten den Konzertraum. Nach zwei Minuten war der Spuk vorbei, zurück blieben vier Verletzte. Am folgenschwersten traf es den Mann an der Kasse. Er lag mehrere Tage mit einem zertrümmerten Ellbogen im Spital.
Der kommandoartige Angriff auf die missliebige Veranstaltung kam überraschend - und war dennoch absehbar: Seit Jahren hetzen die Hammer-Skinheads gegen Schwarze, Juden, Schwule und Linke. Viele der 200 bis 300 SHS-Aktivisten sind bereits wegen Gewaltdelikten vorbestraft. Seit geraumer Zeit beanspruchen sie die Führerschaft der rechtsextremen Schweizer Glatzen. Seit ihrer Gründung im Winter 1991/92 haben die Kämpfer «für die weisse Rasse» verschiedene lokal verankerte Skin-Cliquen in ihren Kameradenbund einverleibt, darunter die Rechtsradikale Mutschellenfront (RMF) und insbesondere deren zwei Hauptexponenten Reini Fischer und Andi Staub, Übername «Neanterthaler». Zu den festen SHS-Stützen zählt seit Jahren auch die Thurgauer Skinhead-Szene und ihr einstiger politischer Arm, die Nationale Jugend Schweiz, die rassistische Kleber («Rassenmischung ist Völkermord») und Plakate («Für Gott, Rasse und Nation») verbreitete.
In den Tagen nach dem Überfall auf das «Festival für Völkerverständigung» in Hochdorf verhaftete die Luzerner Kantonspolizei über 20 Tatverdächtige, darunter den 27jährigen Luzerner Patrik Iten. Der kaufmännische Angestellte einer Luzerner Garage für Luxuskarossen ist Mitbegründer der Schweizer Hammerskinheads. Iten ist ein Skin-Oldie. Im Januar 1986 berichtete ein Luzerner Untergrundmagazin über ein Gespräch mit Iten und zwei Luzerner Kollegen: «Die LU-Skins stehen rechts, und sie geben zu, dass ihr Vorbild Adolf Hitler heisst.» Der damals 18jährige Skin erhielt besondere Erwähnung: «Iten besitzt zu Hause eine stattliche Sammlung von Material über Adolf Hitler.» Es blieb nicht beim Sammeln. Wie andere Luzerner Skins schloss sich Iten der «Totenkopf»-Gruppe an, die sich ihren Namen in Anlehnung an die Totenkopf-Division der Waffen-SS gab. «Totenkopf» nannte sich auch das von Iten herausgegebene Szeneblatt, von dem zwischen Frühling 1991 und Sommer 1993 sechs Nummern erschienen.
Vergangene Woche konnte die Luzerner Kantonspolizei gut die Hälfte der Glatzköpfe ermitteln, die am Überfall in Hochdorf beteiligt waren. Nach Aussagen des Hochdorfers Amtsstatthalters Hermann Büttiker sind die Schläger durchschnittlich 22 Jahre alt und stammen aus den Kantonen Luzern, Aargau, Thurgau, Zürich und Bern. Mehrheitlich bezeichnen sie sich als Anhänger der SHS, sind geständig und inzwischen wieder auf freiem Fuss. Büttiker ist zuversichtlich, mindestens 30 Täter ermitteln zu können: «Auf Grund von Aussagen nehmen wir laufend weitere Personen fest.»
Verhört wurden auch der Thurgauer Skin-Exponent Pascal Lobsiger sowie sein Aargauer Weggefährte Reini Fischer von der einstigen Mutschellenfront. «Beide konnten bisher vom Vorwurf der Täterschaft nicht entlastet werden», sagt Büttiker zum Stand der Ermittlungen. Mit dem Angriff auf die jungen Luzerner Linken machten die SHS zum drittenmal innert weniger Monate Schlagzeilen. Ende August trafen sich über 200 Skins im solothurnischen Schönenwerd zur «5. SHS-Sommerparty». An der Anti-EU-Demonstration von Christoph Blocher Ende September in Zürich stand Pascal Lobsiger in der vordersten Reihe der rechtsextremen Steinewerfer. Gegen ihn ermitteln die Zürcher Behörden inzwischen wegen Landfriedensbruch.
Ihren Führungsanspruch setzen die Hammerskins gelegentlich rüde durch. Im Sommer 1993 wollten Luzerner Hammerskins eine Gruppe Skinheads im Luzerner Vorort Littau unter ihre Fittiche nehmen, doch die Jugendlichen wollten sich nicht unterordnen. Erfolgreicher waren die Hammerskins diesen Sommer. «Sie befehlen jetzt, wo es durchgeht», sagt Reto Guardiani, ehemaliger Aktivist der Rechtsfront Olten (R.F.O.). Der 25jährige SBB-Betriebsdisponent bezeichnet die neuen Anführer als «Psychopathen, die wahllos auf Ausländer losgehen». Weil er bei den Prügelaktionen nicht mitmachen wolle, stehe er auf der Abschussliste: «Sie haben mir bereits mehrfach gedroht, mich fertigzumachen.» Die Drohungen sind ernst zu nehmen. Im Oktober bezogen zwei jugendliche R.F.O-Mitglieder Prügel von Hammerskins, nachdem sie dem Fernsehen DRS ein Interview gegeben hatten. «Die kamen von auswärts», berichtet eines der Opfer. Mehr will er nicht sagen: «Wir haben abgemacht, dass wir schweigen.»
Zuwachs erhalten die Schweizer Hammer-Skins auch in der welschen Schweiz. Die Juli-Nummer von «Mjölnir», des Szenenblattes der Neuenburger Skins, firmiert erstmals als Stimme «des Hammerskins suisses romands». Die Postille war bis anhin das Sprachrohr der Parti Nationaliste Suisse et Européen (PNSE). Die 1991 gegründete Kleinstpartei organisierte 1992 und 1993 mehrere Propaganda-Aktionen und klebte im Januar 1992 in La Chaux-de-Fonds Plakate mit der Aufschrift «Europa Blanche, notre identité» (Weisses Europa, unsere Identität). PNSE-Mitglieder waren eingebunden ins Beziehungsnetz der europäischen Rechtsextremen, einzelne PNSE-Kameraden marschierten im Sommer 1993 am neonazistischen Gedenkmarsch für Rudolf Hess im norddeutschen Fulda. Die Hammerskins wissen, dass sie sich mit Sympathiebekundungen für nationalsozialistisches Gedankengut politisch disqualifizieren. Sie schotten sich deshalb ab und leben ihre Gesinnung bei vertraulich vereinbarten Treffen aus. Auch ihre Szenenblätter sind nur für Insider bestimmt. Die fotokopierten Hefte berichten von gemeinsamen Besäufnissen und vermitteln rechtsextreme Ideologie. Illustriert sind die Texte häufig mit Hakenkreuzen und dem Keltenkreuz als Symbol für «White Power», die Herrschaft der weissen Rasse.
In den vergangenen Monaten trafen sich die Hammerskins zu einer ganzen Reihe gesellschaftlicher Anlässe. Das Jahr 1995 begann für die Schweizer Hammerskins mit einer internen Schlägerei in einem Wald bei Kreuzlingen. Nachdem die Skins noch im Wald herumgeballert hatten, erschien am Neujahrsmorgen die Thurgauer Polizei und beschlagnahmte neben Waffen auch Hakenkreuzfahnen und Hakenkreuzkleber. Meist verlaufen die Treffen der Hammerskins allerdings friedlicher. Innerhalb von fünf Monaten fuhren sie zweimal nach Mailand zu Konzerten von rechten Szenebands. Hitlers Geburtstag begingen sie in diesem Jahr bei «unseren Hammer-Skin-Brüdern aus dem Welschland» und entfachten «auch ein HK (Hakenkreuz) auf dem Feuerhaufen». So berichtete der «Hammer», ein SHS-Magazin. Unerwünschte Gäste bei Skinpartys müssen mit Schlägen rechnen. An der «Frühlingsparty» von Mitte Juni im thurgauischen Amriswil habe man, so berichtet der «Hammer», «einen Linken» entdeckt, «der sich eingeschlichen hatte. Dieser kriegte auch gleich seine Rechnung.» Zwei Monate später war ein interner Sicherheitsdienst zuständig für allfällige Spitzel. Die Skins sperrten für ihre «Sommerparty» im solothurnischen Schönenwerd eigenmächtig ein öffentliches Gelände an der Aare ab. Spaziergänger hörten «Heil Hitler»-Rufe, die Solothurner Polizei schritt nicht ein. Am folgenden Morgen fanden Passanten ein Transparent, welches das deutsche Verbot von Naziparteien kritisierte: «350 Partei- und Organisationsverbote! Stoppt die Demokröten». Auch Sprayereien verwiesen auf die Gesinnung der Festgesellschaft: «Rudolf Hess, das war Mord! Stürzt die BRD-Regierung». Der einstige NSDAP-Reichsminister Rudolf Hess gilt unter den Rechtsextremisten als «Märtyrer».
Die Hammer-Skins nennen sich gerne «Patrioten», sind aber eingebunden ins europäische Beziehungsnetz der Rechtsextremen. So finden die SHS-Blätter «Berserker» und «Hammer» Beachtung über die Landesgrenze hinaus. «Sehr sauberen Druck und sauberes Layout» habe die jüngste Ausgabe des «Berserker», lobt «Hass Attacke», das Magazin der sächsischen Hammerskins. Ideologische Korrektheit attestiert der 61jährige Österreicher Karl Polacek den Schweizer Blattmachern. Polacek war niedersächsischer Landesführer der inzwischen verbotenen neonazistischen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). 1992 wurde er aus Deutschland ausgewiesen. In seiner Zeitschrift «Braunauer Ausguck» kommentiert er die SHS-Blätter: «Der radikal-nationale Kurs lässt nichts zu wünschen übrig.» Der «radikal-nationale Kurs» bewog die Skins im vergangenen Jahr zur Teilnahme am Kampf gegen das Antirassismusgesetz. Der interne Aufruf zum Urnengang ist ein Novum: Die Skins ziehen in der Regel ein Saufgelage einer politischen Diskussion vor. Manchmal fehlt ihnen auch die Zivilcourage. Ein demonstrativer Aufmarsch an einer SP-Kundgebung für das Antirassismus-Gesetz im aargauischen Bremgarten war von kurzer Dauer: Als ein lokaler Fernsehsender seine Kamera auf die Skins richtete, verliessen diese schleunigst den Saal. Die Bomberjacken zogen sie sich über ihre Glatzen. |